Jenseits von Havanna
Anthony Caronia lebte lange auf Kuba, okkulte Praktiken kennt er aus eigener Erfahrung. Sein Insiderblick ist bestechend – in Wort und Bild
Endlich einmal kein Klischee Kuba. Keine aufspritzende Gischt am Malecón. Keine verbeulten Chevrolets vor verfallenen Kolonialgebäuden. Weder fröhliche Samba noch Che-Guevara-Plakate, keine roten Fahnen und auch keine göttergleichen Einheimischen als gehobene Masturbationsvorlage.
Stattdessen entdeckt der 1968 geborene Fotograf Anthony Caronia, Sohn eines sizilianischen Vaters und einer amerikanisch-bulgarischen Mutter, den Zauber der synkretistischen Religionen, fern von Havanna. Dabei zeigt das erste Schwarz-Weiß-Bild dieses Text-Bild-Bandes eine Kirche im dampfenden Morgennebel.
„Die Santería und ihre verschiedenen Abwandlungen haben sich aus der Tradition der Yorubá in Afrika und der Tradition des spanischen Katholizismus entwickelt. Die christlichen Elemente sind also vorhanden, aber nur auf einer äußerlichen Ebene. Der Kern ist unbestritten und hundertprozentig schwarzafrikanisch. Deshalb entdeckte ich zu meiner Überraschung, dass es ebenso viele weiße wie schwarze Santeros und Glaubensanhänger gibt und niemand ein Problem damit hat.“
Anthony Caronia fotografiert, wie er schreibt: ruhig, aufmerksam, das (vermeintlich) Spektakuläre nicht aufdringlich in Szene setzend, sondern ihm genau jenen Alltagshintergrund belassend, aus dem es sich speist.
Für mehrere Jahre auf Kuba selbst Schüler eines „padrino“, eines Paten oder Lehrers also, und aktiv vertraut geworden mit okkulten Praktiken, gelingt ihm in seinen Aufnahmen gleich zweierlei: Weder verfällt er, was angesichts all der Ziegenbockschlachtungen, schweißtreibenden Tänze und ekstatischen Räusche durchaus verständlich gewesen wäre, dem großäugigen Voyeursblick des faszinierten Fremden noch kokettiert er mit seinem Insiderwissen.
Nicht zuletzt die Leser und Betrachter profitieren davon, befinden sie sich doch plötzlich im dämmrigen Inneren einer Lagerhalle, voll von halbnackten Trommlern unterschiedlichen Alters, oder zu Füßen eines verschwenderisch mit Blumen und magischen Puppen ausgestatteten Hausaltars in einer ansonsten dürftigen Küche – und wird somit gleichzeitig eingeladen und doch auf natürliche Distanz gehalten.
Caronia, der irgendwann sogar lernte, mittels Kokosnüssen zu weissagen, wurde von der Community der Santería-Praktizierenden derart akzeptiert, dass sie ihm das Fotografieren weder verboten noch sich vor der Kamera künstlich in Szene setzten. Auch in den beigefügten Erklärungen sucht man dann übrigens erfolglos nach Che, Fidel oder der Kommunistischen Partei, denn im Unterschied zum stets etwas hektisch-suggestiv formulierenden Schriftsteller und Ethnografen Hubert Fichte will Caronia gar kein Alleserklärer sein, lieber bezieht er sich auf Pierre Verger, einen französischen Fotografen, der seine wahre Berufung in Brasilien gefunden hatte. Mit einem Unterschied: Anthony Caronia tritt irgendwann aus der Glaubensgemeinschaft wieder aus, da er auch hier Machtrituale wittert.
Nach unzähligen, freundschaftlich verlaufenden „Abschiedsritualen“ wird Caronia dieser Wunsch erfüllt, sodass am Ende keine enthüllende Bitterkeit, sondern ein respektvolles Staunen steht. Und dieses trotz aller Trommeln so eindringlich stille Buch. Marko Martin
Anthony Caronia: „Afro-Cuba“, Benteli Verlag, Zürich, 2010, 160 Seiten, 96 Duotonabbildungen, 39 Euro/58 Franken
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