mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

19La Serenissima, die Schönste von allen
Wer geriete da nicht ins Schwärmen? Fünf Jahrhunderte künstlerische Ehrerbietung an Venedig sind in Hamburg als Ausstellung vereint

„Dies ist das Paradies der Städte“, schwärmte John Ruskin 1841. Objekt seiner grenzenlosen Bewunderung war eine Stadt, die zahlreiche Menschen vor ihm in ihren Bann gezogen hatte: Venedig. Der Kunsthistoriker, Schriftsteller und Maler Ruskin stellte allerdings so manchen Kollegen in den Schatten. Mit seinem dreibändigen Werk „Die Steine Venedigs“ legte Ruskin nach monatelanger Arbeit von 1851 bis 1853 eine gewaltige Bestandsaufnahme kunst- und architekturgeschichtlicher Kleinode Venedigs vor. „Stein für Stein“ hatte er in seinen Zeichnungen festgehalten, um die Pracht zumindest auf Papier zu bewahren: Ruskin befürchtete den baldigen Verfall der einzigartigen Lagunenstadt.

Zum Glück blieb der Nachwelt dieses Unglück erspart. Noch immer bewundern unzählige Touristen jedes Jahr Venedigs Kirchen und Paläste, Plätze und Gassen, Brücken und Kanäle. Zweifellos: Venedig beherbergt nicht nur Kunst, Venedig ist ein Kunstwerk. „La Serenissima“, die „Durchlauchteste“, wie die Venezianer ihre Heimat vor Jahrhunderten tauften, ist Gegenstand unzähliger Werke von Meistern wie Canaletto, Giambattista Tiepolo, William Turner, Gerhard Richter und vielen anderen.

Fast 100 Kunstwerke aus fünf Jahrhunderten zeigt das Bucerius Kunst Forum in der Ausstellung „Venedig. Stadt der Künstler“. Leihgaben aus dem Centre Pompidou in Paris, dem Rijksmuseum Amsterdam, aus Venedig selbst und zahlreichen anderen Orten machen die Schau zum beeindruckenden Erlebnis. „Wir wollen zeigen, dass Venedig Künstler durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder herausgefordert hat“, fasst Kuratorin Kathrin Baumstark das Ziel der Ausstellung zusammen. „Nicht zuletzt wurde unser Bild der Stadt ja maßgeblich von diesen Künstlern mitgeprägt.“

In sechs Abschnitten wie „Stadtbild und Fiktion“ oder „Schönheit und Verfall“ lässt sich große Kunst aus Vergangenheit und Gegenwart bewundern. Genauso wie eindrucksvolle Werke der Porträt- und Vedutenmalerei (also der realitätsgetreuen Wiedergabe des Stadtbilds): etwa den streng blickenden Dogen Leonardo Loredan, den Vittore Carpaccio um 1501 malte, oder, 250 Jahre später, den „Markusplatz mit Dogenpalast“ von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto. Und auch Werke aus den Kunststilen der jüngeren Vergangenheit fehlen nicht in der Schau. Claude Monet malte 1908 Venedigs Nachbarinsel „San Giorgio Maggiore“, sein Kollege Wassily Kandinsky vier Jahre zuvor die Rialtobrücke als eine „Erinnerung an Venedig“.

Zu den beeindruckendsten Stücken gehören aber John Ruskins Arbeiten. Seine Daguerreotypien von Venedig, ein frühes Fotografieverfahren, zeigen die Stadt unverstellt, fernab jeglicher künstlerischer Verklärung. Ein ungewohnter Anblick, der allein den Weg in das Bucerius Kunst Forum lohnend macht, weil er den Mythos Venedig hinterfragt und die Stadt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Marc von Lüpke

Bucerius Kunst Forum Hamburg: „Venedig. Stadt der Künstler“, bis 15. Januar 2017,
geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr,
www.buceriuskunstforum.de. Der gleichnamige Katalog erscheint bei Hirmer, München, 192 Seiten, 39,90 Euro

 

Das Blau des Meeres von Jaffa
Der Schriftsteller Marko Martin hat eine Liebeserklärung an Tel Aviv geschrieben,
die so leidenschaftlich ist wie die Stadt selbst

Die Kontrollen beginnen lange vor dem Abflug. Marko Martin, in der DDR unter Zeugen Jehovas aufgewachsen und noch vor dem Mauerfall ausgereist, erträgt das Warten und die Befragungen am Flughafen und an der Grenze mit Humor. Sein Ziel heißt Tel Aviv. Genau hier verspürt Marko Martin – auf seiner ersten Reise 1991 und seitdem immer wieder – ein großes Gefühl der Freiheit. Das Blau des Meeres hinter einer Biegung im Straßengewirr von Jaffa, es sagt ihm: „So eng es hier auch sein mag, es gibt überall Wege hinaus, geh nur die schlierig-feuchten Steinstufen hinunter zum Hafen.“

Gleich beim ersten Besuch geht Martin den anderen Gästen seines Hostels aus dem Weg, austauschbaren Travellern mit erwartbaren Geschichten. Er trifft sich lieber mit schrulligen Hotelangestellten, klugen Schriftstellern, mit Intellektuellen und mit Soldaten, die es in ihrer freien Zeit in den Nachtclubs krachen lassen. In Tel Aviv wird er seine „verdammte östliche oder auch nördliche Schüchternheit“ los.

Die Stadt ist voller Überlebender: Die Alten überlebten die Schoah, die Jungen (Juden wie Araber) die Raketen Saddam Husseins, der Hamas, der Hisbollah. Martin fasziniert, wie ehrlich die Menschen in dieser „unwahrscheinlichen Metropole“ über die Lage im Land sprechen und streiten. Der Humor, mit dem sie das Leben angehen, von dem jeder weiß, wie schnell es enden kann. Sein Stadtrundgang nimmt eine Reflexionsstufe nach der anderen. Außer den Fotos von Rainer Groothuis ist in diesem Buch nichts schwarz-weiß.

Dabei kommt es erst einmal langsam in Gang. Die Sprache ist manieriert, und Martin erzählt – das ist gewöhnungsbedürftig – in der Duform von sich selbst. Doch der Dampfer nimmt Fahrt auf, je mehr Martin über andere schreibt, über seine vielen spannenden und manchmal kuriosen Begegnungen. Er residiert in Absteigen, über die seine Freunde die Stirn runzeln, er zelebriert die Lektüre der englischen „Haaretz“-Ausgabe und genießt das Nachtleben. Lässt sich von einer Strandbekanntschaft mit Öl den Rücken massieren, die sich schließlich als Neffe Manuel Noriegas erweist. Erlebnisse wie der Dreier, den er mit einem Palästinenser und einem Grenzsoldaten hatte, bei dem der Palästinenser dem Soldaten „It’s payback time, habibi“ ins Ohr raunt, sind ihm auch aus politischen Gründen ein Vergnügen. „O, ihr ernsthaft hohen, hochbezahlten internationalen Nahostspezialisten, wie viel fällt durch euer Wahrnehmungsraster …“

Das Gefühl der Freiheit atmet Martin besonders am Strand – immer im Bewusstsein, dass er, Kriegsdienstverweigerer zweier deutscher Staaten, die Unbeschwertheit der Momente am Meer dem permanenten Schutz durch die israelische Marine verdankt. Es ist der gleiche Strand, an dem der Hotelangestellte Simon, ein ungarischer Holocaustüberlebender, 1948 mit einem Seelenverkäufer aus Neapel landete, im Monat der Staatsgründung Israels. Manchmal bremsen die Bekanntschaften Martin freundlich in seiner Schwärmerei, schützen ihn vor Klischees. Und so hat er eine leidenschaftliche und kluge Liebeserklärung an Tel Aviv geschrieben und an seine leidenschaftlichen und klugen Bewohner. Martin Kaluza

Marko Martin: „Tel Aviv“, Corso, Wiesbaden, 2016, 160 Seiten, 28 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 119. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 119

No. 119Dezember 2016 / Januar 2017

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite