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Grüße aus einer anderen Welt
Der Fotokünstler Elger Esser bearbeitet historische Postkarten und lässt die französische Küste als entrücktes Farbenreich entstehen

Eine Frau läuft barfuss in grossen Schritten den Strand entlang. Man erkennt auf dem ersten, grob gerasterten, stark vergrößerten Foto nur ihre Kontur: Sie stemmt ihren Körper entschlossen dem Wind entgegen. Auf dem nächsten Foto ist ein Junge zu sehen. Er steht auf eine Schaufel gestützt, die Füße im Wasser, am Bildrand.

Erkundungen des Elements, vom Land aus betrachtet – der Becher-Schüler und Fotokünstler Elger Esser greift für „Ansichten“ auf seine Sammlung von Postkarten aus der Zeit um 1900 zurück. Sie zeigen Ansichten von den französischen Küsten. Zunächst bestechen die Farben. Ein Jadeschilfgrün, ein rötliches Braun, mit dem die hochvergrößerten Ausschnitte koloriert sind, entführen das Auge in eine andere Welt. Dann das Raster: Es nimmt Meer und Menschen, Strand und Himmel ihre Plastizität, als würde sich alles auf einer Fläche abspielen, die nur durch Pixel und grafische Strukturen gegliedert ist. Das erinnert ein wenig an Gerhard Richters und Sigmar Polkes Arbeiten. Ja, wir haben es mit Bildern zu tun – und diese suggerieren keine unmittelbare Erfahrung, sondern zeitliche und räumliche Ferne. Die Begegnung mit dem Meer erscheint wie eine Verheißung. Zwar sieht man Arbeit und Sport, aber sie sind so ins Bild gesetzt, dass sie wie Selbsterkundung und Welteroberung zugleich erscheinen. Formen zu finden, die einem gewaltigen Gegenüber standhalten, ist die Aufgabe, die der Blick aufs Meer dem Betrachter wie dem Künstler stellt. An die Darstellung offener Landschaft hat sich die europäische Tafelbildmalerei erst spät und unter allerlei Vorsichtsmaßnahmen gewagt: Die Landschaft wurde in überschaubare Schichten aufgeteilt, der Blick konnte sich, ausgehend von einem Rahmen, einem Gebäude oder Baum im Vordergrund, allmählich in die Tiefe tasten.

Zeitgenössische Reaktionen auf Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ zeigen, welch ein Schock es war, diese visuellen Stützen hinter sich zu lassen. Die ungeschützte Begegnung mit der Weite der Küstenlandschaft auf dem Bild empfand Kleist wie einen körperlichen Eingriff. Den Betrachter überkomme das Gefühl, „die Augenlider“ seien ihm „weggeschnitten“. Solche Schockerlebnisse sind um die Jahrhundertwende längst historisch geworden – auf Postkarten sind Fotografien zu sehen, die an bekannte Bildtraditionen anknüpfen und zugleich ein Authentizitätsversprechen ablegen: Der Schreibende ist selbst am Ort gewesen, und die Abbildung zeigt diesen so, wie ihn auch der Absender vor sich gehabt haben mag.

Wie aber verhält es sich mit Aufnahmen von der Küste und vom Meer? In Essers Buch gibt es Meeresansichten, die in glühenden Farben das Vertraute und doch zugleich Fremde der See zeigen, ein Sehnsuchtspanorama. „Abreise“ heißt das letzte Kapitel. Hier sieht man Segelschiffe, weiß gekleidete Damen mit Bubikopf und Leuchttürme. Ein Sonnenuntergang ist in glühenden Farben ins Bild koloriert. Es wird einem beim Betrachten, seltsam traumverloren, das Herz schwer. Andrea Gnam

Elger Esser: „Ansichten. Bilder aus dem Archiv“, mit einem Text von Alexander Pühringer, Schirmer/Mosel Verlag, München, 2008, 96 Seiten, 37 Farbtafeln, 49,80 Euro


Demokratische Geister
Mythische Erzählkunst im Dienst politischer Wahrheitsfindung: Ein Roman erklärt die Seele der Inselrepublik Taiwan

Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D., weiß es ganz genau. Gefälligst „ohne politische Obstruktion“ solle der Westen die Versuche der Volksrepublik China zulassen, sich die Inselrepublik Taiwan wieder einzuverleiben. Dass damit aus sicherer europäischer Distanz eine geografisch kleine, aber deshalb umso beachtenswertere Demokratie einer Nach-wie-vor-Diktatur in den Rachen geschoben werden soll, hat hierzulande kaum für Aufregung gesorgt. Taiwan ist eben weit weg, und die dort regelmäßig stattfindenden freien Wahlen inklusive einer lebendigen, streitbaren Zivilgesellschaft scheinen in den Augen des westlichen Betrachters ebenfalls nichts wirklich Bemerkenswertes darzustellen.

Vielleicht aber könnte uns die Literatur einiges lehren, was Zeitungsartikel, Fernsehberichte und Internet offenbar nicht vermögen. Li Angs Roman „Sichtbare Geister“ ist eben solch ein Buch, das politischen und ästhetischen Erkenntnisgewinn gleichermaßen garantiert, ein Eintauchen in taiwanische Seelenlandschaften und Mythen jenseits von jeglichem Ethnokitsch.

Erzählt wird die Geschichte von fünf Frauen, die auf unterschiedliche Weise und in verschiedenen Jahrhunderten zu Tode gekommen sind, allesamt sind sie Opfer einer machistischen Tradition, die Abweichungen nicht erdulden kann. Gerade aber darum geht es: um Abweichung von fremdgesetzter Norm, um Subversion und Erinnerungsvermögen, um Spiritualität schließlich, die sich nicht in einem schweigsamen Hinnehmen des gleichsam unverrückbar Gegebenen erschöpft. Die Frauen kehren nämlich als Geister zurück, schweben zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland, geben einer unwilligen Gegenwart Kunde von ihrer Existenz und schlagen damit obrigkeitshöriger Vergesslichkeit ein Schnippchen. Also Isabel Allende auf ostasiatisch? Nicht unbedingt, denn Li Ang – die Autorin wurde 1952 geboren und gilt als bekannteste und zugleich provozierendste Schriftstellerin Taiwans – verweigert sich aller Süßlichkeit eines exporttauglichen Schreibstils. Geduld und Einfühlung ist also durchaus vonnöten, um als Leser den roten Faden zwischen den Schicksalen der fünf Protagonistinnen nicht zu verlieren.

Wer sich darauf einlässt, wird gleichwohl belohnt: nämlich mit unzähligen Details über Taiwans Geschichte, über das Schicksal der Insel unter der japanischen Herrschaft und während der Jahrzehnte der rechtsnationalistischen Tschiang-Kaischek-Diktatur bis hinein in unsere Tage, in denen nun der übermächtige Nachbar China seine Schatten wirft. Am eindrucksvollsten ist jedoch, wie Li Ang in dieses Panorama die Geschichten von Individuen stellt, deren Streben und Leiden sie ernst nimmt und damit Frauen eine Stimme wiedergibt, die ansonsten längst vergessen wären.

Noch nahezu jeder Roman von Li Ang hat bislang in Taiwan für Aufregung, mitunter auch für Protest gesorgt. Es spricht ganz und gar für die Insel, dass sie derlei aushält – ohne Zensur, Einschüchterung oder Gefängnisse für „politische Obstruktion“. Taiwan ist ein Teil der demokratischen Welt – nicht zuletzt dank mutiger Intellektueller wie Li Ang. Marko Martin

Li Ang: „Sichtbare Geister“, aus dem Chinesischen von Martina Hasse, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2008, 320 Seiten, 19,90 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 70. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 70

No. 70Oktober / November 2008

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