Pünktchen im Licht eines Feenreichs
Zauberhaft und zerbrechlich: Vater und Sohn Blaschka erschufen Meereslebewesen aus Glas. Wie sie das taten, bleibt ihr Geheimnis
Es begann mit einem Spleen, natürlich einem britischen. Es war im Jahr 1863, als ein böhmischer Goldschmied und Glasbläser von einem Engländer um einen ungewöhnlichen Gefallen gebeten wurde. Der Gentleman nämlich litt unter der Vergänglichkeit und Fragilität seiner liebsten Meerestierchen, der Seeanemonen, und fragte nach, ob man diese nicht auch adäquat aus Glas zu blasen vermöge.
Meister Leopold Blaschka vermochte es, dank der von ihm entwickelten Kunst des Glasspinnens; er erfüllte den Auftrag zur vollsten Zufriedenheit. Mehr noch, der 1822 in Cesky´ Dub geborene und seit 1863 in Dresden lebende Als-ob-Handwerker (in Wahrheit nämlich war er vielmehr ein Künstler) war auf den Geschmack gekommen. Und die Zeit schien günstig: Hatte nicht der Biologe Ernst Haeckel bereits organische Wesen bis in die letzten Verästelungen gezeichnet und sich sogar an die Darstellung von Kieselalgen gewagt? Waren nicht die Öffentlichkeit und nobel zahlende Kunden (Meister Blaschkas Geschäftstüchtigkeit stand seinem Glasbläsergeschick in nichts nach) an Objekten interessiert, die Exotischeres boten als Meißener Porzellan oder den bislang gewohnten Biedermeierkitsch? Außerdem gab es mit Rudolf einen Filius, der Vaters Interessen mit der gleichen Leidenschaft teilte und nichts dabei fand, täglich an die 16 Stunden in der Werkstatt in Dresden-Hosterwitz zu sitzen und Meerestierchen aus Glas zu blasen, die beliebten Seeanemonen ebenso wie Schwämme, Kraken, Seeschlangen, Quallen.
Aus der Zufallsidee wurde mit der Zeit jedenfalls ein gutes Geschäft. 1871 entstand auf der Grundlage von rund 700 Modellen wirbelloser Meeresorganismen der erste Katalog für „Maritime Aquarien“, und die Exponate wurden nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verkauft – selbst in Japan, immerhin dem Land des ästhetischen Minimalismus, fanden die Glasbläsereien ihre Bewunderer.
Und dennoch bleiben Geheimnisse: Da nämlich weder der 1895 verstorbene Vater Leopold noch der Sohn Rudolf (gestorben 1939) jemals Lehrlinge ausbildeten, wurde ihr Wissen um die besondere Art dieser Modellfertigung nie weitergegeben. Weder im Botanischen Museum zu Boston noch im Naturkundemuseum der Harvard-Universität, wo sich ein großer Teil der Blaschka-Modellsammlung befindet, konnte das Rätsel ihrer Technik bislang gelöst werden. Auch die später gefundenen Tagebuchaufzeichnungen von Blaschka senior schweigen sich über handwerkliche Details aus, nur der eigentliche Moment der Inspiration – lange vor der Bitte des Briten – ist darin vermerkt.
Kurz nach dem Tod seiner Frau war Leopold Blaschka im Jahr 1853 in die Ver- einigten Staaten gereist, um sich dort zu erholen. Auf der Überfahrt aber kam es irgendwann zu einer 14-tägigen Windstille – genügend Zeit, um jene „Pünktchen im hellgrünlichen Lichte eines Feenreichs“ zu betrachten, die sich da als Quallen und Algen unter der Meeresoberfläche tummelten. Ab jetzt würden sie ihn sein Leben lang begleiten.
Dem Fotografenpaar Heidi und Hans-Jürgen Koch, bislang bekannt für seine „Geo“-Arbeiten, ist nun das kleine Wunder gelungen, genau diesen Zauber wiederaufleben zu lassen. Das ist nicht selbstverständlich. Fotografien von Modellen von Unterwassertieren?
Die scheinbar immense Distanz, die zwischen den Zeiten, Orten und nicht zuletzt den Fertigungsgenres liegt, aber ist aufgehoben in einer Transparenz, die gleichwohl derart flirrend ist, dass sie das Mysterium bewahrt. Der Blaschkas kundige Hände und ihr starker Atem, der hauchzarten Wesen einst Unsterblichkeit gab – in den Bildern der Kochs vermeint man sie erneut zu spüren. Marko Martin
„Blaschka – Gläserne Geschöpfe des Meeres“, Ausstellung bis 18. Mai, Technische Sammlungen Dresden; 11. 7. bis 19. 10., Naturkundemuseum Reutlingen; 9. 11. bis 11. 1. 2009, Überseemuseum Bremen; 12. 2. 2009 bis Ende April 2009, Museum Mensch & Natur, München
Nerven behalten!
Wie ein jüdischer Reeder sich von den Nazis nicht unterkriegen ließ
Da ist dieses Plakat im futuristischen Hoffnungsstil der Zeit: Vor dem roten Hintergrund einer stilisierten New Yorker Skyline ein Dreieck mit einem schwarz gedruckten Initial – AB. Oder: Aufnahmen vom hektischen Manhattan, diesmal auf der aufgeklappten Doppelseite des Werbeprospekts einer transatlantischen Schifffahrtslinie – „Découvrez l’Amérique!“
Goldene Zeiten, damals in den Dreißigern des 20. Jahrhunderts? Eher die Ruhe vor dem Inferno. Wer in die Vitrinen der Kabinettsausstellung im Jüdischen Museum Berlin schaut, ist nicht zuletzt mit Illusionen konfrontiert, damaligen Wünschen, die unseren heutigen irritierend gleichen: Welch berückender technischer Fortschritt, welch schillernde Mondänität! Wer würde in solch aufgeklärter Zeit auf die wahnsinnige Idee verfallen, dass die großen Städte des Westens vernichtet gehörten und die Juden angeblich das Erzübel des Planeten darstellten? Nun, Adolf Hitler kam auf die Idee, Osama Bin Laden desgleichen. Wie gegenwärtig dies ist …
Wer aber war „AB“? Arnold Bernstein, geboren 1888 in Breslau, Offizier im Ersten Weltkrieg, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz, Selfmade-Mann und Hamburger Reeder mit Sinn für Innovation. Während in den zwanziger Jahren aus Übersee importierte Automobile entweder kostspielig verpackt werden mussten oder gar in Einzelteilen angeliefert wurden, hatte Bernstein die geniale, alle Konkurrenz ausstechende Idee, seine Frachtschiffe so umzurüsten, dass die Wagen über einen speziellen Lift vom Schiffsbauch direkt auf den Kai fahren konnten. Als die Weltwirtschaftskrise dem ein Ende setzte, verwandelte er pragmatisch die Fracht- in eine Passagierlinie, die lediglich Touristenklassen kannte und deshalb preisgünstiger war. Mit der AB-Linie nach New York! Oder mit der „Tel Aviv“ über Triest nach Haifa, um zionistische Pioniere und Einwanderer nach Palästina zu bringen! Bis Arnold Bernstein im Januar 1937 von der Gestapo verhaftet und ins Hamburger KZ Fuhlsbüttel gebracht wird. Bis man ihm die gesamte Reederei „arisiert“, das heißt stiehlt, und ihn trotz der Anstrengungen seines Rechtsanwalts Gerd Bucerius (dem späteren Gründer der „Zeit“) zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Vitrine ein Brief an seine Frau Lilli: „Für Dich gilt jetzt dasselbe wie für mich. Nerven behalten!“
Eine repräsentative deutsch-jüdische Geschichte? Nicht unbedingt, denn zumindest diese endete nicht in den Vernichtungslagern der Nazis, sondern in New York. Bernstein hatte seine Familie mithilfe von Visa retten können, er selbst stand an der Reling eines Schiffes, das, vorbei an der Freiheitsstatue, in den schützenden Hafen einlief, als der Kalender das Datum des 1. September 1939 zeigte. Im Jahr darauf wurde er eingebürgert, blieb lange mittellos, wenngleich nicht ohne Freunde.
Nach dem Krieg – Reeder bleibt Reeder – wollte Bernstein es noch einmal wissen und schaffte es für zwei Jahre, von 1957 bis 1959, ein Passagierschiff zu besitzen. Noch einmal das AB am Schornstein, noch einmal bunte Menükarten in der Ausstellungsvitrine – dazu ein gealterter, fröhlicher Mann im Kreis von Fünfziger-Jahre-Schönheiten. 1971 stirbt Arnold Bernstein im Alter von 83 Jahren in Palm Beach, Florida. Seine Erinnerungen „Ein jüdischer Reeder“ sind längst vergriffen und nur noch im Internet erhältlich, doch lässt diese Ausstellung eine Jahrhundert-biografie lebendig werden. Marko Martin
„Im Wechsel der Gezeiten – Der Reeder Arnold Bernstein“, Ausstellung bis 15. Juni, Jüdisches Museum, Berlin
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