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„Wir haben eine Münze geworfen“
Kein Heldentableau, kein Ziel – aus einem Experiment von Anne von Canal und Heikko Deutschmann wurde der Briefroman „I get a bird“
mare: Wie kam es, dass Sie beide gemeinsam ein Schreibprojekt starteten?
Anne von Canal: Ich hatte schon lange die Idee, einmal einen Briefroman zu schreiben, aber keinen geploteten, sondern einen, der sich entwickelt – und dazu braucht man zwei, die sich schreiben. Dann saßen wir beim Frühstück, und Heikko hat sehr todesmutig gesagt: Er macht mit. Wobei unser Sicherheitsnetz war, dass eigentlich nie ein Buch geplant war.
Heikko Deutschmann: Ausgangspunkt war, dass einer von uns beiden etwas findet – und schickt es dem anderen zurück. Ganz physisch, damit man dem Paket einen Brief beilegen kann. Aber mehr wussten wir nicht. Wir haben eine Münze geworfen – und ich musste anfangen.
A.v.C. Hätte ich angefangen, wäre es ein komplett anderes Buch geworden. Es wäre nichts von dem passiert, was passiert ist. Das ist es, was uns beide so fasziniert hat: dass sich alles ergeben hat, nichts vorherbestimmt war.
H.D. Ich wusste nicht einmal, ob Annes Figur, der ich zurückschicke, was sie verloren hat, ein Mann ist oder eine Frau. Anne wusste von meiner Figur auch nichts.
A.v.C. Umso überraschender war es, dass wir uns beide für Figuren entschieden haben, die ein ähnliches Alter hatten und beide den Verlust einer Tochter zu verarbeiten hatten – das war absoluter Zufall, soweit man das sagen kann.
Die ratlose Zukunftsforscherin Jana schreibt dem Busfahrer Johan, der seinen Beruf aufgeben musste, und umgekehrt. Was ist der Kern der Geschichte?
A.v.C. Es ist die Geschichte einer Begegnung, die erwartungslos ist und deswegen wahnsinnig ehrlich. Natürlich erzählen sich die beiden in den Briefen Geschichten von sich selbst, von denen sie meinen, sie können sie dem anderen anvertrauen. Aber sie zeigen sich in ihrer menschlichsten, verletzlichsten Art. Zwei Menschen entscheiden sich, sichtbar zu werden – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.
Die Stadt Freiburg spielt eine Rolle, die Insel Gotland – und dann: Neumünster, wo Johan lebt …
H.D. Ich habe lange in Hamburg gelebt, und Neumünster war – das müssen wir jetzt nicht zu laut sagen – immer eine Art Endstation, das hat mich interessiert: Ich wollte, dass Johan in einer kleinen Welt lebt, die er nicht mehr bewältigen kann.
A.v.C. Was Heikko zu dem Zeitpunkt nicht wusste: dass ich die Gegend um Neumünster herum sehr gut kenne. Ich habe viel Zeit in meiner Kindheit dort verbracht, wir hatten ein Ferienhaus am Nord-Ostsee-Kanal, und Neumünster war immer der Umsteigebahnhof. Für mich und meine Heldin Jana war das ein Heimspiel.
Die beiden schreiben sich lange, ausführliche Briefe. Ist das ein Statement zu unserer so rasanten Social-Media-Kultur?
A.v.C. Ich bin tatsächlich ein großer Fan von Briefen und habe einen halben Regalmeter mit Briefwechseln historischer Figuren. Ich finde es spannend, was und wie sich Menschen in Briefen mitgeteilt haben. Ich bin durchaus in der Lage, E-Mails zu schreiben, die Briefe sind. Aber der Brief an sich erlaubt eine andere Form der Reflexion und Tiefe.
H.D. Man kann es als Statement lesen, nur haben wir es uns vorher nicht als Statement ausgedacht. Ich kann nur für meine Figur sagen: Jemand, der so neurotisch ist wie Johan, würde verstummen, wenn er nur E-Mail und SMS hätte. Johan muss schreibend reden, weil er niemanden mehr hat, weil er eigentlich mit sich selbst redet. Dafür ist ein Brief wunderbar, auch dem Tagebuch sehr verwandt.
Was haben Sie über das Erzählen und das Schreiben erfahren, was Sie vielleicht ahnten, aber nicht wussten?
H.D. Was mir Anne immer wieder predigt, was ich gewusst habe, dem ich aber nicht vertraut habe: dass man mit dem Erzählen viel ruhiger umgehen kann – und dass dann die Geschichten kommen. Ich bin auch Drehbuchautor, und Drehbuchschreiben ist manchmal wie Malen nach Zahlen – das ist das Schreckliche daran. Aber die Ruhe zu haben zu sagen: „Ich erforsche etwas, und es wird sich unweigerlich ein Inhalt und auch eine Geschichte ergeben, die andere interessiert“, das habe ich von Anne gelernt.
A.v.C. Mein Steckenpferd im eigenen Schreiben ist eigentlich immer die Reduktion, das Kondensieren. Ich habe gelernt, einfach einmal loszulassen und zu gucken, was passiert, wenn ich keine bewusste Kontrolle über meine Figuren ausübe.
Das Interview führte Frank Keil.