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Im Kielwasser des Admirals Zheng He
Fotograf Michael Yamashita reiste auf den Spuren des sagenhaften chinesischen Entdeckers aus dem 15. Jahrhundert um die Welt

Stolz waren sie, die Entdecker. Sie hatten es endlich geschafft, waren entlang Westafrikas Küste nach Süden gesegelt, hatten das Kap der Guten Hoffnung umrundet, und nun ging Vasco da Gama, Kapitän einer Flotte von vier Karavellen und Entdecker des lange gesuchten Seewegs in den Indischen Ozean, an Land. Großzügig verteilte der Portugiese in Malindi im heutigen Kenia die sprichwörtlichen Glasperlen an die Einheimischen; sie sollten in Ehrfurcht erstarren vor dem Weitgereisten und seinen Gaben. Doch die Entdeckten zeigten sich wenig beeindruckt. Vor langer Zeit, so erzählte ihm der Dorfälteste, seien Männer in seidenen Gewändern über die See gekommen, auf Schiffen, die jene der Portugiesen an Größe bei Weitem übertroffen hatten.

Und in der Tat hätte die Konkurrenz den chinesischen Admiral Zheng He kaltgelassen: Er befehligte im 15. Jahrhundert eine Armada von 300 Schiffen und 27 000 Mann – Matrosen, Soldaten, Handwerker, Dolmetscher und Wissenschaftler, darunter allein 200 Ärzte. Seine Gaben waren keine armseligen Glöckchen und Glasperlen. Zheng brachte Seide, Edelmetalle und Porzellan. Dafür tauschte er Edelhölzer und Elfenbein in Vietnam, Zinn auf der indonesischen Insel Bangka, Weihrauch und Myrrhe in Jemen, Teppiche und Edelsteine in Oman. Aus Malindi brachte er eine Giraffe mit, die zu Hause in China als Glücksbringer verehrt wurde.

In unseren Breiten ist der Seefahrer erst vor wenigen Jahren durch ein Buch des englischen Autors Gavin Menzies bekannt geworden. Zhengs Schiffe hätten, so Menzies’ aufsehenerregende Theorie, den Pazifik überquert, Australien lange vor Cook und Amerika lange vor Kolumbus entdeckt. Ein Beweis der These steht zwar noch aus, doch eine Pazifiküberquerung war für die bis zu 120 Meter langen Dschunken machbar.

Neugierig geworden durch Menzies’ Buch, machte sich der Fotograf Michael Yamashita auf und folgte den Spuren des chinesischen Seefahrers. Der hatte im Auftrag seines Kaisers zwischen 1405 und 1433 sieben Reisen unternommen. Seine Mission: die Botschaft von Chinas Größe an den Küsten Vietnams, Thailands und Indonesiens und weiter bis nach Indien, Arabien und Afrika zu verbreiten.

Überall stieß der amerikanische Fotograf auf Motive, die er in den wenigen erhaltenen Reiseberichten aus jener Zeit beschrieben fand: So nutzen Fischer im indischen Kerala noch heute eine Fangtechnik, die höchstwahrscheinlich die Chinesen hierher brachten. Noch immer wird seither an der Straße von Hormus mit Teppichen, in Jemen mit dem wohlriechenden Harz des Weihrauchbaums gehandelt. Auf der indonesischen Insel Bangka fotografierte Yamashita Einwanderer aus China, die wie zu Zhengs Zeiten Zinn förderten.

Die Mission der Flotte war offensichtlich ein Erfolg. Auch nach 600 Jahren, so fand Yamashita, wird der Seefahrer aus China im Fernen Osten wie ein Gott verehrt. Im indonesischen Surabaya etwa haben die Bewohner eine Moschee nach ihrem Glaubensbruder benannt. Im ebenfalls auf Java gelegenen Semarang findet jedes Jahr ein großes Fest zu Ehren des chinesischen Admirals statt. Anhänger tragen seine farbenfroh ausstaffierte Statue durch die Straßen der Stadt. In der alten thailändischen Hauptstadt Ayut­thaya schließlich huldigt man Zheng in einem reich verzierten Tempel als Gott des Reichtums – in Gestalt einer 20 Meter hohen goldenen Buddhastatue.

Häufig werde er gefragt, was einen großen Fotografen ausmache, schreibt Yamashita im Vorwort. Seiner Ansicht nach ist das „jemand, dessen Bücher und Reportagen so gut sind, dass die Leute keine Seiten überblättern. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, Fotos zu schießen, die packend sind und Lust darauf machen, die ganze Reportage zu lesen“. Das ist ihm mit seinem neuen Buch gelungen: Wer einmal damit begonnen hat, die Fotos zu betrachten und die Bildunterschriften zu lesen, wird sich auch schnell in den Text hineinziehen lassen. Es lohnt sich: Der italienische Historiker Gianni Guadalupi stellt den chinesischen Admiral vor und erläutert die historischen Hintergründe, während Yamashita selbst unterhaltsam von den Erlebnissen seiner Reise auf den Spuren Zheng Hes berichtet. Werner Pluta

Michael Yamashita: „Die Drachenflotte des Admirals Zheng He“, mit einer Einführung von Gianni Guadalupi, Frederking & Thaler, München, 2006, 450 Seiten mit ca. 300 Farbfotos, 29,90 Euro

 

Licht im Norden
Olaus Magnus veröffentlicht 1539die erste Karte Skandinaviens

Die Venezianer müssen sehr gelacht haben, als sie die „Carta Marina – Die Meerkarte und Beschreibung der Länder des Nordens so wie der in ihnen anzutreffenden Wunderdinge“ zu sehen bekamen. Da werden in „Winterszeiten Eißherbergen für die Wanderer“ auf dem Eis aufgeschlagen, oder Menschen binden sich „krumme Balcken unden an die Solen der Füße“. Das Jahr 1539: Skandinavien ist den Südländern so fern wie einst die Barbaren hinter dem Limes. Iglus und Skier sind ihnen gänzlich unbekannt.

9000 Kilometer war der schwedische Geistliche Olaus Magnus durch die Welt der Schweden, Norweger und Lappen gereist. Im päpstlichen Auftrag, um den Ablasshandel anzukurbeln. Und zwar zu Pferd, Fuß, Schiff und auf Schlitten. Aber erst im italienischen Exil zeichnet der spätere Erzbischof von Uppsala die „Carta Marina“ – mit der Hilfe von Venedigs Patriarchen Gerolimo Querini: Gedruckt auf neun Holzplatten in einer Gesamtgröße von 1,70 mal 1,25 Metern, zeigt die Karte eine für die damalige Zeit erstaunlich genaue Welt des Nordens, verleiht den Küsten erstmals klare Konturen. Sie wird nur bei einem venezianischen Kaufmann angeboten. Um dann ganz in Vergessenheit zu geraten. Erst 300 Jahre später taucht das Meisterwerk wieder auf – ausgerechnet in der Kartenabteilung der Münchener Hof- und Staatsbibliothek, sauber archiviert mit der Signatur „Mappae VII,1“. Eine Sensation für die Fachwelt.

Elena Balzamo und Reinhard Kaiser machen diese nun in einer Auswahlausgabe mit ausführlichem Hintergrundmaterial und einem Faksimile der Karte auch dem breiten Publikum zugänglich: In 22 Büchern auf 815 Seiten hatte Magnus quasi einen mittelalterlichen Touristenführer verfasst, der die mediterrane Welt in Staunen versetzte. Allein die Karte birgt Seltsames: Da fährt ein „Eichhorn auf einem Span über das Wasser“, den „Schwanz als Windfähnlein“ nutzend, oder ein „Meerwunder in Schweinsgestalt, gesehen im Jahr des Herrn 1537“, warnt vor Riesenhummern nahe den Orkneyinseln. Sie sind so stark, „dass sie einen schwimmenden Mann fangen und erwürgen“ können.

Zur Zeit von Olaus Magnus waren Alltag und Wunder nicht streng geschieden und die Mystik keine Gegenspielerin der exakten Wissenschaften. So erzählt bei Magnus etwa „die gräuliche Gestalt des großen Fisches Ziffius“, dass in Islands Bergen der Eingang zur Unterwelt zu finden ist, „ein Abgrund in der Erde, der so tief ist, dass er sich nicht mit dem Auge ergründen lässt“. Leute erscheinen dort, „die kurz zuvor ertrunken sind, als wären sie noch lebendig“.

Geografisch hebt die „Carta Marina“ den Nebel über dem Nordmeer – um gleichzeitig die Mystifizierung von dessen Lebenswelt zu fördern. Alles im Norden erscheint größer, großartiger und wuch­tiger: Die Menschen werden älter als anderswo (bis zu 160 Jahre), und natürlich sind die Frauen die schönsten und fruchtbarsten.

Magnus’ Karte ist ein schillerndes Kaleidoskop, das noch 450 Jahre später verwundert. Darin liegt heute ihr größter Reiz: Topografisch zwar überholt, zeigt sie dem Leser eine ihm längst abhanden gekommene Dimension des Daseins. Etwa von den Finnen, die einst den Wind in verschiedenen Stärken an Seeleute verkauften. Den Südländern hingegen mag das damals glaubhafter erschienen sein als der Bau von Hütten aus Eis. Roland Brockmann

Olaus Magnus: „Die Wunder des Nordens“, übersetzt von Elena Balzamo und Reinhard Kaiser, Eichborn, Frankfurt/M., 2006, 350 Seiten mit 170 Abbildungen, 32 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 61. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 61

No. 61April / Mai 2007

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