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Eindeutig stärker als das Ich
Eine Ungarin am Meer, so nördlich wie noch nie: Die Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora war ein Jahr Inselschreiberin von Sylt

Zuerst fing der Wind an mit der Klingelanlage zu spielen; oben in der Wohnung summte es aus dem Hörer. Dazu aus der Ferne das rollende Meer; bald knackte, rumorte und säuselte es überall. Als würde alles unter Strom stehen, sich aufeinander einstimmen, bevor dann der Sturm losbrach und die Nacht lang anhielt. Terézia Mora, die erste Inselschreiberin von Sylt, ist immer noch ganz beeindruckt.

Mora, 1971 in Ungarn geboren, 1990 nach Berlin übergesiedelt, Schriftstellerin, Drehbuchautorin, 1999 der Bachmann-Preis. Dann Inselschreiberin. Ein schöner Kontrast: die als oberflächlich verschrieene Insel der Reichen und Schönen – und die junge Dichterin, die als mal mürrisch, mal spröde, in jedem Fall als eigensinnig gilt. Ihr Kapital: literarisches Talent. Die Gegenleistung: zwei Mal je einen Monat mietfrei mit Meerblick wohnen und arbeiten, einmal im Sommer, einmal im Winter, plus einer Zulage von 5000 Euro.

Untergebracht hat man Terézia Mora am Rand von Rantum, auf halber Strecke zwischen Westerland und Hörnum. Klassisch idyllisch ist es hier nicht. Statt im reetgedeckten Friesenhaus steht ihr Schreibtisch in einem flachen, schnörkellosen Neubau, unter ihr eine Abfüllanlage für Quellwasser. Silberne Tanks, verschlungene Förderbänder, Paletten mit Leergut. Ein paar Schuppen, eine Lagerhalle, ein verschlickter Anleger am Ende. Es gefällt ihr hier. Ganz besonders, auf dem schmalen Teil Sylts zu sein, wo sie von jeder Düne aus sofort sieht, dass sie auf einer Insel steht. Noch dazu Sandstrand und Watt fast gleich weit entfernt.

Eingeleitet hat sie in ihren Bewerbungsessay mit einem Satz, mit dem sie sich gegen 121 Konkurrenten durchsetzte: „Das Entscheidende an einer Insel ist das Wasser drum herum.“ Das hat der Sylter Jury gefallen. Ob das wirklich so klug ist – sie ist sich am Ende ihres Stipendiums nicht mehr sicher; jetzt, wo sie hier ist und den am Berliner Schreibtisch spontan verfassten Gedanken überprüfen konnte.

So viel allerdings wusste sie: Wenn ein Ungar das Meer sieht, wird er schier verrückt. Da liegen Muscheln einfach auf dem Strand! Da ist das Wasser salzig! Sie hatte davon gehört, natürlich. Trotzdem, als Kind wollte sie unbedingt ans Meer; sie wurde 18, und es war nur die Ostsee im Dezember. Sie war dennoch außer Rand und Band ob des Blickes ins Unendliche und alles hinter sich zu haben, den ganzen Kontinent mit seiner Geschichte. „Es hat mich beruhigt, vor etwas zu stehen, das eindeutig stärker ist als ich.“

Mit dieser Meererfahrung ausgerüstet, kam sie im Juli auf die Insel. Nördlicher war sie noch nie. Als sie aus dem Zug stieg, ihr erster Gedanke: Hier ist ja nichts höher als das Gras. Später entdeckte sie Sträucher, Bäume, Anhöhen. Kein Inselkoller. „Ich bin ein relativ autistischer Mensch, der sich kantmäßig am besten gar nicht rausbewegt.“ Was könnte sie mit einer Insel falsch machen?

Im Juli war Sylt voll. Trubelig. Laut. Sie schrieb emsig. Sonnenbaden? Das langweile sie ohnehin zu Tode. Schon der Sand, wenn er trocken ist und sich überall einnistet, Jesus Maria! So blieb ihr nichts anderes, als während der wenigen freien Stunden den Strandkorb stets so zu drehen, dass nichts von der Natur an sie herankam. Oder besser gleich zum Lesen und Nachdenken in ihre Wohnung zurückzukehren. Gefreut hatte sie sich ohnehin mehr auf den November.

Der enttäuschte sie nicht. Allein, als sie wiederkam, sie konnte nicht einfach über den Strand laufen. Der Wind war schlicht zu mächtig. „Man will ans Meer und wird angebrüllt.“ Sie musste akzeptieren, dass sie dieser Art Wind nicht gewachsen war. Das Angenehme ist: Die Insel ist weitgehend leer, die Gedanken un- verstellt, Eindrücke können sich setzen. Sie dachte immer, sie würde sich mit Norddeutschen besser verstehen als mit Süddeutschen. Nun stellt sie fest, wie kompliziert es ist mit ihnen ist. „Man muss 80 Prozent des Weges zu einer Person gehen und nicht 50 Prozent.“ Häufig kommt sie sich laut vor, voreilig, distanzlos. Umgekehrt ist es schwer, den Einheimischen etwas zu entlocken. Hat sie etwas über Sylt erfahren?

Neulich hatte sie eine Lesung. Sie war gut besucht, die Leute blieben bis zum Schluss. Herausgefunden, wie ihre Texte ankamen, hat sie nicht; was nicht heißt, dass nicht alle nett zu ihr waren. Gelesen hat sie einen Text, der tatsächlich in Rantum entstanden ist. Eine Geschichte über ein Lager, düster und beklemmend. Das ist gar nicht so merkwürdig. Nur wenige Meter von ihrem Rantumer Appartement erhebt sich eine Anlage aus mächtigen, rot geklinkerten Häusern, quadratisch, streng, „Erholungskasernen“. Amüsiert hat sie zugeschaut, wie die Kinder mit ihren Schäufelchen und Eimerchen zum Strand geführt wurden und pünktlich zu den Mahlzeiten wieder zurück. Es hat sie an ihre Kindheit erinnert, an die Pionierlager, die sie genoss, weil sie nicht zu Hause sein musste, und deren militärischen Drill sie zugleich so hasste. So entsteht eben Literatur.

Wie sonst Sylt ihr Schreiben beeinflussen wird, weiß sie noch nicht. Es wird seinen Niederschlag finden: das Meer, das Wetter, der Sturm, die langen Wege, die sie in den Ort gehen muss, in den Laden. Wo sie feststellt, dass es hier im Winter ist wie im Osten: Man kann sich nicht aussuchen, was man kauft. Man kauft, was da ist. Manchmal wird sie auf dem Gang nach Hause von Touristen nach dem Weg gefragt. Und die Inselschreiberin, importiert aus der Großstadt, einst dem waldigen Ungarn entstiegen, sagt mit einem Anflug von Stolz: „Ich werde für eine Einheimische gehalten, toll, nicht?“ Frank Keil

Bisher erschienen von Terézia Mora: „Seltsame Materie“, Rowohlt, Reinbek, 1999, 254 Seiten, 16,36 Euro (auch als Taschenbuch erhältlich)


Heiß und hitzig
Das Chaos und der Kommissar: Hafenkrimis aus Marseille

Tagine ist ein nordafrikanischer Eintopf, Bouillabaisse ein Arme-Fischer-Essen aus Südfrankreich. Beide wirft man nicht in einen Topf, das könnte für Verstimmung sorgen, nicht nur im Magen. Doch entspricht genau diese Mischung der sozialen Realität Marseilles.

In der Hitze und Hitzigkeit der 2600 Jahre alten Stadt spielt die Romantrilogie von Jean-Claude Izzo, die gerade mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde. Schon Izzos Titel machen klar, woher der Wind weht: „Chourmo“, das ist das Lebensgefühl der Ruderer auf einer Galeere. „Total Cheops“ meint „völliges Chaos“ in der französischen Jugendsprache. Und „Solea“ ist Flamenco, ernsthaft und tragisch.

Izzos Kommissar Fabio Montale – ebenso links wie desillusioniert – bewegt sich in einer Welt, in der Gewalt, Korruption und Rassismus regieren. Izzo brilliert mit Milieuschilderungen aus dem alten Stadtviertel hinter dem Bahnhof, aus den Neubauungegenden im Westen der Stadt, dem Industriehafen. Harte Geschichten, realitätsnah und radikal erzählt. Sprachlich betrachtet bevorzugt der Autor simple Konstruktionen. Subjekt, Prädikat, Objekt. Die Handlung ist Chaos genug.

Izzos Grundhaltung ist geprägt von Paranoia mit Herz. Das Leben ist zynisch, nicht der Mensch. Und die einfachen Dinge des Lebens bilden ein Gegengewicht zur rauen Realität. „Wenn Montale das Leben zwischen den Fingern zerrinnt“, dann zieht er sich zurück in seine Hütte am Strand. Das letzte Refugium des Kommissars ist das Wasser: „Nachts zum Fischen rausfahren, immer wieder aufs Meer.“ Elke Brinkkötter

Jean-Claude Izzo: „Total Cheops“, 2000, „Chourmo“, 2000, „Solea“, 2001, Romantrilogie, Unionsverlag Zürich, jeweils 8,64 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 30. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 30

No. 30Februar / März 2002

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