Aufs Meer starren ist eine durchaus ernst zu nehmende Angelegenheit, eine Art Seelenzustand, der jeden ereilen kann, in Zeiten emotionaler Wirren ein Akt mit Zwangscharakter. René Magritte (1898–1967), der große belgische Maler des Surrealismus, hat oft Menschen vor dem Ozean gemalt – die meisten blicken in Richtung des Betrachters, das Meer im Rücken. Im Fall des Bildes „La maison de verre“ (Das Haus aus Glas) allerdings weiß man nicht: Hat der Mann auch ein Gesicht, das zum Horizont blickt? Oder hat er gar zwei Gesichter, ist er ein Janus, ein Gott des Anfangs und des Endes? Oder hat er sich des aufs Meer starrenden Gesichts entledigt, klafft vorne eine schreckliche Lücke? Die großen Fragen sind dieselben: Sind wir die Person, die wir zu sein glauben? Und ist die Richtung, in die wir gehen, die richtige? Jörg Schieke (geboren 1965) wuchs in Stralsund auf, er ist ein Kind der Ostsee. In seinem Gedicht „und dann schaut sie aufs meer.“ weiß man nicht: Ist die Protagonistin alt, ist sie dement? In neun Zeilen tut sich eine ganze Welt auf, es steht vor uns eine Frau mit einer Vergangenheit und einer Gegenwart, die nur sie versteht. Das Gefühl von Sibylle Bergs (geboren 1962) Kurzgeschichte kennen wir allerdings (fast) alle. Er handelt von einem ganz jungen Mädchen, das mit seiner ersten Niederlage des Herzens umgehen muss. Das Starren aufs Meer scheint mit Liebeskummer genuin verwoben zu sein – und ist zugleich tiefste Lebenshilfe. zdb
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