Frieren, bis die Frauen kommen
Wer schön filmen will, muss leiden. Ein französisches Filmteam verbrachte ein Jahr bei den Kaiserpinguinen in der Antarktis
Ein glasklares Geschlechterverhältnis, eine präzise Jahresplanung, dazu ein Kollektiv, das fraglos funktioniert, um dem Individuum seine Existenz zu ermöglichen – die Welt der Kaiserpinguine erweist sich als logistische Meisterleistung im abgeschiedensten Teil der Welt, dem Südpol.
Was der Regisseur Luc Jacquet und sein Team an Bildern eingefangen haben, ist sensationell. Der Film „Die Reise der Pinguine“ gehört in dieselbe Kategorie wie die von derselben Filmgesellschaft produzierten „Nomaden der Lüfte“, nur dass sich hier das Team auf eine einzige Gesellschaft konzentriert, nämlich auf eine der 44 Kolonien von Kaiserpinguinen, die weltweit bekannt sind.
Für das Team stellte sich neben den antarktischen Temperaturen, den Winden mit bis zu 150 Kilometern je Stunde und den äußerst anstrengenden Tagesabläufen vor allem ein Problem: Sie konnten keine Bilder sichten, mussten sich also ganz auf das Material verlassen, das sie schon gedreht hatten.
Jacquet erzählt eine Geschichte, der Film hat einen narrativen Aufbau: Zwei Pinguine finden sich, umgarnen einander, bilden ein Paar, das Weibchen legt ein einziges Ei – und dann kommt schon der erste dramatische Augenblick der Story: Das Weibchen übergibt das Ei dem Männchen. Es ist ein gefährlicher Tanz, der da getanzt wird, das Ei zirkelt auf den Füßen des Weibchens, sie schaukelt es vor und zurück, bis es endlich unter den warmen Federn ihres Partners verschwunden ist. Nicht alle Pinguine schaffen diesen Übergang. Eier rollen auf den Boden, gefrieren sofort, und die Bilder der entsetzten Eltern, die fassungslos vor dem erkaltenden Ei stehen, sind herzergreifend. Doch das Kollektiv muss weiterfunktionieren, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Weibchen ziehen los, eine lange Kolonne von Kaiserpinguinen, die hinter dem eisigen Horizont verschwinden, es sind dunkle Bilder von seltener Schönheit. Ihr mühseliger, 200 Kilometer langer Gang zum Meer dauert Wochen, und diese Reise werden nicht alle überstehen. Die Männchen brüten derweil im tiefsten antarktischen Winter bei minus 40 Grad Celsius die Eier aus. Zwei Monate stehen sie dicht aneinander gedrängt, ein sich ständig bewegender Haufen von Tieren, die fastend nur auf eines warten: die Rückkehr der Frauen.
Die Bilder der Weibchen, die endlich ein Loch in der Eisdecke gefunden haben, durch das sie ins Meer springen, sind nicht ohne Witz. Eine rasende Horde von ausgehungerten Pinguinen stürzt sich gleichzeitig in winzige Löcher, bleibt stecken, schafft es doch. Schnitt.
Die Unterwasseraufnahmen zeigen dann hochelegante Tiere, die durchs Wasser schießen und fischen. Hier setzt leider auch das Problem des Filmes an: Was einen schon in Walt-Disney-Filmen auf die Nerven gehen konnte, in diesem Film ist es arg – die Pinguine sprechen in der Ich-Form. Sie erzählen in höchst poetischen Texten von ihren Reisen, ihren Bedürfnissen und ihren Nöten. Bei der Unterwasserszene wird die Personifizierung der Tiere dann auf die Spitze getrieben: Als ein Pinguin von einem Seeleoparden gerissen wird, ist von „dem Monster“ die Rede. Warum diese Wertung? Die Pinguine haben selbst Tonnen von Meeresgetier verschlungen, ohne als monströse Killer dargestellt zu werden.
Nach den Wochen der Jagd finden die Weibchen zu der Männergruppe zurück, die Küken sind seit ein paar Tagen geschlüpft, und alle warten dringend auf die Mütter, die im Gewühl von Tausenden Tieren ihren Partner und ihr Junges an den Stimmen erkennen müssen. Die nächste Ablösung findet statt, Übergabe des Jungtiers, dann ziehen die Männchen los.
Das Hauptdarstellerküken beginnt jetzt auch zu sprechen, und man sieht vor dem inneren Auge einen blonden deutschen Bengel, der dem Tier die Stimme geliehen hat – ein Graus. Diese Vermenschlichung der Story verleitet dazu, die Lebensweise der Pinguine auf die Menschen zu übertragen. Da kann man dann schon auf Ideen kommen: Leute, nehmt euch einen Geliebten, macht mit ihm ein Kind und sucht euch nächstes Jahr einen neuen. Monogamie ist ein Einjahresprojekt. Um sich auf die wirklich wunderbaren Bilder zu konzentrieren, kann der Ratschlag also nur heißen: Kopfhörer mitnehmen, schöne Musik einlegen, Bilder genießen.
Die Pinguine übrigens haben sich gar nicht um die anwesenden Filmer gekümmert. Ihnen waren die Verhaltensweisen der Menschen herzlich gleichgültig. Weise, nicht wahr? Zora del Buono
„Die Reise der Pinguine“, Regie: Luc Jacquet, 86 Minuten, Filmstart 13. Oktober
Exoten am Strand
Was uns das Liebesleben der Seepocken lehrt
Veränderungen und der Kampf sind der rote Faden, der sich durch Jim Lynchs Debütroman zieht. Miles, der 13-jährige Held der Erzählung, wächst in einer Kleinstadt an der Skookumchuck Bay an der amerikanischen Ostküste auf. Dieser Sommer wird alles verändern. So, wie das Meer plötzlich beginnt, Exoten an den Strand zu spülen, so tauchen auch in Miles’ Bewusstsein ungeahnte Empfindungen auf. Miles entfremdet sich zunehmend von seinen Freunden, die Bucht wird von Algen okkupiert, und seine Eltern sprechen von Scheidung.
In Lynchs Roman sind Land und Meer von skurrilen Gestalten bevölkert: die See von Riesenkalamaren und Lumpenfischen, die Bucht von Sektenanhängern, und dann ist da auch noch Miles’ Freund Phelps, der den Geschmack sämtlicher Wattbewohner kennt. Den Wechsel der Gezeiten und den Lebenszyklus der Meerestiere betrachtend, lernt Miles erste Lektionen über das Leben. Als autodidaktischer Meeresbiologe ist sein Ansatz zum Verständnis menschlicher Gefühle dem Meer entlehnt, zarte Annäherungsversuche an das andere Geschlecht unternimmt er mit Beispielen aus der maritimen Fauna:
„Und kein Mensch beachtet die Seepocken, aber du solltest mal sehen, wie sie sich paaren. Die Männchen haben unheimlich lange Penisse, die sie entrollen und aus der Schale heraushängen lassen, auf der Suche nach paarungsbereiten Weibchen.“
So schildert Lynch die See mit subtilem Humor als farbenprächtige Kulisse des Erwachsenwerdens. Birte Hermann
Jim Lynch: „Gefährliche Gezeiten“, Bloomsbury, Berlin, 2005, 315 Seiten, 18 Euro
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