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Seelandschaften in Grün-Blau-Grau
Er gilt als der Maler der Pariser Boulevards. Eine Amsterdamer Schau zeigt erstmals die maritime Seite des Impressionisten Edouard Manet

Als Edouard Manet 16 Jahre alt war, wollte er in die Marine eintreten. Zwei Mal fiel er beim Eintrittsexamen der Ecole Navale durch, dann heuerte er auf dem Schulschiff „Guadeloupe“ an und unternahm eine sechsmonatige Reise nach Rio de Janeiro und zurück. Zwar konnte ihm auch das keine Seemannskarriere bescheren, aber dafür fertigte er auf der Reise seine ersten Zeichnungen an. Bei seiner Rückkehr nach Paris wusste er, dass er Maler werden wollte, und begann 1850 eine Ausbildung im Atelier des Historienmalers Thomas Couture.

Einige Jahrzehnte später galt Manet als Vater des Impressionismus – und das, obwohl er eines der Lieblingsthemen der Impressionisten, die Landschaft, zeitlebens beinahe völlig ignorierte. Er war der Maler der Boulevards und des Pariser Stadtlebens. Dass aber seine jugendliche Sehnsucht nach der See durchaus Spuren im Werk des Künstlers hinterließ, beweist derzeit eine Ausstellung im Van Gogh Museum in Amsterdam. Manet schuf eine Anzahl von maritimen Landschaften – teils in Nachfolge der alten Holländer, teils im Zuge der impressionistischen Faszination für die Dynamik von Wasser. 30 der ungefähr 40 Seestücke von Manet sind jetzt erstmals gemeinsam in der Amsterdamer Werkschau zu sehen.

Sowohl den Anfang als auch das Ende von Manets Auseinandersetzung mit dem Meer bilden Historiengemälde. „Die Schlacht zwischen der U.S.S. Kearsarge und der C.S.S. Alabama“, Manets erstes Seestück von 1864, zeigt ein kurioses Ereignis aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, als zwei Kriegsschiffe sich ein Gefecht vor der Küste der Normandie lieferten. Die letzten beiden Werke dieser Art sind hingegen Darstellungen von der Flucht des radikalen Journalisten Henri Rochefort per Boot aus einer Strafkolonie in Neukaledonien und entstanden 1881. Wie eine Filmkamera zoomt Manet von Bild zu Bild näher an die Nussschale mit dem geflüchteten Sträfling heran.

Dazwischen entfaltet sich ein grün-blau-grau-schwarzes Panorama von Meeres- und Strandszenen, die größtenteils bei Ferienaufenthalten an der französischen Küste entstanden und die typischen Kennzeichen von Manets Malerei aufweisen: ungewöhnliche Standpunkte und Kompositionen, dramatische Pinselführung, beschränkte Farbskala.

Allerdings spielt das Meer dabei oft nur eine untergeordnete Rolle. Die Aufmerksamkeit des Malers gilt vielmehr dem Treiben am Strand. Seestücke im strengen Sinne oder nicht: Den Gemälden ist anzusehen, dass Manet nicht nur die Bildtradition der Seelandschaft seit dem 17. Jahrhundert gut kannte, sondern auch über neuere Entwicklungen auf dem Laufenden war.

In der Ausstellung werden seine Meeresbilder deshalb den Werken einiger Zeitgenossen gegenübergestellt, darunter Courbet, Renoir, Whistler und Jongkind, vor allem aber Claude Monet.

Zwischen Manet und dem acht Jahre jüngeren Monet gab es eine künstlerische Beziehung, die beide zu immer neuen Experimenten trieb. Eindrucksvollstes Beispiel ist Monets unprätentiöses kleines Gemälde „Die grüne Welle“ (1866/67), das mit seiner hohen Horizontlinie, der reduzierten Palette und dem aus dem Zentrum gerutschten Fokus wie die Essenz von Edouard Manets stilistischen Neuerungen wirkt. Anneke Bokern

„Edouard Manet: Impressions of the Sea“, 18.6. bis 26.9., Van Gogh Museum, Amsterdam


Du feuchtes Bett
In der Anthologie „Am Meer“ blicken Autorinnen auf die See

Es gibt kein Wort für die Weite des Meeres. Endlos, wie es ist, saugt es die Sätze ein, die es beschreiben wollen. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sein Rätsel in Schrift zu übersetzen versuchen.

Gedichte und Kurzgeschichten über die salzigen Hügel des Atlantiks, über die Vergänglichkeit des Meeresschaums und den Zauber des unendlichen Blaus versammelt jetzt der Band „Am Meer“. Herausgeberin Florence Hervé hat Texte von renommierten Schriftstellerinnen aus einem Zeitraum von 1900 bis heute zusammengestellt. Ihre Stimmen widersprechen und ergänzen sich zugleich. Allesamt versuchen sie, das Phänomen Meer in weiten Bögen einzukreisen.

So unterschiedlich ihre Vorstellungen von Literatur sind, so sehr verbindet sie die Suche nach einem Sehnsuchtsort. Nicht alle finden ihn am Meer. Ingeborg Bachmann etwa, die lange Zeit in Italien, in der Nähe der See, gelebt hat, beschreibt das Meereswasser zwar als lebensspendend, assoziiert es aber auch immer wieder mit Todesgefahr.

Wo der Himmel ist und das Meer, da gibt es auch etwas dazwischen. Die Zeit des Stillstands beim Sonnenaufgang, des Erwartens, der Hoffnung. „Manchmal denke ich, dass mein Bild vom Meer das Klarste ist, was ich besitze“, schreibt die US-amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath, die ihre Kindheit an der Küste Massachusetts’ verbrachte und sich in der Großstadt London das Leben nahm. „Ich trage es in mir, verbannt wie ich bin, wie die purpurnen weißumrandeten Glückssteine oder die blauschaligen Muscheln, deren Inneres regenbogenfarben schimmert wie die Fingernägel von Engeln.“

Für die russische Lyrikerin Anna Achmatowa ist das Meer der Schlüssel zur ewigen Jugend, das Symbol für Freiheit und Glück. Die Tochter eines Flottenoffiziers durchlebte ihre Jugend noch im Zarenreich. Jeden Sommer fuhr die Familie ans Ufer der Strelezker Bucht bei Sewastopol. Die kleine Anna verwandelte sich unter dem Einfluss der See zur unzähmbaren Amazone: „In der Umgegend dieser Datscha wurde ich ,das wilde Mädchen‘ genannt, denn ich lief barfuß, trug keinen Hut oder dergleichen, ließ mich vom Boot ins offene Meer fallen, schwamm während des Sturms und wurde so braun, dass ich mich häutete.“

Die aus Nicaragua stammende Gioconda Belli, die heute an der kalifornischen Pazifikküste in Santa Monica lebt, skizziert das Meer als einen Ort des Eros, wo die Wärme, die aus den weißen Algen aufsteigt, den Liebenden Schutz vor der kalten Strömung bietet.

Und auch die Grande Dame der französischen Literatur, Colette, gab sich gerne der „maritimen Trunkenheit“ hin. Ob an den Küsten der Bretagne, der Normandie oder auf der Insel Belle-Ile-en-Mer, immer wieder zog es die Pariserin ans Meer, um „das Salz, den Sand, die Algen, das duftende, feuchte Bett des Meeres, das kommt und geht, die wassertriefenden Fische“ zu genießen. Ihre Betrachtung des Meeres ist immer sinnlich: Was könnte denn verführerischer sein, als „den schönen Tag zu erleben, ohne zu denken, nur mit einem wollenen Badeanzug bekleidet“?

„Am Meer“ ist ein handliches, mit schwarz-weißen Fotografien stimmungsvoll bebildertes Buch. Es bietet ein höchst subjektives Kaleidoskop weiblicher Blicke auf einen Ort, der noch immer nicht enträtselt ist. Alexandra Wach

Florence Hervé (Hrsg.): „Am Meer“, Edition Ebersbach, Berlin, 2004, 128 Seiten, 14 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 44. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 44

No. 44Juni / Juli 2004

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