Die rohe, grobe Pracht der See
Die Schau „Seestücke“ in der Hamburger Kunsthalle wagt sich an einen Überblick über ein Jahrhundert deutsche Meeresmalerei
Das Herz Kränkelt in der Stadt, schrieb der Dichter Friedrich Stolberg 1777 in seinem Band „Über die Fülle des Herzens“. Also marsch zurück zur Natur! Die Saat, die Jean-Jacques Rousseau mit seiner kategorischen Forderung in den von Aufklärung und Reaktion aufgewühlten europäischen Geistesacker gelegt hatte, ging im Deutschland des 19. Jahrhunderts üppig auf. Die Natur, die vielgöttliche, umrankte wieder die germanische Seele, und sie war ihr die geeignete Medizin gegen den Katarrh des Rationalismus.
„Was will sich unser Jahrhundert unterstehen, von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen und an anderen sehen?“, fragte Goethe gereizt und schrieb dem Volk der Wälder und Fluren hinter die Ohren: „Hat man sich nicht ringsum vom Meer umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und seinem Verhältnis zur Welt.“ Der (politisch) verwirrte Geist soll genesen an den „erstaunlichen Werken der Natur“, besonders an „der rohen, groben Pracht der See“.
Am eindringlichsten verhalf dazu die Malerei; sie zelebrierte nun das Meeresbild, dass dem Bürger bald ganz feierlich zumute war: Dem einen war es ein Andachtsbild gegen das Schrecknis der aufkommenden Industrialisierung, dem anderen eine Feier der Errungenschaften des Schiffbaus und der Seefahrt. Das Meeresbild, es kam in Mode.
Ihm allein widmet sich in diesem Sommer eine Ausstellung der Hamburger Kunsthalle, und sie ist merkwürdigerweise die erste ihrer Art. Die kühne Brücke über mehr als 100 Jahre zu schlagen – in gut 60 Meeresbildern vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg – mag den Kuratoren Felix Krämer und Martin Faass bei aller Risikofreude als Wagnis vorgekommen sein, und sie setzten zur Sicherheit mit Caspar David Friedrich, Emil Nolde und sorgfältig gewählten Leihgaben aus dem In- und Ausland solide Pfeiler – klugerweise, denn wer von den großen Namen erst einmal angelockt ist, wird sich freuen über die Entdeckungen, die hier zu machen sind.
Die Ausstellung ordnet sich chronologisch, wenn auch mit thematischer Vertiefung in sechs Gruppen. Dabei zeigt sich, dass die Meeresmalerei sich wie Ariadnes Faden durch die „Revolution in Permanenz“ dieses Jahrhunderts zieht.
Zu Anfang verhallt noch das Echo aus der Vorrevolution. Beinahe altmeisterlich mutet die Brandung in felsiger Küste (1835) an, die Andreas Achenbach aber im Hunsrück fand, wie seine frühen Studien zu dem Gemälde nahe legen. Unter den bedeutenden Stücken C. D. Friedrichs, deren Auswahl bei dem prächtigen Bestand der Kunsthalle schwergefallen sein dürfte, findet sich selbstverständlich der Besuchermagnet Eismeer; aber auch weniger Bekanntes wie das stille Auf dem Segler aus der Petersburger Eremitage, ein Gemälde von 1818, das mutmaßlich Friedrich mit seiner frisch Vermählten Caroline Brommer auf der Fahrt in ein neugotisches Arkadien zeigt. Hier inszeniert Friedrich das Idyll, ebenso wie der Kopenhagener Anton Melbye, der in einer deutschen Ausstellung vertreten sein darf, weil er lange am Hamburger Glockengießerwall lebte, mit dem streng-schönen Stillen Morgen auf dem Meer (1840). Hans Thomas Kahnfahrt im Mondschein (1877) dagegen ist eine typische Sinnsuche, die trotz des romantischen Duktus mit ihrem symbolischen Gehalt auf die kommende Epoche der Malerei weist. Walter Leistikow, Mitbegründer der Berliner Secession und in Paris erprobter Erneuerer, malte den Hafen 1895 an der Schwelle zur Abstraktion und geleitet die Schau ins 20. Jahrhundert.
Die eineinhalb Dekaden von der Jahrhundertwende zum Krieg haben mit gut einem Drittel der Exponate besonderes Gewicht. Denn hier sind der Malerei die Fesseln der Genrespezialisierung – und der Auftragsarbeit – weitgehend abgenommen; Farbe und Dynamik gewinnen die Oberhand über das präzise Schiffsbild, den weihevollen Untergang oder den dramatischen Sturm im Salon.
In der abschließenden Abteilung Farbenmeere wendet sich die Perspektive. Wo die Romantik noch im Blick über das Meer nach dem Göttlichen, dem Unendlichen sucht und die Symbolisten mit der Schiffskatastrophe den existenziellen Kampf meinen, richtet Max Pechstein mit dem Rettungsboot (1911) den Blick auf das Ufer und berauscht sich am Licht und den Farben der Dünen und Boote; da zerschlägt Lyonel Feininger, der Amerikaner in Hamburg, den Raddampfer (1913) in prismatische Flächen; und Nolde, der nordische Schweiger, malt in seiner Hütte auf Alsen das Herbstmeer (1910) so lange, bis der Gegenstand gänzlich abstrahiert ist.
Diese Ausstellung hält das Schwinden der Naturanschauung vergangener Zeiten auf, eine Übung, die einem anderen Meister in der Kunst des Erinnerns gefallen hätte. „Es nehmet aber / Und gibt Gedächtnis die See“, dichtete Hölderlin in seiner Hymne „Andenken“, beschwert von der Weite des Atlantiks an Frankreichs Küste. Er würde wohl nichts einwenden gegen eine Variation seines Schlussverses: Was bleibet aber, stiften die Maler. Karl J. Spurzem
„Seestücke – Von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde“, 24. Juni bis 11. September, Hubertus-Wald-Forum in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, täglich 10 bis 19 Uhr. www.hamburger-kunsthalle.de
Wie aus Freundschaften Bücher werden
Der Verleger Nikolaus Hansen über den Autor Nicholas Shakespeare und dessen neuen Roman „In Tasmanien“
Nicholas Shakespeare ist Engländer, und wer in England Shakespeare heißt, der kann seine Ursprünge auf den großen Dichter aus Stratford-upon-Avon zurückführen. Und das macht sich natürlich gut für einen angehenden Schriftsteller in unserer Zeit. Doch Nicholas Shakespeare ist nicht nur Engländer, er ist auch Sohn eines Diplomaten, der in Perus Hauptstadt Lima seinen Dienst verrichtete, als seine Kinder Kinder waren – und dort interessierte sich in den siebziger Jahren kein Mensch für Sonette und Königsdramen, dort wütete die Guerillaorganisation „Leuchtender Pfad“ unter ihrem geheimnisvollen Anführer Abimael Guzmán.
Hunde wurden an Laternen aufgehängt, sprengstoffbeladene Hühner in Hotelfoyers zur Explosion gebracht, Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft auf Theaterbühnen exekutiert – diese Eindrücke sollten Nicholas Shakespeares frühes Werk prägen: Sein Romandebüt „Die Vision der Elena Silves“ handelt von einem Mann, der den Verlockungen des „Leuchtenden Pfades“ erliegt, und sein bisher erfolgreichster Roman, „Der Obrist und die Tänzerin“, verfilmt von John Malkovich, thematisiert die Festnahme von Guzmán.
Den stärksten Eindruck hinsichtlich der Ernsthaftigkeit seiner Beschäftigung mit dem Thema Peru und „Leuchtender Pfad“ hinterließ Shakespeare allerdings mit einer Reportage über seine eigene Suche nach Guzmán, die ihn Ende der achtziger Jahre als Journalist zurück nach Peru führte. Als ich Shakespeare zum ersten Mal traf, 1991 in Hamburg kurz nach Erscheinen der deutschen Ausgabe der „Elena Silves“ im Kellner Verlag, für den ich damals mit verantwortlich war, mochten wir uns sogleich. Einen ersten Höhepunkt erfuhr unsere Freundschaft 1996, als er mit seiner Arbeit an jener Bruce-Chatwin-Biografie, die später laut der Londoner „Times“ als „eine der bemerkenswertesten Biografien der neunziger Jahre“ gepriesen werden sollte, nicht weiterkam. „Writer’s block“ heißt das bei der schreibenden Zunft. Er hatte die Trennung von einer amerikanischen Schriftstellerin zu verdauen, und er floh in meine Arbeitsklause in Blankenese, wo er sich monatelang mit dem Material über den Egozentriker Chatwin herumschlug – Verleger in Deutschland auch dieses Buches gewesen sein zu dürfen erfüllt mich mit besonderem Stolz.
Shakespeare hingegen hatte nach Beendigung dieses mehr als 800 Seiten umfassenden Buches die Nase dermaßen voll von seinem großen Landsmann, dass er sich einem Ort auf Erden zuwandte, an dem Chatwin garantiert nie gewesen war: Tasmanien. Er heiratete zunächst 1999 im Süden Englands die kanadische Kinderbuchautorin und -illustratorin Gillian Johnson, die früher einmal Eisschnellläuferin war und mit der er inzwischen zwei Söhne hat. Dann suchte sich die junge Familie ein Haus auf Tasmanien, und bei dieser Suche stellte der sich immer noch auf der Flucht befindliche Nicholas fest, dass zwar nicht Chatwin, wohl aber seine eigenen Vorfahren ihre Spuren auf der Insel von der Größe Irlands hinterlassen haben – und zwar Spuren, derer man sich als Nachfahr nicht in jeder Hinsicht rühmen kann.
Alles dies ist nachzulesen in Shakespeares Buch „In Tasmanien“, dessen Titel erkennen lässt, dass auch die Verbindung des Autors zu Bruce Chatwin an diesem entlegenen Flecken nicht gänzlich auf der Strecke geblieben ist. So schrieb der „Daily Telegraph“: „Shakespeares wohlerwogene Titelwahl verdeutlicht, dass hier ein literarisches Duell mit Chatwins ,In Patagonien‘ stattfindet, ein Duell, bei dem Shakespeare in jeder Hinsicht triumphiert.“
Um den marebuchverlag hat sich Shakespeare nicht nur mit seinem Tasmanien-Buch verdient gemacht: Im Mai 2001, wenige Monate nach Gründung des Verlags und lange bevor die ersten Titel erschienen, trafen sich Nicholas, mein kleiner Sohn Felix und ich zu einer Segelwoche auf der Ostsee – allein, das Maritime schien den Schriftsteller wenig zu interessieren. Meist saß er, unangefochten von Wind, Wetter oder Seegang im Deckshaus und las alle englischsprachigen Bücher, die ich damals für das Verlagsprogramm in Erwägung zog – und gab wichtige Voten, die ich weitgehend beherzigt habe. Nico Hansen
Nicholas Shakespeare: „In Tasmanien“, 500 Seiten, 24,90 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 50. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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