Jetzt halten Sie mal die Luft an

Pure Rekordlust treibt Menschen dazu, ohne Atemluft Hunderte Meter tief zu tauchen. Wie überleben sie das nur?

Drei – Zwei – Eins: Los! Ein letztes tiefes Einatmen, dann tauchen zehn mehr oder minder athletische Körper ins Wasser ein. Ihr Ziel: das andere Ende des 25-Meter-Beckens in Duisburgs ältestem Hallenbad im Stadtteil Rheinhausen. Auf dem Trainingsprogramm des Tauchsportvereins UWS Delfin Homberg steht an diesem Sommerabend das Apnoetauchen (sprich: Apno-e), das Tauchen mit angehaltenem Atem.

So wie die zehn Duisburger Tauchenthusiasten beschäftigen sich in Deutschland grob geschätzt rund 2000 Sporttaucher intensiver mit der Kunst des Luftanhaltens (von griechisch „ápnia“: „Nichtatmung“). Spektakuläre Rekorde sind dabei nicht ihr Ziel. „Uns geht es vor allem darum, durch körperliches und mentales Training länger unter Wasser bleiben zu können. Das hilft sehr beim Schnorcheln im Meer, aber vor allem stellt sich ein fantastisches Gefühl von Ruhe und Freiheit ein, wenn man ohne technische Hilfsmittel durchs Wasser gleitet“, sagt die Vereinstaucherin Maike Münster. Der Jagd nach Höchstleistungen könne sie dagegen nicht mehr viel abgewinnen.

Dabei gehörte die sportliche Enddreißigerin noch vor Kurzem selbst zu der kleinen Schar der Wettkampfapnoeisten. Auf nationalen und internationalen Meisterschaften messen sich diese Extremtaucher in drei Grunddisziplinen: Zeittauchen, Streckentauchen und Tieftauchen. Kaum ein Jahr vergeht ohne immer neue, beeindruckendere Weltrekorde. In der für Außenstehende etwas befremdlichen Disziplin des statischen Zeittauchens (Static Apnea), bei der die Wettkämpfer wie leblos mit dem Gesicht nach unten auf der Wasseroberfläche liegen, hielt der Hamburger Tom Sietas Mitte Mai für neun Minuten und 15 Sekunden die Luft an. Die Leistung des britischen Hungerkünstlers David Blaine, der im Frühjahr in der US-„Oprah Winfrey Show“ in einem überdimensionierten Goldfischglas für mehr als 17 Minuten die Luft anhielt, wäre nach den Statuten des Apnoeweltverbands Aida dagegen ein klarer Fall von Doping – Blaine hatte zuvor ausgiebig reinen Sauerstoff geatmet.

In der anfänglichen „Easy going“-Phase, bevor der Atemreiz schwer erträglich wird, empfinden Apnoeisten wie Maike Münster das bewegungslose Toter-Mann-Spielen als „Entspannung pur“. Das Streckentauchen dagegen verlangt von Anfang an vollen Körpereinsatz, der an den Sauerstoffvorräten zehrt. Mithilfe von Flossen, die für das Apnoetauchen besonders lang und hart sind, schaffte der Neuseeländer Dave Mullins einen Weltrekord von 244 Metern – fast zehn Bahnen im Rheinhausener Hallenbad. Und auch ohne die Vortriebshilfen sind 186 Meter mit einem Atemzug menschenmöglich.

Als Königsdisziplin der Apnoeisten jedoch gilt das Tieftauchen. Vor sieben Jahren holte sich Maike Münster in der Unterdisziplin „Tieftauchen mit konstantem Gewicht“ (Constant Weight), in der der Taucher aus eigener Kraft ab- und wieder auftaucht, mit 42 Metern noch den deutschen Meistertitel. Der aktuelle Weltrekord der Herren liegt inzwischen bei 112 Metern.

Am bekanntesten und gleichzeitig außerordentlich umstritten ist das Tieftauchen in seiner extremsten Form „No Limit“. „Im Rausch der Tiefe“, Luc Bessons Kitschkultfilm aus dem Jahr 1988, in dem zwei Männer um immer größere Tiefen und das Herz einer schönen Frau konkurrieren, hat den Sport populär gemacht. Bei „No Limit“ lässt sich der Taucher von einem zentnerschweren Schlitten an einem Führungsseil in die Tiefe und anschließend von einem mit Pressluft gefüllten Ballon wieder nach oben ziehen.

Mit einer Low-Tech-Version – Steingewichte und ein Seil, an dem ihn Helfer wieder nach oben hievten – stellte der griechische Schwammtaucher Georgios Haggi Statti bereits 1913 den ersten halbwegs gut belegten Tieftauchrekord auf. Ohne Anzug, Flossen und Brille tauchte er auf 77 Meter Tiefe hinab, um an einem verloren gegangenen Anker Bergungsseile zu befestigen.

Es dauerte eine Weile, bis diese Marke von den Sportapnoeisten späterer Jahrzehnte überboten wurde, doch ab den sechziger Jahren ließ eine kleine Schar von „No Limit“-Extremisten die Rekorde purzeln. Der legendäre Zweikampf zwischen dem Franzosen Jacques Mayol und dem Italiener Enzo Maiorca begann mit vergleichsweise bescheidenen Tiefen um 50 Meter. Anfang der achtziger Jahre allerdings hatten die beiden Konkurrenten, die Besson zu seinem Film inspirierten, bereits die magische Marke von 100 Metern erreicht. Die überbieten Spitzenapnoeisten heute auch ohne Schlitten, nur mithilfe ihrer besonders langen Apnoeflossen. Der aktuelle Weltrekord im „No Limit“, den der Österreicher Herbert Nitsch im Juni 2007 vor der griechischen Küste aufstellte, liegt inzwischen bei – früher für unmöglich gehaltenen – 214 Metern. Angesichts der großen Schritte, mit denen sich die „No Limit“-Spezialisten in den letzten 15 Jahren überboten, dürfte noch lange kein Ende der Rekorde in Sicht sein.

Nur: Wie ist das Landtier Mensch überhaupt zu solchen Tauchleistungen fähig? Was passiert dabei in seinem Körper? Und wo liegen seine Grenzen? Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftler schon seit Aristoteles. Der alte Grieche war allerdings skeptisch. Tiefen von mehr als zehn Metern hielt er generell für unmöglich. Erst im 20. Jahrhundert wusste die moderne Medizin genug über die Grundlagen der Physik und der Physiologie, um das Thema eingehender zu betrachten. In den dreißiger und vierziger Jahren etwa untersuchte man eine physiologische Anpassung, die mehr oder minder ausgeprägt bei allen Säugern zu finden ist, den sogenannten Tauchreflex. Er führt dazu, dass sich die Pulsfrequenz eines Menschen, der den Atem anhält und gleichzeitig seinen Kopf unter Wasser taucht, um bis zu 25 Prozent verlangsamt. Das allein spart schon viel Sauerstoff, denn der Herzmuskel gehört zu einem der größten Energieverbraucher des Körpers. Gleichzeitig ziehen sich auch die peripheren Blutgefäße stark zusammen. Die Durchblutung von Haut, Extremitäten und Verdauungssystem reduziert sich dadurch auf ein Minimum, lediglich Herz und Gehirn werden weiterhin normal mit dem Atemgas versorgt. Diese Sparmaßnahmen schieben den Zeitpunkt hinaus, an dem Gehirn und Herz nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden.


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mare No. 69

No. 69August / September 2008

Von Georg Rüschemeyer und Gregory Gilbert-Lodge

Georg Rüschemeyer, 37, Diplombiologe, übt sich seit seiner Kindheit im Luftanhalten unter Wasser. Sein damaliger Rekord vor der Küste Kroatiens: eine Minute lang und zehn Meter tief.

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Vita Georg Rüschemeyer, 37, Diplombiologe, übt sich seit seiner Kindheit im Luftanhalten unter Wasser. Sein damaliger Rekord vor der Küste Kroatiens: eine Minute lang und zehn Meter tief.
Person Von Georg Rüschemeyer und Gregory Gilbert-Lodge
Vita Georg Rüschemeyer, 37, Diplombiologe, übt sich seit seiner Kindheit im Luftanhalten unter Wasser. Sein damaliger Rekord vor der Küste Kroatiens: eine Minute lang und zehn Meter tief.
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