Das Grosse Spiel

Das Zentrum Asiens war lange Zeit Zankapfel zweier imperialistischer Mächte: England und Russland. Die Auswirkungen spielen bis heute eine Hauptrolle in der weltpolitischen Agenda

Über Jahrhunderte hinweg führte die Dominanz über die Weltmeere zur Dominanz im Welthandel. Wer die Welt beherrschen will, lautete die Erkenntnis, muss über die Meere herrschen. Die tonangebenden Handelsmächte Portugal, Spanien und Niederlande waren allesamt Seemächte und Atlantikanrainer, und seit Gründung der privaten Aktiengesellschaft East India Company an Silvester 1600 durch Königin Elisabeth I. war es vor allem England, das über lange Zeit hinweg die Meermacht par excellence darstellte.

Betrachtet man die Welt heute, ist das Meer als Transportweg keineswegs unwichtiger geworden – nach wie vor ist der Landweg kaum konkurrenzfähig, da er häufig zwar doppelt so schnell, aber auch doppelt so teuer wie der Seeweg ist. Doch hat es in den vergangenen 400 Jahren eine sukzessive Verlagerung der Interessensphären vom Meer zum Land gegeben. Das könnte mit jenen Ereignissen zu tun haben, deren komplexes Zusammenspiel schlicht The Great Game genannt wird: das Große Spiel zwischen Russland und Großbritannien um Einfluss, Macht und Herrschaft in Zentralasien.

Wann das Spiel beginnt, wissen auch Historiker nicht genau zu sagen. Sein Ende hingegen ist eindeutig dokumentiert: mit der „Asienkonvention“ von Sankt Petersburg 1907. Einen Krieg zwischen beiden Mächten gab es nie, die Armeen beider Imperien standen sich nie direkt gegenüber, und es floss auch kein Soldatenblut. Aber mit der feierlichen Vertragsunterzeichnung in der russischen Hauptstadt ist die Weltordnung eine andere.

Aus russischer Sicht beginnt alles mit einem Traum. Peter I., später der Große, will einen eisfreien Hafen – am Indischen ­Ozean, über den sich ganzjährig Geschäfte und Handel ab­wickeln lassen. Dazu müssen die Russen aufbrechen und vorpreschen, durch die Steppen Zentralasiens, Stoßrichtung Afghanistan und Belutschistan. Zwar folgt dem Wunsch des Zaren zu Beginn des 18. Jahrhunderts keine unmittelbare militärische Aktion, aber die strategische Idee der Expansion Russ­lands wird sich am Hof von Sankt Petersburg nachhaltig festsetzen.

Zur selben Zeit prägt die englische Ostindienkompanie bereits seit Längerem die Geschicke des Welthandels und sorgt für die Dominanz Britanniens auf dem Indischen Ozean. Das Königshaus in London hat der Kompanie das Privileg der Zivilgerichtsbarkeit und Militärgewalt verliehen, die Kaufleute unterhalten eine Privatarmee und besitzen Münzrecht, sie lassen sich an Küsten nieder, gründen Handelsposten und richten militärisch abgesicherte Seestützpunkte ein. Mit Indien, dem „Juwel in der Krone“, hat sich England die wertvollste Kolonie der Welt geschaffen und steht von da an vor der Aufgabe, sie zu kontrollieren, zu sichern und zu verwalten.

Nach der Niederlage Napoleons und der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 wachsen die Begehrlichkeiten fast aller europäischen Mächte nach außereuropäischen Kolonien. Der Wettbewerb um die Bodenschätze fremder Länder auf fremden Kontinenten verschärft sich, Landvermessung, Grenzziehung und Geografie werden zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Mit dem Aufstieg Europas und seines Überlegenheitsgefühls wegen der technologischen Brillanz in Dampfschifffahrt und Eisenbahntechnologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt in Südasien die Erforschung schiffbarer Flussläufe durch englische Forschungsreisende.

Nun gilt Londons Interesse nicht mehr allein der punktuellen Sicherung der Küsten, sondern auch der Eroberung und Verwaltung des Hinterlands. Das Ziel ist klar: Man will den unteren Lauf der Ströme zu einem preiswerten Transportweg vom Landes­inneren an die Küsten Britisch-Indiens nutzen und ausbauen. Im Fall des Ganges war das, vor allem für den Transport von Opium, bereits geschehen, nun sollten mit der Erkundung der Quellen des Indus und Oxus neue Territorien angeeignet und gesichert werden. So können die Briten nicht nur die Produktionsgebiete kostbarer Güter wie Baumwolle und Gewürze kontrollieren, sondern die begehrten Waren über Flüsse an die Küsten und von dort auf dem Seeweg nach England und Europa verschiffen. Haschisch zum Beispiel wird aus der Region Xinjiang bezogen, aus Afghanistan kommen Opium, Edelsteine und Pferde.

Während die maritime Dominanz im Osten für Großbritannien weitgehend gesichert scheint, droht aus Sicht seiner Strategen Gefahr und Konkurrenz vor allem aus jenen Wüsten- und Gebirgsregionen, die im Norden Britisch-Indiens liegen. Sie fürchten, dass durch den Bau russischer Eisenbahnen in Zentralasien unter anderem billige Baumwollwaren über die Pässe der Gebirge nach Indien gelangen und so den Subkontinent fluten könnten. Die Konsequenz ist klar: Das Hinterland muss abgesichert werden – vor allem gegen den einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten, der der Krone noch geblieben ist und der immer weiter in Richtung Indien zieht: Russland.

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mare No. 146

Juni / Juli

Von Christian Schüle

Christian Schüle, Jahrgang 1970, studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und ist literarischer Autor und Essayist. Bei der Recherche zum Great Game faszinierte ihn vor allem das indirekte Duell herausragender Persönlichkeiten beider Seiten: Generäle, Minister, Gesandte, Spione, Forscher und eben auch die Großschriftsteller Fjodor Dostojewski und Rudyard Kipling. Der Nobelpreisträger Kip­ling, der in Britisch-Indien geboren wurde, hatte den Begriff „Great Game“ in ­seinem 1901 erschienenen Roman „Kim“ aufgegriffen, in dem er jene Ereignisse des Schachspiels um Einfluss und Macht in Zentralasien anklingen ließ, die man auf russischer Seite „Schattenturnier“ nannte.

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Vita Christian Schüle, Jahrgang 1970, studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und ist literarischer Autor und Essayist. Bei der Recherche zum Great Game faszinierte ihn vor allem das indirekte Duell herausragender Persönlichkeiten beider Seiten: Generäle, Minister, Gesandte, Spione, Forscher und eben auch die Großschriftsteller Fjodor Dostojewski und Rudyard Kipling. Der Nobelpreisträger Kip­ling, der in Britisch-Indien geboren wurde, hatte den Begriff „Great Game“ in ­seinem 1901 erschienenen Roman „Kim“ aufgegriffen, in dem er jene Ereignisse des Schachspiels um Einfluss und Macht in Zentralasien anklingen ließ, die man auf russischer Seite „Schattenturnier“ nannte.
Person Von Christian Schüle
Vita Christian Schüle, Jahrgang 1970, studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und ist literarischer Autor und Essayist. Bei der Recherche zum Great Game faszinierte ihn vor allem das indirekte Duell herausragender Persönlichkeiten beider Seiten: Generäle, Minister, Gesandte, Spione, Forscher und eben auch die Großschriftsteller Fjodor Dostojewski und Rudyard Kipling. Der Nobelpreisträger Kip­ling, der in Britisch-Indien geboren wurde, hatte den Begriff „Great Game“ in ­seinem 1901 erschienenen Roman „Kim“ aufgegriffen, in dem er jene Ereignisse des Schachspiels um Einfluss und Macht in Zentralasien anklingen ließ, die man auf russischer Seite „Schattenturnier“ nannte.
Person Von Christian Schüle