Freiheit für Plön und Plato

Heinrich Carl von Schimmelmann galt lange als ehrbarer Kaufmann. Heute steht er in Verruf wegen seines Handels mit Sklaven

Die Nächte enden mit dem Ruf des Muschelhorns. Dumpf und lang gezogen brüllt ein „Tuuut, tuuut, tuuuuut“ über La Grande Princesse, der größten Plantage Heinrich Carl von Schimmelmanns. Erste Lichtschimmer erhellen den Himmel über der Zuckerinsel St. Croix. Bald darauf laufen Hunderte Menschen mit Hacken über den Schultern zu den Feldern an der türkisblauen Lagune. Sie hören auf Namen wie Copenhagen, Plön und Wandsbek, Sokrates, Plato oder Hamlet. Hungrig sind sie und erschöpft. Sie haben rissige Hände, vernarbte Rücken, schmerzende Glieder oder blutendes Zahnfleisch. Manch einer hat nur noch eine Hand, weil ihm die andere an der Mühle zerquetscht worden ist. Einige stolpern in Ketten vorwärts, weil sie eine Rebellion gewagt haben.

Tag für Tag roden die Menschen Buschland, rammen Löcher in den Boden, pflanzen Setzlinge, reißen wilde Triebe aus der Erde. Sobald das Zuckerrohr heranwächst, geht es weiter zum nächsten Feld. Morgens haben sie eine halbe Stunde, mittags anderthalb Stunden Pause. Immer läuft der bomba, der Treiber, hinter ihnen her, brüllt und schwingt die Peitsche. Auch er stammt wie sie von der afrikanischen Goldküste. Er wurde vom Vorsteher der Plantage ausgewählt, weil er jung, kräftig und erbarmungslos ist. All­abend­lich muss er darüber berichten, wie viel geschafft worden ist und auch, wer ihm davongelaufen ist.

Wenn es endlich dunkel wird, raffen die entkräfteten Menschen abgeschlagene Zuckerrohrblätter zu Bündeln zusammen und schaffen sie zum Vieh. Im letzten Licht laufen sie zu den Zisternen, aus denen sie Wasser schöpfen. Hinter ihrer Baracke pflanzen sie Mais an. Dann suchen sie nach Brennholz, um Brot zu backen. Wenn sie Glück haben, erhalten sie sonntags vom Verwalter ein paar Pfund Pferdebohnen und sechs bis acht Heringe. „So werden die Neger zur Arbeit, Treue und Liebe ermuntert“, heißt es.

Mehr als 1000 Sklaven schuften 1780 auf Schimmelmanns vier Plantagen. Er ist damit der weitaus größte Sklavenhalter Dänisch-Westindiens. Diese Plantagen, deren Wert er mit 1,3 Millionen Reichstalern beziffert, sind das Geschäft seines Lebens. Ihre Erträge kennt er jedoch nur aus den Berichten seiner Verwalter. Allein mit diesen Gewinnen lassen sich seine prächtigen Herrenhäuser, darunter Schloss Ahrens­burg in Schleswig-Holstein, finanzieren. Als Sohn eines einfachen Kaufmanns ist er zu einem der reichsten Europäer aufgestiegen.

Schimmelmann kommt am 13. Juli 1724 in Demmin im preußischen Vorpommern zur Welt. Noch herrschen überall Kaiser und Könige. In seiner Jugend verdient Heinrich Carl sein erstes Geld als Spediteur auf der Elbe. Er absolviert eine Kaufmannsausbildung, will aber nicht das väterliche Geschäft übernehmen. In Dresden lernt er Caroline Tugendreich von Friedeborn kennen, die er mit 23 Jahren heiratet. Sie führt ihn in die Adelsgesellschaft ein. Während des Siebenjährigen Krieges ist er preußischer Heereslieferant und gelangt an große Bestände konfiszierten Meißner Porzellans.

Noch während des Krieges ziehen die Eheleute mit ihrem Sohn Ernst Heinrich nach Hamburg, das von den Wirren verschont geblieben ist. Schimmelmann verkauft das Porzellan, handelt mit Münzen und wird innerhalb kurzer Zeit so reich, dass er ein Palais nahe der Michaeliskirche erwerben kann. Er ersteht auch die Herrenhäuser Ahrensburg und Wandsbek, die zu lukrativen landwirtschaftlichen Betrieben ausgebaut werden. Sein Geschäftssinn spricht sich bis nach Kopenhagen herum. 1761 holt ihn der verschuldete däni- sche König Friedrich V. als Finanz­berater an seinen Hof und ernennt ihn später zum Schatzmeister.

Schimmelmann lässt sich in dieser Zeit bereits wie ein Mann aus altem, gesetztem Adel malen: Ein Porträt zeigt ihn mit einer breiten Schärpe über dem Wams, das über dem Bauch spannt. Seine Stirn ist hoch, die weißen Haare rollen sich auf beiden Seiten des Kopfes zu einer Locke, der Blick ist gütig und sein Lächeln milde. Man würde diesem Mann nicht allzu viel Kraft, Ehrgeiz und Durchsetzungsstärke zutrauen. Doch Schimmelmann konsolidiert den Staatshaushalt, lässt mit dem Bau eines Kanals zwischen Nord- und Ostsee beginnen und rettet das Land mit eigenen Krediten vor einer Wirtschaftskrise, die ganz Europa lähmt.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 120. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 120

No. 120Februar / März 2017

Von Dirk Liesemer

Eher zufällig entdeckte Autor Dirk Liesemer, geboren 1977, diese Geschichte. Er recherchierte gerade über den transatlantischen Sklavenhandel der Nürnberger Patrizierfamilie Welser, als er auf Berichte über Heinrich Carl von Schimmelmann stieß. Wie sehr deutschstämmige Unternehmer – und nicht nur Schimmelmann – vom Sklavenhandel profitierten, wusste er bis dahin nicht.

Mehr Informationen
Vita Eher zufällig entdeckte Autor Dirk Liesemer, geboren 1977, diese Geschichte. Er recherchierte gerade über den transatlantischen Sklavenhandel der Nürnberger Patrizierfamilie Welser, als er auf Berichte über Heinrich Carl von Schimmelmann stieß. Wie sehr deutschstämmige Unternehmer – und nicht nur Schimmelmann – vom Sklavenhandel profitierten, wusste er bis dahin nicht.
Person Von Dirk Liesemer
Vita Eher zufällig entdeckte Autor Dirk Liesemer, geboren 1977, diese Geschichte. Er recherchierte gerade über den transatlantischen Sklavenhandel der Nürnberger Patrizierfamilie Welser, als er auf Berichte über Heinrich Carl von Schimmelmann stieß. Wie sehr deutschstämmige Unternehmer – und nicht nur Schimmelmann – vom Sklavenhandel profitierten, wusste er bis dahin nicht.
Person Von Dirk Liesemer