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Empfehlungen der Redaktion aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Strandläufer mit eigenem Antrieb
So schön kann Physik sein, wenn Kunst daraus wird: Der Holländer Theo Jansen und seine bewegten Skulpturen am Meer

Theo Jansen frönt einer seltsamen Leidenschaft: Der Niederländer erschafft riesige Gestalten unwirklicher Art. Aber keine Angst, Jansen ist kein zweiter Dr. Frankenstein. Seine Geschöpfe sind eher bezaubernd schön, faszinierend – und völlig harmlos. Mit unendlicher Geduld formt Jansen aus unzähligen PVC-Rohren, Plastikflaschen und Folien scheinbar skelettierte Urviecher, die am Strand von Scheveningen immer wieder für Aufsehen sorgen. Schließlich stehen Jansens strandbeesten, zu Deutsch: Strandgeschöpfe, keineswegs still. Sobald genug Wind in ihre zarten Glieder fährt, setzen sich die filigranen Wesen auf ihren Beinen in Bewegung. Es gleicht einem Wunder, wie diese sonderbaren Lebensformen den Strand erkunden. Ein überdimensionaler Fisch, der scheinbar auf dem Land gestrandet ist und dort wie ein Tausendfüßler vorankommt. Oder kleinere Kugelwesen, die ihre Segel gen Himmel strecken. Bewundern, wenn auch leider statisch und somit ihrer größten Kunstfertigkeit beraubt, lassen sich Jansens Geschöpfe nun in einem opulenten Bildband. In ruhigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen hat die Fotografin Lena Herzog die künstlichen Lebewesen festgehalten. Bei der Betrachtung des Buches kommt unweigerlich Bewunderung für das Werk des Künstlers auf: Es ist kaum zu begreifen, wie aus schnödem PVC solch anmutige Schönheit entstehen kann. Der ehemalige Physikstudent hat insgesamt fast 20 Jahre aufgebracht, um jeder neuen Generation von Strandtieren neue Fähigkeiten zu verleihen. Ihre Fortbewegung wurde immer ausgefeilter, mittlerweile erkennen sie sogar den Einbruch der Flut. Herbststürme machen ihnen allerdings noch immer den Garaus. Aber auch gegen diese Bedrohung will Theo Jansen die Kunstwesen in der Zukunft wappnen. Wer weiß, vielleicht findet das eine oder andere Strandtier dann seinen Weg zu uns nach Deutschland. Wer nicht so lange warten will, findet im Buch einen sehenswerten Vorgeschmack. Marc von Lüpke-Schwarz

Lena Herzog, Theo Jansen, Lawrence Weschler: „Strandbeest. Die Traummaschinen von Theo Jansen“, Taschen, Köln, 2014, 328 Seiten, 39,99 Euro


Die Küste der Finsternis
Erstmals vollständig und dazu meisterhaft ins Deutsche übertragen: Graham Greene als Chronist spätkolonialer Machenschaften in Liberia

In Liberia, der im 19. Jahrhundert von afroamerikanischen Exsklaven gegründeten Republik, war es wieder einmal zu Fällen von Versklavung gekommen. Ein Exposé zu einem sarkastischen Afrikaroman von Evelyn Waugh? Nicht ganz: Im Jahr 1935 hatte sich in jenem bis zum heutigen Tag politisch instabilen westafrikanischen Land tatsächlich ein solcher Skandal ereignet und eine Londoner Anti-Sklaverei-Organisation ihren Mann nach Monrovia geschickt: Graham Greene. Dieser war kaum weniger abgebrüht als sein Kollege und Konkurrent Evelyn Waugh, sodass als Resultat seiner Reise kein moralisches Pamphlet entstand, sondern ein Stück diabolisch funkelnder Prosa. „Ich hatte aus England ein Empfehlungsschreiben für den Warlord Nimley vom Stamm der Kru mitgebracht, den Anführer der Küstenrebellion von 1932.“

Im englischen Original bereits 1936 erschienen, wurde „Reise ohne Landkarten“ erst jetzt vollständig ins Deutsche übertragen – in einer stilistischen Meisterleistung des Romanciers Michael Kleeberg. Greene reiste mit seiner Cousine per Schiff von Liverpool via Madeira und Teneriffa ins sierraleonische Freetown und schlug sich von dort auf dem Landweg nach Liberia durch – mit mehr oder minder ortsunkundigen Trägern, die er keineswegs mit kolonialer Arroganz behandelte. Greenes an Misanthropie grenzende Illusionslosigkeit war farbenblind. Als „völliger Amateur, was Reisen in Afrika betraf“, findet er sich trotz aller Strapazen ziemlich gut zurecht und deckt zwar keine Skandale auf, schreibt jedoch Faszinierendes über spirituelle Trunkenheit – im Gegensatz zur „unangenehmen Besoffenheit der Küste“. Dort wird er Zeuge eines Wahlkampfspektakels, das er hellsichtig in Beziehung setzt zur nicht minder abstoßenden Ausbeuterpraxis des amerikanischen Gummimonopolisten Firestone. „Der Hass und das Misstrauen gegenüber dem weißen Mann kann einen nicht verwundern. Die letzte Anleihe bei und die letzte Konzession an die Firestone Company aus Ohio hat die liberianische Souveränität so gut wie übertragen auf ein Privatunternehmen, das keinerlei Interesse an Liberia hat – außer Gummi und Dividenden an Land zu ziehen.“ Folglich spielten die einen Demokratie und kauften mit billigem Fusel Wählerstimmen, während die anderen als Herren der Gummiplantagen „Löhne“ zahlten, die ebenfalls nichts weiter waren als kalter Spott. Hinzukommt, dass der hiesige „weiße Mann“, Inkarnation des rassistischen Säufers ohne jeden Anhauch metaphysischer Unruhe, noch nicht einmal als Greene’sche Romanfigur taugen konnte. „Ihre Frustration war wie die Nabelschnur, die sie an Afrikas Küste band.“

So atmosphärisch dicht das liberianische Ambiente beschrieben ist – als Kulisse für spätkolonialen Exotismus eignet es sich nicht, entsprechend souverän klingt Greenes Resümee. „Was mich an Afrika erstaunt hatte, war, dass es nie wirklich fremdartig gewesen war.“ Dieser Verzicht auf Pathos kommt dem Buch zugute, einer präzisen Prosa, in der Afrikas Westküste schließlich doch noch zur Joseph Conrad’schen Metapher wird für menschliche Existenz schlechthin: „eine einzige Küste, nicht weit entfernt von der zentralen Finsternis“. Marko Martin

Graham Greene: „Reise ohne Landkarten“, aus dem Englischen von Michael Kleeberg, Liebeskind, München, 2015, 378 Seiten, 22 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 111.  Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 111

No. 111August / September 2015

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