Der nüchterne Blick
Auch die Künstler in der DDR zog es an die See – die staatstragenden wie die nichtkonformen. Eine Ausstellung in Stade zeigt ihre Werke
Die Kunstgeschichte steckt voller meeresverliebter Künstler, die nichts anderes im Kopf hatten, als aus den Städten zu fliehen. Hin zum Meer. Hin zum Strand. Ihre bevorzugten Orte lagen zumeist am Mittelmeer: Südfrankreich, Italien, die Länder Nordafrikas gehörten zu den maritimen hot spots, an deren Licht und Farben die Kunst genesen sollte.
Doch auch Nord- und Ostseeküste sind schon lange „Sehnsuchtsziel und Zufluchtsort“ von Künstlern. Dies führt die Ausstellung „Meer, Strand und Himmel als Sehnsuchtsziel und Zufluchtsort der Künstler seit Edvard Munch“ vor Augen, die im Kunsthaus in Stade zu sehen ist.
Vor allem die bislang noch unzureichend bearbeitete Geschichte der DDR-Kunst steht im Fokus der Schau. In den Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg siedelten sich viele Künstler mit Zweitwohnsitz an – sowohl die staatstragende wie die nichtkonforme Kunstszene liebte die karge Ostseelandschaft. Die Flucht ans Meer war in vielen Fällen sogar verordnet: In den siebziger Jahren gab es den Plan, Künstler systematisch im Norden der DDR anzusiedeln – in Neubrandenburg wurde ein „VEB Zentrum Bildende Kunst“ eingerichtet, ein Kunstkombinat mit Werkstätten, Ateliers und Ausstellungsräumen. Auch die Eröffnung der Kunsthalle in Rostock sollte die nordostdeutsche Kunstszene bereichern.
Vor allem Mecklenburgs Dörfer wurden zum politisch wenig kontrollierbaren Refugium vieler Kunstschaffenden. Ihre falschen Vorstellungen vom Landleben an der Küste hat Christa Wolf einmal in einem Text beschrieben: Die Künstler träfen dort „auf keine Schäferidylle, sondern auf industrielle Viehproduktion, auf riesige Genossenschaftsställe, saisonweise auf den Lärm monströser Erntemaschinen, auf Dünger und Herbizide streuende gelbe Landwirtschaftsflieger“.
Die Ausstellung zeigt 37 Künstlerinnen und Künstler ganz unterschiedlicher Couleur, doch geht es allen darum, die spezielle Physiognomie der norddeutschen Landschaft ins Bild zu setzen, wie der Berliner Kurator Eckhart Gillen im Katalogvorwort schreibt. „Die Werke der Malerei und Skulptur, die Papierarbeiten, Installationen und Fotografien thematisieren unsentimental die prägenden Elemente der mecklenburgischen Landschaft: Wasser, Erde, Luft.“
Oft ist es tatsächlich eine Nüchternheit des Blicks, die fasziniert, wie etwa bei dem zeitgenössischen Maler Thomas Wageringel oder dem von der pommerschen Küste stammenden Ernst Schroeder (1928–1989), der in Usedom seinen Zweitwohnsitz hatte und Ende der fünfziger Jahre seine schönsten Arbeiten schuf. Seine leider fast vergessene melancholisch-graue „Ostseelandschaft mit Fischernetzen“ (1956/58), deutlich geschult an französischer Malerei wie der von Bernard Buffet, gehört zu den intensivsten Produktionen neuerer maritimer Malerei.
Ganz anders dagegen Günther Uecker, der sich dem Thema der Hinterlassenschaften der russischen Armee widmete. Fotografien verlassener Kasernenräume sind in der Ausstellung zu sehen, von Nägeln durchdrungen. Die Bilder tragen den Titel „Memento mori“. Marc Peschke
„Meer, Strand und Himmel“, Ausstellung im Kunsthaus Stade. Bis 27. August. Zur Ausstellung erscheint ein Buch von Eckhart Gillen im Hinstorff Verlag, Rostock, 160 Seiten, 19,90 Euro
Schädel im Eis
Jørn Riel macht einen grausigen Fund – und schreibt einen Roman
Wenn das Meer gefriert, wird es für die Inuit Zeit, sich in die festen Gemeinschaftshäuser zurückzuziehen. Sind sie im Sommer in ihren Kajaks im eisigen Wasser unterwegs, bewegen sie sich in den langen Wintern mit ihren Hundeschlitten auf dem Festland.
Der dänische Autor Jørn Riel hat 16 Jahre auf Grönland gelebt. Mit vielen seiner mehr als 40 Romane und Erzählungen ist er zum Botschafter einer Kultur geworden, deren Originalliteratur hier zu Lande praktisch unbekannt ist. Schon während seiner ersten Begegnung mit Grönland stieß er im Rahmen einer geologischen Expedition im kaum erforschten Nordosten des arktischen Subkontinents auf die archäologischen Spuren, die ihn zu seiner fiktionalen Nacherzählung eines Dramas bewegten. An der Grenze der befahrbaren Gewässer betrat er ein Eiland, das keine Spuren einer menschlichen Besiedlung zeigte. Hier fand er den Schädel einer erwachsenen Frau und das Skelett eines Kindes, die vor mehr als 200 Jahren ums Leben gekommen waren.
„Vor dem Morgen“ ist der Roman zu diesem Fund. Das Buch erzählt von der Inuit-Großmutter Ninioq und ihrem Lieblingsenkel Manik, die sich im Sommer von ihrem Volk auf der kleinen Insel absetzen ließen, um einen besonders reichen Fang an Fischen in der Abgeschiedenheit trocknen zu lassen. Im Herbst sollten sie wieder abgeholt werden – aber niemand kam. Ihr Volk war inzwischen untergegangen. Die beiden bestanden gefährliche Abenteuer, Angriffe von Bären und Wölfen, arktische Stürme, die Kälte und Dunkelheit des polaren Winters. In aussichtsloser Lage löschte Ninioq dann die letzten Lampen, öffnete den schützenden Vorhang und überließ sich und ihren Enkel der Kälte. Waren sie die letzten beiden Menschen?
Monatelang hatte sie sich für das Weiterleben ihres Enkels aufgeopfert, ihm die wichtigsten Fertigkeiten beigebracht, mit denen sich die Inuit in dieser unbarmherzigen Umgebung am Leben erhalten konnten. Sie hatte ihm noch die Kajakrolle beigebracht, das Wiederaufrichten dieses schnellen und wendigen Bootes, mit dem die Inuit auf Fischfang gehen. Die Übungen fanden im Meer statt, auf dem sich schon der erste Eisfilm gebildet hatte. Das Leben im und vom Meer war doch die Voraussetzung für alles.
Jørn Riels Roman verbindet die poetische Erzählung von der Liebe zwischen Großmutter und Enkel vor einer ethnografischen Kulisse aus der „Vierten Welt“ mit den Seinsüberlegungen am Rand allen Lebens. In dieser extremen Lage werden menschliche Grundstrukturen sichtbar, in denen sich Überlebenswille und Zärtlichkeit, die Existenz in der erbarmungslosen, herrlichen Natur und die Erinnerungen an ein langes Menschenleben zu einer ergreifenden Geschichte verbinden.
Riel hat hierfür eine Sprache gefunden, die das Abenteuerliche der Geschichte und das Nachdenkliche der Grenzerfahrung zusammenbringt. Er hat sich gründlich auf Grönland umgesehen und beschreibt das Wechselspiel zwischen Meer und Eis, die gefährliche und mit ihren Schönheiten überraschende Natur voll sinnlicher Kraft. Er verknüpft den archäologischen Fund und seine erfundene Geschichte mit den religiösen und mythischen Überlieferungen, die seit der dänischen Kolonisierung und Missionierung nicht mehr weiter leben konnten – wie das kleine Volk, von dem Ninioq und Manik die beiden Letzten waren. Harald Loch
Jørn Riel: „Vor dem Morgen“, aus dem Dänischen von Wolfgang Th. Recknagel, Unionsverlag, Zürich, 2006, 192 Seiten, 14,90 Euro
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