mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Zwischen Fotografie und Malerei
Das japanische Otsuchi wurde von einem Tsunami zerstört. Alejandro Chaskielberg ist hingereist. Entstanden ist ein gewaltiges Fotoprojekt

Die katastrophalen Auswirkungen des Tohoku-Erdbebens vom 11. März 2011, der Tsunami am pazifischen Küstenstreifen Japans, das ist das Thema des argentinischen Fotografen Alejandro Chaskielberg. Sein neues Buch „Otsuchi. Future Memories“ zeigt Bilder von surrealer, grotesker Fantasie, doch beziehen sie sich stets auf die Realität. Denn „Otsuchi“ gibt es wirklich: Die kleine Gemeinde wurde auf verheerende Weise von der Naturgewalt getroffen. Mehr als 1000 Menschen starben.

Die ersten Seiten des Buches präsentieren Details aus den riesigen Schuttbergen, die der Tsunami zurückgelassen hat. Mit Präzision und opulenter Lust an der Farbigkeit und dem Detailreichtum begegnet Chaskielberg seinen Motiven. Diesen Bildern folgen Fotoarbeiten, die in ein besonderes Licht getaucht sind. Es sind visuelle Zwitter zwischen Malerei und Fotografie, nächtliche Langzeitbelichtungen, die aus verschiedenen Lichtquellen, etwa auch aus Taschenlampenlicht, gespeist werden und in den Details zwischen Schärfe und Unschärfe wechseln. Zu sehen sind etwa verlassene Ruinen, die von Menschen bevölkert werden – von jenen nämlich, die ehemals hier wohnten. Es folgen Porträts oder Bilder nächtlicher illuminierter Gräber.

Das Meer hat hier den Tod gebracht. Das zeigen kunstvoll in die Bilderfolge eingestreute Fotografien von Fundstücken, von verlorenen Dingen. Das zeigen verblichene Familienporträts und Bilder von Schulklassen – farbenprächtige, im Schutt gefundene Erinnerungsbilder, die der Zerstörungskraft des Wassers und der Sonne ausgesetzt waren. Die, die ihre Häuser verloren haben, die ihre Angehörigen verloren haben, haben auch ihre Fotografien nicht mehr – und damit weniger Erinnerungen an früher. „Otsuchi. Future Memories“ ist nicht nur ein großartiges Fotobuch, sondern auch der Versuch, eine Art Fotoarchäologie zu betreiben. Es ist eine Hommage an die Kraft der Fotografie, denn sie ist hier Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Einer Zukunft, die, so deutet es der Titel an, bald schon wieder Erinnerung ist. Marc Peschke

Alejandro Chaskielberg: „Otsuchi. Future Memories“, mit einem Vorwort von Daido Moriyama, Texte in Englisch, Spanisch und Japanisch, RM, Barcelona, 2016, 112 Seiten, 42,99 Euro


Todtraurige Tropen
Koloniales Endspiel: In den Romanen der Niederländerinnen Haasse und Dermoût wird der indonesische Archipel zum Schauplatz

„Bewältigungsprosa“ auf niederländisch: Im Abstand von sieben Jahren erschienen in Amsterdam zwei melancholisch verschattete Romane, die ihre Verfasserinnen schlagartig berühmt machten: 1948 Hella Haasses Debüt „Der schwarze See“ und 1955 Maria Dermoûts bald darauf auch im angelsächsischen Sprachraum gefeiertes Buch „Die zehntausend Dinge“.

Nun sind beide Bücher endlich in deutscher Übersetzung erhältlich, versehen mit klugen Nachworten und hilfreichem Glossar, und siehe da: Unabhängig von ihrer noch immer leuchtenden sprachlichen Eleganz sind die zwei Romane vor allem inhaltlich hochaktuell.
Indonesien (damals noch Niederländisch-Indien genannt) in der Spätphase jener holländischen Kolonialdominanz, die offiziell erst 1949 endete, zwei Jahre zuvor noch einen blutigen Krieg gezeitigt hatte, aber nicht immer allein von brutaler Gewalt geprägt gewesen war. Es hatte nämlich auch Sozialprogramme und Integrationsversuche gegeben – gleichwohl auf paternalistischer Basis, die, welche Überraschung, von den Einheimischen letztlich nicht goutiert wurden. Freilich kam es nicht sofort zu gewalttätigen Aufständen, sondern zuerst zu einem Prozess subtiler Enfremdung, den die Kolonialholländer, blind für die Außenwelt, fast durchweg ignorierten.

Hella Haasse (1918–2011) wurde in Batavia, dem heutigen Jakarta, geboren und wusste genau, wovon sie in „Der schwarze See“ schrieb, denn schon der erste Satz skizziert Besitzverhältnisse: „Urug war mein Freund.“ Der männliche Icherzähler erinnert sich hier an eine Kinderfreundschaft auf Java – zwischen ihm, dem holländischen Jungen, und dem gleichaltrigen Indonesier Urug. Was Idylle schien, war es jedoch bereits damals nicht: Urug durfte die abgetragenen Sachen seines weißen Freundes tragen, durfte eine Schule besuchen – und entwickelte sich dann als junger Erwachsener beinahe zwangsläufig zu einem Widerstandskämpfer, der den Freund schließlich nicht mehr mit dem altvertrauten „Du“ ansprach, sondern ihn mit einem harschen „Ich brauche eure Hilfe nicht“ gleichsam wegstieß ins feindliche Kollektiv der weißen Herren. Was überaus verständlich war, ließ gleichwohl nichts Gutes für die Zukunft ahnen: Erst 1998 wurde das unabhängige Indonesien seine hausgemachte Diktatur los.

Maria Dermoût (1888–1962) wurde ebenfalls auf Java geboren, lässt ihren Roman „Die zehntausend Dinge“ jedoch auf einer kleinen Inselplantage auf den Molukken spielen. Auch dies ist eine erhellende Lektüre, die politische Eindeutigkeiten unterläuft. Denn ist die fragile Romanheldin Felicia nicht längst Teil der dortigen Kultur? Kennt sie sich nicht in lokalen Mythen aus und pflegt sogar einen animistischen Totenkult?

Das betörend beschriebene Eingesponnensein zwischen Meer und Kräutergarten ist jedoch nur deshalb möglich, weil permanent „Personal“ vorhanden ist, das der huldvollen Herrin die meiste Arbeit abnimmt. Doch selbst dieser strukturell entscheidende Aspekt wird nicht im Ton einer Sozialanklage präsentiert, sondern eher en passant enthüllt. Eine Zurückhaltung, die die verstörende Intensität auch dieses Romans nur noch steigert. Marko Martin

Hella S. Haasse: „Der schwarze See“, aus dem Niederländischen von Gregor Seferens,
Lilienfeld, Düsseldorf, 2016, 144 Seiten, 18,90 Euro

Maria Dermoût: „Die zehntausend Dinge“, aus dem Niederländischen von Bettina Bach,
dtv, München, 2016, 263 Seiten, 22 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 122. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 122

No. 122Juni / Juli 2017

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite