Zwei Farben Grau
Variationen der Unendlichkeit: Über zwei Jahrzehnte hat der Fotograf Fabien Baron die Linie zwischen Himmel und Meer fixiert
Man könnte sich Gott wie einen großen Bademeister vorstellen. Kaum, dass er Himmel und Erde geschaffen hatte, schwebte er schon als Geist auf dem Wasser. So jedenfalls ist es in einem Mythos überliefert, der am Beginn der biblischen Genesis steht. Das verwundert nicht. In zahlreichen religiösen Weltbildern nämlich sind sowohl Himmel als auch Erde aus einem einzigen Stoff geschaffen: aus Wasser. Damit beide Regionen nicht ineinanderfließen, hat Gott zwischen ihnen gleich zu Beginn eine scharfe Trennlinie gezogen. Wie genau man sich das vorstellen muss, darüber schweigen sich die verschiedenen Schöpfungsmythen aus. Wer sich indes den umfangreichen Bildband „Liquid Light“ des französischen Fotografen Fabien Baron anschaut, der erkennt diese Linie zwischen den blauen Weltengegenden auf Anhieb. Barons Fotografien erscheinen wie Bilder vom ersten Schöpfungstag. Als wären die Claims von Zeit und Raum noch nicht genau abgesteckt, hat Baron mit einer Großbildkamera riesige Himmels- und Meeresflächen ins Visier genommen.
Über 20 Jahre hinweg scheint er dabei letztlich immer wieder das gleiche Motiv aufgenommen zu haben: zwei Flächen variierender Blautöne, die in der Mitte von einer wie mit dem Lineal gezogenen Waagerechten durchtrennt worden sind. Entstanden sind diese Bilder mittels Langzeitbelichtungen von Horizonten. Seit dem Jahr 1983 hat sich Baron Morgen für Morgen und Tag für Tag immer wieder an die Küste eines Ozeans gestellt und mit poetischen Blautönen einen Hauch von Ewigkeit verdichtet. Mehr als 3000 auserwählte Negative sind so zusammengekommen, für moderne Maßstäbe eine recht ungewöhnliche Zeitansammlung.
Barons Vorgehen glich einem kultischen Ritus. Durch permanente Wiederholung hat er der unbestimmten Weite,dem flirrenden Licht und der verfließenden Zeit eine fotografische Ordnung aufzudrücken versucht. Mit geometrischer Formung und bildlicher Rahmung versuchte er Gewalten zu bannen, die sich allen menschlichen Regeln entziehen. „Ich habe mir meine eigene Religion geschaffen“, beschreibt der 48-jährige Fotograf, der zuvor lange Jahre als Art Director für Zeitschriften wie „Vogue“ oder „Harper’s Bazaar“ gearbeitet hat, seine Arbeitstechnik. Es ist eine Religion der Oberflächen. Je länger das Auge die Weiten aus Blau-, Weiß- und Grautönen scannt, desto weniger findet es auf den glatten Flächen Orientierungs- und Haltepunkte. Wie auf Farbfeldmalereien des Informel verweigern die Fotografien jegliche Tiefe. Wellen oder Wolken lösen sich auf, je länger der Fotograf auf den Auslöser drückt.
Auf manchen Bildern scheint die Farbe des Meeres identisch mit der Tönung des Himmels zu sein. Der Horizont, er ist hier nicht mehr als ein zarter Hauch, eine Membran, die die Elemente vor der Verschmelzung schützt. Diese Bilder bestechen durch ihre mythische Dichte. Denn so hat er vermutlich ausgesehen, der Tag, an dem sich Gott aufmachte, um Himmel und Erde zu trennen. Ralf Hanselle
Fabien Baron: „Liquid Light 1983–2003“, Steidl Verlag, Göttingen, 2008, 192 Seiten, 99 Farbtafeln, 70 Euro
Manöverkritik light
Seeabenteuer mit spitzer Feder: Alexandre Dumas’ Debütroman
Der Kapitän der Handelsbrigg „Roxelane“ war kein Musterknabe. Alexandre Dumas der Ältere hat in seinem ersten Roman mit „Le capitaine Pamphile“ eine ironisierte, durchaus kritisch zu lesende Hauptfigur geschaffen. Die späteren Werke „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“ haben seinen Weltruhm begründet; umso unverständlicher ist, dass es bislang keine deutsche Übersetzung des 1839 erschienenen Debüts gegeben hat. Die „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ holt das Versäumte nach.
„Le capitaine Pamphile“ ist ein skurriler Abenteuerroman, der, gespickt mit Anspielungen auf Zeitgenossen, damals Aufsehen erregte. Alles beginnt im Haus des Malers Decamps in Paris, der in der fünften Etage des Hauses No. 109, Faubourg Saint-Denis, einen kleinen Zoo unterhält. In Tischgesprächen werden die Eigenart, das unglückliche Ableben und die Herkunft der Tiere erörtert. Die exotischen von ihnen hat ein gewisser Kapitän Pamphile von seinen Reisen mitgebracht. Kritische Untertöne gegen Verbrechen, Unsitten und Skandale beherrschen die unglaublichen Geschichten um diesen Kapitän, der sich am Sklavenhandel beteiligt, die Ureinwohner Afrikas und Amerikas demütigt und seine Landsleute nach Strich und Faden betrügt. Wir erleben ihn auf hoher See, von Indianern entführt auf einem Kanu im Sankt-Lorenz-Strom und auf Großwildjagd an den Küsten Afrikas. „Handelsbrigg“ ist für die „Roxelane“ übrigens ein geschönter Ausdruck: Pamphile ist als Pirat unterwegs, nimmt Handelsschiffen ihre Güter ab und verkauft sie daheim an seine ahnungslosen Auftraggeber. Er schont Leib und Leben der Besatzungen überfallener Schiffe, mit seiner eigenen Mannschaft geht er weniger zimperlich um. Am Ende gelingt ihm sein Meisterstück: Auswanderungsbetrug. Er hat in Mittelamerika eine „Republik“ gegründet, die er in London und Edinburgh in den leuchtendsten Farben beschreibt. Pamphile verleitet Hunderte Briten zur provisionspflichtigen Auswanderung. Der Roman enthält im Anhang eine eigene Verfassung für Pamphiles imaginären Staat.
Dumas singt nicht das Hohelied menschlicher Verschlagenheit. An einer Stelle heißt es, die Handlungen sprächen so sehr für sich, dass man sie moralisch bewerten müsste. „Kapitän Pamphile“ lebt von den Abenteuern, die – übertrieben gefährlich und ausnahmslos glücklich überstanden – einen großen Teil seines Unterhaltungswerts ausmachen. Die andere Stärke des Romans ist der bewusst hochtrabende Ton, der für die Schilderung des trivialen Geschehens gewählt wird und ein wenig ironische Weltweisheit mitschwingen lässt.
Dumas ist der Sohn des im heutigen Haiti geborenen „Generals der Revolution“ Alexandre Davy de la Pailleterie, dessen Mutter eine schwarze Sklavin in der Karibik war. Der Autor des „Kapitäns Pamphile“ hatte also durchaus Problembewusstsein. Andererseits folgte er in seiner gesamten Dichterlaufbahn einem instinktiven, von seinem Lebensstil immer wieder neu befeuerten Geschäftssinn, der verhinderte, dass er sein Publikum mit postrevolutionären Freiheitsvisionen allzu sehr erschreckte. Insofern ganz Franzose, setzte er lieber auf Esprit und süffisante Eleganz. Er unterhielt, ohne zu verschweigen, was gesagt werden musste. Das ist es auch, was seinen ersten Roman heute zu einer wahren Wiederentdeckung macht. Harald Loch
Alexandre Dumas (père): „Kapitän Pamphile“, Erstübersetzung aus dem Französischen von J. Trobitius, Manesse, Zürich, 2007, 400 Seiten, 19,90 Euro
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