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Katastrophale Schönheiten
Alex MacLean fotografiert Venedig und Las Vegas aus der Luft. Ein gewagter Vergleich, der unerwartet vieles erhellt

„Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft“, so lautete der pessimistische Untertitel des letzten Fotobuchs „Over“ von Alex MacLean, das ökologische Katastrophen aus der Vogelperspektive in faszinierend-schrecklichen Bildern vor Augen führte. MacLean, Fotograf und Cessna-Pilot, hatte seine Heimat, die USA, in Bildern gezeigt, die schockierten. Von oben sieht man alles. Die Verschwendung: tropisch anmutende Feriensiedlungen in der Wüste Arizonas müssen künstlich bewässert werden. Den Irrsinn: Hotelanlagen werden an durch Orkane bedrohte Küsten gebaut, Golfplätze werden in Wüsten angelegt. Von oben sieht man, welche Dimension die Zerstörung und der Raubbau erreicht haben.

Solche Luftbilder machte MacLean auch für seinen neuen Band, der „Las Vegas/Venedig“ heißt. Die beiden Städte haben mehr gemeinsam, als man glauben könnte: Sowohl Venedig als auch Las Vegas sind in eigentlich siedlungsfeindliche Gebiete gebaut worden – in die Lagune und in die Wüste. Beide Städte werden vom Klimawandel akut bedroht, beide sind Symbole für unseren verschwenderischen Umgang mit Ressourcen. 155 Farbtafeln zeigt das hervorragend gedruckte Buch, Bilder der gefährdeten Schönheit der beiden Orte, die beide auch Ziele des internationalen Massentourismus sind.

Das Buch versteht sich als „visueller Vergleich“ und offenbart die Ähnlichkeiten der Stadtstrukturen, verführt unser Auge mit hochästhetischen Bildern. Doch der Augenschmaus währt nicht lange, denn beim genauen Betrachten bemerkt man die Kehrseiten des schönen Scheines. Bodenspekulation, verschwenderisches Konsumverhalten und die Auswirkungen des Klimawandels haben beide Städte an den Rand ihres Untergangs gebracht: Venedig droht im Wasser zu versinken, in Las Vegas herrscht latenter Wassermangel.

MacLean gelingt es, die prekäre Lage in reizvollen Bildern darzustellen. Das ist Teil seines Konzepts. Man soll die Fotografien betrachten, sie bewundern – und dann beginnen nachzudenken. Das Rad des Klimawandels dreht sich immer schneller, wie gerade Venedig zeigt: Immer weiter sackt die Stadt ab, während der Wasserspiegel steigt. Vier- bis fünfmal im Jahr ist die Serenissima überflutet. Gegen „acqua alta“ baut man an einem gigantischen beweglichen Staudammsystem: die größte Baustelle des Landes, ein ökologisch überaus umstrittenes Unternehmen.
Auch diese Veränderungen dokumentiert MacLean mit seinen Luftbildern, die daran erinnern, dass die Lagune ein in weiten Teilen von Menschenhand geschaffener Ort ist, dessen Verschmutzung zu einem ökologischen Ungleichgewicht geführt hat. „Da ist diese unglaubliche Weite dieser Landschaft, aber wenn man aus der Luft genauer hinsieht, entdeckt man Dinge, die einfach schockieren. Wenn ich fotografiere, will ich auch immer etwas sagen. Eine Geschichte erzählen, aber vor allem ein Gefühl ausdrücken“, sagt Alex MacLean, der seinen Appell mit einer sehr eindringlichen, abstrahierend-grafischen Bildsprache verbindet. Von oben, aus der Distanz, mit den Augen eines Vogels, sieht man mehr. Der Blick wird schärfer. Marc Peschke

Alex MacLean:„Las Vegas/Venedig. Fragile Mythen“,Schirmer/Mosel, München, 2010, 192 Seiten, 155 Farbtafeln, 49,80 Euro

Grandiose gnadenlose Ödnis
Die Skelettküste Namibias ist alles andere als eintönig. Thorsten Milse hat sich ihrer angenommen – mit atemberaubendem Ergebnis

Die Schönheit des Morbiden, Vergangenen, des Verwesten sogar – in einer Welt immer kleinerer Halbwertzeiten ist sie am Ende triumphierendes Element. Sie hebt ins Licht, was vom Leben übrig bleibt. Oder von einem Fischtrawler, einer Planierraupe oder einem Flugzeugmotor. Unsere Reste schreiben oft unsere anrührendste Geschichte.

So auch in den Bildern des viel gepriesenen Natur- und Tierfotografen Thorsten Milse, eines Deutschen, der sich in Afrika gut auskennt. Von dorther, aus der Namibwüste, einer der ältesten und gnadenlosesten Einöden des Planeten, stammen die Bilder seines Bildbands. Schon der Schutzumschlag ist ein Versprechen: einsamer Elefant vor Riesendüne in nachmittäglichem Goldlicht. Auftakt für eine Sinnlichkeitsfahrt durch einen rund 600 Kilometer langen Küstenstreifen, der deshalb unter dem Namen Skeleton Coast firmiert, weil in vielen Jahrhunderten Wale, Schiffe und Diamantensucher erst Stürmen und Strömungen des Atlantiks hier erlagen und danach der Hitze und Trockenheit an Land. Oder der Unüberwindlichkeit 100 Meter hoher Dünen.

Ihre Reste mahnen stumm, der Wüstensand hat längst seine körnige Zunge um sie gelegt. Ein Setting bizarrer und anrührender Schönheit, das selbst Onassis nicht zerstören wollte, als er 1966 hier zum Diamantenschürfen eingeladen wurde. Seine Begründung: Dieses Gebiet umgebe „großartige Einsamkeit“.

Thorsten Milse hat auch die Lebendigkeit aufgespürt, denn trotz harter Bedingungen überleben an der Skelettküste Spießböcke, Wüstengiraffen und Sandgeckos. Sogar Pelzrobben und Flamingos entern die Küste, denn der Benguelastrom führt – aus der Antarktis kommend – Nahrung mit sich. Und weil also selbst in der Namibwüste, die als Ganzes Naturschutzgebiet ist, immer ein Tröpfchen Labsal zu ergattern ist, halten auch die sagenumwobenen Wüstenelefanten durch, deren Existenz lange nicht geglaubt wurde. Und spazieren jetzt, ganz zum Entzücken des fernen und sehnsuchtsvollen Großstadtmenschen, durch Milses Fotos. Judka Strittmatter

Thorsten Milse: „Afrikas letzte Wildnis – Namibias Skelettküste“, Frederking & Thaler, München, 2010, 176 Seiten, 120 farbige Abbildungen, 39,90 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 84. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 84

No. 84Februar / März 2011

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