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Das Hohelied vom weißen Wal
Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth ließ sich von Herman Melvilles „Moby-Dick“ zu zu einer genial überladenen Oper inspirieren

„I want to depart into the unknown“ singt die Figur der Ishmaela im ersten Akt der Oper „The Outcast“. Die Bühne des Wiener Konzerthauses teilt sie sich dabei mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester, einem geistergrau geschminkten Kinderchor, einem Männerchor und weiteren Solisten. Da ist die Crew der „Pequod“, Herman „Old Melville“ selbst und das Alter Ego des Schriftstellers, Bartleby. Leinwände zeigen Videos des bewegten Meeres und Zahlen der Börse, entworfen sind die Einspielungen von der britischen Videoregisseurin Netia Jones. „I want to sail forbidden seas“, singt Ishmaela weiter.

Eine politische Allegorie des Meeres beginnt. Das Libretto orientiert sich in groben Zügen an der Geschichte von Moby-Dick. Im Zentrum steht das Walfangschiff, auf dem die Crew, angeführt vom herrschsüchtigen Ahab, ausläuft, um das weiße „Ungeheuer“ zu töten. Die Fahrt wird zur Metapher für das Dasein, die Jagd auf den Wal zur politischen Erzählung. Melvilles bereits im 19. Jahrhundert formulierte Kritik an der menschlichen Gier und am zügellosen Kapitalismus sowie der Beherrschung des Meeres durch den von Machtsucht getriebenen Menschen ist aktueller denn je. Stoisch und mit traurigem Auge erträgt der Wal die Attacken, bevor er das Boot in die Tiefe reißt. Nur Ishmaela überlebt.

Der opulente, „Musicstallation“ getaufte Abend erzählt jedoch auch von der unendlichen Weite des Meeres und seiner schöpferischen Kraft. „My exorbitant imagination drove me from the land to the sea“, formuliert es Old Melville in einem seiner dichten Monologe. Auch auf Komponistin Olga Neuwirth trifft dieser Satz zu. Seit Langem beschäftigt sie sich mit dem Ozean als Raum und mit Melvilles Werk.

„Man taucht immer tiefer, es wird dunkler und dunkler, und plötzlich kommen so helle Lichter, wie bei den Tiefseefischen. Irgendwann ist es ein ganzes Universum.“ Ihre Beschäftigung mit seinen Texten ist ein klingendes philosophisches Nachsinnen. Das Meer wird dabei zum Sinnbild eines von Raum und Zeit entorteten kreativen Schaffens, das unterschiedlichste Elemente zum fluiden Strom verbindet. Der Abend ist so genial überladen, dass man ihn am liebsten aufdröseln möchte, um Strang für Strang einzeln zu verstehen. Und doch macht es den Reiz der Konzertinstallation aus, dass sie nie ganz zu greifen ist.

Wie aber hat sich die Komponistin dem Ozean als Klangraum genähert? Wie hört sie das Meer? „Wenn Windstille herrscht, hört man ein hohes, weißes Rauschen. Wenn man an Land ist, ist es eher eine Wand, die auf einen zukommt. Wenn man taucht, ist diese gefilterte Frequenz so faszinierend, ein gedehnter Gummiklang, bei dem man die Orientierung verliert. Den finde ich am spannendsten. In einem Sturm wie bei Melvilles Taifunen wiederum ist es die Gewalt des Windes, dieses Heulen der Seelöwen, das einem nur in Fragmenten entgegenkommt, und das die Crew dann ja auch für die Seelen der Ertrunkenen hält. Es entstehen so interessante künstlerische, auch mystische Phänomene – vom Rauschen zum Gesang. Der maritime Raum ist akustisch gesehen unendlich.“

Diese Erfahrungen, die Neuwirth bei ihren Recherchen am und auf dem Meer gemacht hat, nimmt sie mit in ihre collagehafte Komposition. Wellen, die sich im Orchester auftürmen, verzerrt-verstimmte E-Gitarren, Orgel und sirenenhafte Solostimmen verbinden sich zu einem komplexen und doch sinnlichen Klangraum. 

„The Outcast“ ist ein künstlerisch anspruchsvolles Plädoyer für die vielschichtigen Möglichkeiten der Wahrnehmung. „Wir befinden uns ja im Grunde genommen in einer Krise des Nichthörens“, so Neuwirth. Hoffnung schöpft die 50-Jährige bei den Outcasts unserer Gesellschaft, den Außenseitern. „Ich glaube, dass es die Verwirrten und die Verlorenen sind, die uns hinweisen auf das wahre Menschsein.“

Melville war ein solch Verlorener. Zu Lebzeiten ist er unbekannt geblieben – begraben liegt er auf dem Friedhof der „schwarzen Schafe“ in der New Yorker Bronx, gleich neben Miles Davis. Olga Neuwirth hat sie beide dort besucht. Elisa Erkelenz

Olga Neuwirth: „The Outcast“, mit ORF-Radio-Symphonieorchester Wien, Company of Music, Münchner Knabenchor, Emily Hindrichs, Omar Ebrahim u.a., Elbphilharmonie Hamburg, 4. März 2019, 20 Uhr, www.elbphilharmonie.de


Literaturweltstadt an der Côte d’Azur
68 deutsche Autoren flohen in den 1930ern nach Sanary-sur-Mer. Magali Nieradka-Steiner erzählt davon kundig und leicht zugleich

Magali Nieradka-Steiner pflegt mindestens zwei Leidenschaften. Die eine ist die Literatur, weshalb sie Literaturwissenschaftlerin wurde. Die andere ist die Küste Südfrankreichs. Ohne zweitere wäre ihr Buch möglicherweise nicht auf den Schreibtischen der Rezensenten gelandet, sondern in den Archiven universitärer Bibliotheken verstaubt. Dieses Schicksal aber bleibt dem Buch erspart, weil es keine trockene Doktorarbeit beinhaltet, sondern Seiten füllt, aus denen dem Leser der feuchte Atem des Meeres und die sommerlichen Düfte des Midi entgegenströmen.

Sanary-sur-Mer, 60 Kilometer östlich von Marseille an der Côte d’Azur gelegen, ist eine Idylle mit Kirche, Altstadt und kleinem Hafen, die den Zweiten Weltkrieg nur überstand, weil ein deutscher Offizier sich dem Befehl widersetzte, das Dorf in die Luft zu sprengen. So erfreut sich der hübsche Ferienort heute einiger Berühmtheit, nicht zuletzt der Schriftsteller wegen, die während der 1930er-Jahre hier wohnten. Mehr als 40 Romane und Erzählungen sollen in der „Hauptstadt der deutschen Literatur“, wie Ludwig Marcuse sie nannte, entstanden sein.
68 deutsche Autoren zählt eine Gedenktafel im Fremdenverkehrsamt, die vor dem Faschismus ins „Exil unter Palmen“ geflüchtet waren, dessen „Sonne sich bei den meisten Exilanten positiv auf ihre Kreativität auswirkte“. Bertolt Brecht, René Schickele, Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger kamen, sogar Thomas Mann stellte seinen Schreibtisch am Meer auf. Es schien ihm hier zu gefallen; ein Foto zeigt den stets steifen Intellektuellen auf der Kirmes in Sanary. In einem Brief hielt er fest: „Ich habe Frau und Kinder bei mir, und das Klima ist höchst liebenswürdig.“

„Exil unter Palmen“ ist ein Buch über das Leben in einem Künstlerviertel am Meer. Es berichtet aus der herrschaftlichen Villa La Tranquille der Familie Mann, die später von der Wehrmacht gesprengt wurde, um Luftabwehrraketen zu stationieren. Sie erzählt von Lion Feuchtwanger, der jedem seiner Gäste seine gigantische Bibliothek zeigte. Auch Feuchtwangers Frau bleibt nicht unerwähnt, die sich der morgendlichen Gartenarbeit nackt zu widmen pflegte, bis sich die Nachbarn beschwerten. Weniger exaltiert und eher britisch waren die Huxleys, die zu den ersten Einwanderern gehörten, aber sehr zurückgezogen lebten und am gesellschaftlichen Leben kaum teilnahmen. Dafür verfasste Aldous Huxley das einzige in Sanary entstandene Buch, das zum Welterfolg wurde, „Brave New World“, eine düstere Zukunftsvision, die weniger von der Sonne des Südens als vom deutschen Faschismus inspiriert wurde. Dennoch scheint auch Huxley das Leben am Meer genossen zu haben. Eine Fotografie zeigt ihn an der Seite zweier schöner Frauen wunderbar entspannt am Strand.

Während das Buch scheinbar beiläufig Anekdoten, Amouren und Affären ausplaudert, lotet es andererseits aus, wie sich die Flüchtlinge in ihrem sonnigen Exil unter Palmen fernab des Geschichtsschauplatzes fühlten – wo doch einige ihrer Kollegen im Nazideutschland um ihr Leben fürchten mussten. Am Ende verschonten die Nazis auch die Autoren im Literatur-exil nicht. Hans W. Korfmann

Magali Nieradka-Steiner: „Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer“, wbg Theiss, Darmstadt, 2018, 272 Seiten, 24,95 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 132. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 132

No. 132Februar / März 2019

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