Pipelinepoker am Kaspischen Meer
Gigantische Ölvorkommen wecken Begehrlichkeiten. Erlaubt ist, was zum Ziel führt. Lutz Kleveman erklärt das „Große Spiel“ am Kaukasus
Angeblich wiederholt sich Ge-schichte nicht. Doch was da über das Kaspische Meer zu hören ist, klingt seltsam vertraut: ein Déjà-vu vom Persischen Golf. Muslimisch geprägte Küstenländer sitzen auf riesigen Vorräten an fossilen Brennstoffen. Ölmultis und Großmächte engagieren sich in der Region. Schmiergelder und Waffenhandel gehören zur Normalität. Und kein einziger dieser Ölstaaten ist eine Demokratie. Die prassenden Machteliten regieren mit harter Hand. Und den Westen scheint im Grunde nur eines zu interessieren: Wie lassen sich die Quellen dort am besten sichern?
Spätestens seit 2000 die gewaltige Kashagan-Ölblase vor der Küste Kasachstans entdeckt wurde – mit 30 Milliarden Barrel der größte Fund aus jüngerer Zeit –, ist wieder vom „Great Game“ die Rede. Gemeint ist eine Neuauflage des zentralasiatischen Machtspiels der Weltmächte England und Russland während des 19. Jahrhunderts. Heute, nach den US-Feldzügen in Afghanistan und dem Irak, ist dies alles andere als Medienhysterie. Dass der Energiehunger der Industrienationen ihre Politik im Mittleren Osten wesentlich bestimmt, dürften nach den Bomben auf Bagdad allenfalls noch die Freiheitskrieger im Pentagon bestreiten.
„Der gigantische Fund hat die geopolitische Balance am Kaspischen Meer ins Wanken gebracht“, resümiert Lutz Kleveman über das Kashagan-Ölfeld in seinem Buch „Der Kampf um das heilige Feuer“. Mindestens drei Mal so viel Erdöl wie in den USA lagert zwischen Baku und Astrachan. Der Reporter Kleveman bereiste mehrere Monate die fünf Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres: Aserbaidschan, das russische Dagestan, Turkmenistan, Kasachstan und den Iran. Er interviewte Politiker, Agenten und Soldaten, besuchte Bohrinseln und Konzernzentralen.
Das Bild, das Kleveman in anschaulich-dichten Episoden von der Region zeichnet, in die bis 2015 weitere 100 Milliarden Dollar zur Erschließung von Öl und Gas fließen sollen, ist düster, ja explosiv. Denn der Brennstoff muss zum Weitertransport aus dem Binnenmeer in Hochseehäfen am Schwarzen Meer oder Golf gepumpt werden. Daher sind alle kaspischen Küstenländer mit ihren Pipelines strategisch bedeutsam – als Angriffsziele für Terrorgruppen oder Bürgerkriegsarmeen, als Gegenstand eines Militäreinsatzes. Während die USA unter allen Umständen eine Pipeline durch den Iran verhindern wollen, versucht Russland, den Ölfluss möglichst über sein Gebiet zu lenken. Auch China streckt seine Finger aus, kauft Bohrrechte und mischt beim Pipelinepoker mit.
Kleveman befürchtet, Elend und Unterdrückung in der Region könnten „zum Nährboden für sozialrevolutionäre und fundamentalistische Bewegungen werden“. Dass sich der Iran und Aserbaidschan über die rohstoffrelevante Grenze im Meer nicht einig sind – was schon vor einigen Jahren zu einem Kanonenbootvorfall führte –, macht die Lage noch brisanter.
Lutz Klevemans Buch ist keine papierene Analyse, sondern eine pralle Reportage, die sich spannend liest. Ob die Ressourcen am Kaspischen Meer zu Kriegen führen, wird letztlich der Ölpreis entscheiden. Wenn die Weltreserven schwinden und die Opec-Vorkommen politisch unkontrollierbar werden, könnte eine Intervention für die Westmächte attraktiv erscheinen. Genug despotische Finsterlinge, die man durch genehme „Demokraten“ ersetzen könnte, gibt es ja bereits. Thomas Worm
Lutz Kleveman: „Der Kampf um das heilige Feuer“, Rowohlt Berlin, Berlin, 2002, 319 Seiten, 19,90 Euro
Das Meer gibt
Das Leben ist nun einmal banal. Amos Oz sagt es fast tröstlich
Alles unter der Sonne hat seine Stunde. Es gibt eine Zeit zu lieben, eine Zeit zu hassen, eine Zeit zu klagen, eine Zeit zu tanzen. In Amos Oz’ jüngstem Roman „Allein das Meer“ verpasst eine Hand voll Menschen aus der Stadt Bat Jam, „Tochter des Meeres“, ständig die richtige Zeit für ihre Gefühle. Der alte Albert Danon trauert um seine verstorbene Frau und begehrt die Geliebte seines Sohns. Dieser, Enrico, ist nach Tibet geflohen, um den Verlust der Mutter zu überleben. Enricos zurückgelassene Geliebte hat einen Geliebten und genießt es, auch von Albert und einem dauerschwitzenden Filmproduzenten geliebt zu werden. Die ebenfalls verwitwete Familienfreundin Alberts, Bettine, nähert sich ihm in erotischer Absicht.
Jede auf ihre Art und alle einigermaßen vergeblich, suchen die Figuren Nähe und Beständigkeit. Zu den bruchstückhaften Biografien passt die ungewöhnliche Form des Buchs. Es ist in kurze Kapitel eingeteilt, von drei Zeilen bis zu drei Seiten, mit programmatischen Überschriften wie „Nocturne“ – für eine schlüpfrige Abendszene – oder „Ich bin’s“ – hier denkt die tote Frau Danon darüber nach, was „Ich“ und „Sein“ bei einer Toten heißt. Clipartig wechseln Stile und Perspektiven. Gebundene Rede, gelegentlich gar gereimt, wechselt mit freier Prosa. Die Figuren sprechen mal selbst, mal spricht der Erzähler, mal reden sie mit dem Erzähler, und dann wieder wird der Erzähler selbst aus unsichtbarer Warte betrachtet.
„Das war nicht schlecht, was du heute abend über das Meer geschrieben hast“, bescheinigt eine Figur dem Erzähler. Recht hat sie. Das Meer als einzig Beständiges – „Allein das Meer“ – wird auf nahezu jeder Seite in ungekannten Bildern gefeiert.
„Mit diesem Buch möchte ich in der Erinnerung der Menschen bleiben“, sagte Amos Oz, 1939 in Jerusalem geborener Spross einer osteuropäischen Gelehrtenfamilie. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels ist ein streitbarer Zionist, der sich seit langem für zwei Staaten Palästina und Israel ausspricht. Aber nicht in seinen Büchern, die oft als politische Allegorie verkannt werden. „Wenn ich zu etwas eine eindeutige Meinung habe, schreibe ich keine Geschichte, sondern einen wütenden Artikel.“
Der Übersetzer Frank Heibert hat eine so angemessene Sprache gefunden, dass man nur selten in der Lektüre innehält – Beispiel: die „feminine Brise, die vom Meer kam“ – und sich fragt: Kommt das wohl dem Original nahe? Trotzdem ist Heibert nicht zu beneiden. Er hat das bereits 1999 im hebräischen Original erschienene Buch aus der englischen, von Oz allerdings autorisierten Version ins Deutsche übertragen. Dass der renommierteste israelische Schriftsteller der Gegenwart im renommierten Suhrkamp-Verlag in der Übersetzung einer Übersetzung erscheint, ist eigentlich peinlich.
Aus dem Buch spricht ein „So ist es“, gegen das man sich kaum auflehnen kann. Das mag an den halbwegs vertrauten biblischen Anspielungen liegen, die das Werk durchziehen, viele aus Weisheitsbüchern wie „Ecclesiastes“ oder „Hiob“; mitunter abgewandelt: „Das Meer gibt, das Meer nimmt“ statt wie bei Hiob „der Herr“.
Überlassen wir der klugen Bettine das letzte Wort (wenn sie auch vorgibt, über Tschechow zu sprechen): „Das ist alles eigentlich ziemlich trostlos, aber gleichzeitig auch ziemlich unterhaltsam. Wie sich herausstellt, ist etwas, das nie war und das nie sein wird, am Ende alles, was wir haben.“ Judith Reker
Amos Oz: „Allein das Meer“, Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002, 191 Seiten, 19,90 Euro
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