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Im Bullauge des Betrachters
Zwischen Schneeraupe und Iglu: Wenn Künstler auf antarktischen Forschungsstationen weilen, entsteht erfrischend ironiefreie Kunst

Kunst entsteht im Bullauge des Betrachters – zumindest bei Simon Faithfull und seiner Videoarbeit „44“. Er bietet uns den Blick durch ein stilisiertes Bullauge im Gestus des Guckkastens des 19. Jahrhunderts, und langsam ziehen Eisberge durch die Antarktische See, mal nebelverhangen wie auf einem alten Gemälde oder scharf umrissen, in faszinierender, fotografischer Klarheit. Später geht die Reise auch über Land, und Wissenschaftler zeigen sich kurz im Schein der Bogenlampen vor ihren Forschungsstationen. Faithfulls 44-minütiges Video ist eine von insgesamt 19 Arbeiten zur Ausstellung „Gefrorene Zeit – Kunst aus der Antarktis“, die nach Stationen in Ushuaia im äußersten Süden Argentiniens und Rio de Janeiro nun in der Stadtgalerie Kiel zu sehen ist.

Es ist eine Schau, die auch zurückführt zum Nullpunkt der Kunst: Angesichts der schwer fassbaren Kälte, der menschenleeren Landschaft und dem endlosen Blick in alle Himmelsrichtungen ist den Künstlern, die auf diversen Forschungsstationen zu Gast waren, jeglicher Übermut vergangenen.

Recht ehrfürchtig haben sie zur Kamera gegriffen und offenbaren erfrischend ironiefrei ihre Eindrücke: Thomas Mulcaire aus Südafrika war mit dem Schiff, der Schneeraupe, dem Hubschrauber und zu Fuß unterwegs und bietet mit Blick auf den Boden, auf Eisschollen und Schneeverwehungen eine meditative Reise, angelehnt an den Film „Solaris“ von Andrei Tarkowski: die Antarktis so fremd wie ein ferner Planet; das argentinisch-britische Künstlerpaar Jorge und Lucy Orta dagegen besiedelt sie mit bunten, lustigen Iglus aus Handschuhen, Zeltplane und den Flaggen der Länder dieser Welt; der Kieler Komponist Frank Halbig lässt das Helios String Quartet vor einer Projektionswand mit typischen Antarktisimpressionen aufspielen.

Von Simon Faithfull gibt es noch eine zweite Arbeit, die sich auf andere Weise mit Geschichte und Gegenwart der Antarktis beschäftigt. Dazu ist er zurückgekehrt auf die Insel Südgeorgien, zu einer aufgegebenen Walfangstation. Doch diese Welt aus verrotteten und verrosteten Unterkünften, Silos und Schienensträngen ist bevölkert – von Robben und Seelöwen. Und es folgen Bilder, die man – versprochen – nicht vergessen wird: Die Tiere lärmen in den ehemaligen Hallen inmitten des Gerümpels herum; sie suchen still Schutz in den einstigen Waschräumen und Büros, während es durch die zerbrochenen Fensterscheiben und durch die eingesunkenen Dächer hineinschneit. Kommt man ihnen zu nahe, fauchen sie die Kamera und damit auch uns böse an.

Und selbst der Schnee und das Eis, das sonst so verlässlich alles überzieht und nicht zuletzt als Projektionsfläche für unsere Vorstellungen einer reinen, unberührten Natur dient, es hat sich zurückgezogen, und es zeigt sich überall die braune, schmutzige Erde und der karge Fels, aus dem die Antarktis eben auch besteht. Frank Keil

„Gefrorene Zeit – Kunst aus der Antarktis“, Ausstellung, Stadtgalerie Kiel, bis 30. August 2009


Luftlöcher im Sand
Eine tolle Idee: am Strand liegen und nebenbei häppchenweise all die Dinge lernen, die man schon immer über das Meer wissen wollte

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören und sich sagen, dass sie das immer tun, empfand Gottfried Benn als schlimm. Er mochte Leute nicht, die Reiseerfahrungen ins gemeine Bild zwangen. Für ihn war jeder Wellenschlag immer wieder einmalig und mit den schon gehörten nur insofern vergleichbar, als der Naturwissenschaftler in ihm die Möglichkeit der gemeinsamen Ursache verschiedener Wellen ins Auge zu fassen vermochte. Für Benn, der den naturwissenschaftlichen Jargon als Erster konsequent auf seine Gedichttauglichkeit hin überprüfte, hatten die modernen Naturwissenschaften ihren nach allgemeingültiger Wahrheit strebenden Nimbus der Objektivität verloren. Zu viele Ausnahmen konnten sich neben den scheinbar universellen Gesetzen der Natur unerklärt behaupten, ohne dass sie sonderlich Schaden nahmen. Das hielt Benn aber nicht vom Studium wissenschaftlicher Texte ab. Im Gegenteil, ein Satz wie folgender hätte ihn auch auf einer Kreuzfahrt zum Klang der Wellen in Wortwallung versetzt: „In der Theorie gelten Monsterwellen heute als nichtlineare Gebilde, deren Entstehung nur mit der Hilfe komplexer Modelle zu erklären ist.“

Der Satz findet sich in Bruno P. Kremers gerade erschienenem „Strandkorb Sammelsurium“, einer Auswahl zum „Natur-Wissen für die schönsten Tage des Jahres“, wie es im Untertitel heißt. Die schönsten Tage des Jahres sind für ihn solche am Meer, und damit fügt er sich in die Feriengewohnheiten der Mehrheit der Leute hierzulande, wie Statistiken der Touristikbranche bestätigen. Er lehrt am Institut für Biologie und ihre Didaktik im Zentrum für Mathematische und Naturwissenschaftliche Bildung der Universität Köln und ist ausgewiesener Spezialist für die Ökophysiologie mariner Organismen.

Es gehört zu den Stärken seines Buches, dass er die in Lehre und Forschung verwendeten Mittel auch im für den populären Gebrauch gedachten „Sammelsurium“ einsetzt. So zeigt er zu Beginn des Kapitels „Sandstrand – ein Ortstermin“ eine Grafik zu den „Halbwertzeiten typischer Formelemente eines Sandstrands“. Luftlöcher im Sand, erfahren wir, halten sich Sekunden und manchmal ein paar Minuten lang, während Dünen Jahre oder Jahrzehnte überdauern können. Wellenzungenmarken, Strandwälle und Kliffs liegen gestaffelt zwischen Luftlöchern und Dünen. Wobei Letztere über die Jahre grau werden. Dann nämlich, wenn es Dünengräsern gelungen ist, den Sand gegen Verwehung zu schützen, und sich Pflanzen wie Sandsegge und Kriechweide ansiedeln. Kremer schafft es, das Kommen und Gehen von Sand, Pflanzen und Tieren in eine ewige Bewegung zu versetzen, die der von Ebbe und Flut nicht nachsteht. Überhaupt ist die Bewegung ständige Begleiterin des Strandkorbs. Warum knistert es beim Spaziergang im Watt? Urheber sind winzige Schlickkrebse, die ihre Scheren aus ihren Wohnhöhlen stecken und Nahrungspartikel zusammenkratzen. Das Knistern erinnert an aufspringende Kapselfrüchte im Wald. Der Sound um Strand, Watt und Wellen wird genauso erklärt, wie Kremer ihn nicht durch Sprache übertönt. Benns sinnliche Einmaligkeit des Wellenschlags nimmt das schöne „Sammelsurium“ ihren Gegenständen nicht. Cord Riechelmann

Bruno P. Kremer: „Kremers Strandkorb Sammelsurium“, Naturwissen für die schönsten Tage, Hirzel, Stuttgart, 2009, 288 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29 Euro

 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 75. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 75

No. 75August / September 2009

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