BLICK INS SEELENLEBEN DES KLEINBÜRGERS
Rudolf Mast hat Daniel Defoes Robinson Crusoe anlässlich des 300. Jahrestags seiner Veröffentlichung ungekürzt neu übersetzt


 



mare: „Ich wurde im Jahr 1632 in der Stadt York als Spross einer angesehenen Familie geboren, die allerdings nicht aus diesem Land kam, denn mein Vater war ein Ausländer aus Bremen, der sich zunächst in Hull niedergelassen hatte.“ Ihre Übersetzung des „Robinson Crusoe“ beginnt in einem Sprachgestus, der eher an das 18. als an das 21. Jahrhundert er­innert. Dabei liest sich das englische Original bis auf manche Schreibweisen beinahe modern. Was war der Grund für diese Übersetzerentscheidung?

Rudolf Mast: Nun ja, zumindest die Grammatik der Übersetzung lehnt sich ja unmittelbar an das Original an, und nicht jedes Vokabular passt zu jeder Grammatik. Insofern folgt der Sprachgestus durchaus der Vorlage. Aber natürlich speist er sich letztlich aus dem Wortschatz, der mir zur Verfügung steht. Insofern würde ich ihn, wenn überhaupt, am ehesten im 20. Jahrhundert verorten.

Daniel Defoe begründete den modernen Journalismus, schrieb in drei Zeitschriften fast allein über Politik, Ökonomie, Religion und Kultur und schuf mit „Robinson Crusoe“ den ersten englischen Roman. Obwohl der dramaturgisch sorgfältig komponiert ist, gibt Defoe ihn als Tat­sachen­bericht und sich selbst als Herausgeber aus. Gab es schon damals für „authentische Texte“ größeres Interesse als für literarische Fiktion?

Offensichtlich. Und offensichtlich gab es damals auch schon Verwirrung darüber, was der Ausdruck eigentlich besagt. Denn dass es mit den „Tatsachen“ nicht weit her ist, zeigt sich ja schon nach wenigen Seiten. Ich glaube, dass Defoe bewusst mit den Lesern und deren Erwartungen spielt. Dass auf diese Weise der erste englische Roman entstehen würde, dürfte ihm kaum je in den Sinn gekommen sein. Ihm ging es, glaube ich, vor allem darum, auf die Schnelle etwas zu produzieren, was „am Markt“ Bestand haben konnte. Immerhin verdiente er mit dem Schreiben sein Geld. Und was die dramaturgische Sorgfalt angeht: Der „Robinson“ ist gespickt mit Widersprüchen und „Fehlern“. Aber das hat Defoe billigend in Kauf genommen, wenn es nicht gar Teil seiner Strategie war.

Daniel Defoe begründete den modernen Journalismus, schrieb in drei Zeitschriften fast allein über Politik, Ökonomie, Religion und Kultur und schuf mit „Robinson Crusoe“ den ersten englischen Roman. Obwohl der dramaturgisch sorgfältig komponiert ist, gibt Defoe ihn als Tat­sachen­bericht und sich selbst als Herausgeber aus. Gab es schon damals für „authentische Texte“ größeres Interesse als für literarische Fiktion?

Offensichtlich. Und offensichtlich gab es damals auch schon Verwirrung darüber, was der Ausdruck eigentlich besagt. Denn dass es mit den „Tatsachen“ nicht weit her ist, zeigt sich ja schon nach wenigen Seiten. Ich glaube, dass Defoe bewusst mit den Lesern und deren Erwartungen spielt. Dass auf diese Weise der erste englische Roman entstehen würde, dürfte ihm kaum je in den Sinn gekommen sein. Ihm ging es, glaube ich, vor allem darum, auf die Schnelle etwas zu produzieren, was „am Markt“ Bestand haben konnte. Immerhin verdiente er mit dem Schreiben sein Geld. Und was die dramaturgische Sorgfalt angeht: Der „Robinson“ ist gespickt mit Widersprüchen und „Fehlern“. Aber das hat Defoe billigend in Kauf genommen, wenn es nicht gar Teil seiner Strategie war.

In Ihrer „Editorischen Notiz“ sprechen Sie von dem feinen Humor, mit dem Defoe seinen Romantext unterlegt hat. Schwingt da bei dem politisch und ökonomisch gebeutelten Satiriker auch Ironie über den Stolz Robinsons auf sein selbst geschaffenes kleines Inselempire mit?

Dieser Punkt scheint mir ein ganz entscheidender, bis heute unterbelichteter zu sein, denn der „Robinson“ ist neben allem anderen ja auch ein tiefer Blick in das Seelenleben des entstehenden Kleinbürgertums, von dem Defoe umgeben war. Und was da zum Vorschein kommt, ist weder sonderlich angenehm noch sonderlich abenteuerlich. So erklären sich auch die vielen Listen und Aufstellungen, die Robinson anlegt. Diesem Buchhalterdenken steht die schier unbändige Lust gegenüber, mit der Defoe Dinge eskalieren lässt: Kein Schrecken, der nicht noch überboten würde. Das gilt allerdings nur für die Ränder des Buches. Das Zentrum, die Zeit auf der Insel, ist weitgehend frei davon. Dort, wo vermeintlich das Abenteuer spielt, herrscht die Ordnung der Heimat.

Die Reihe der illustren Robinson-Verehrer reicht von Karl Marx bis Virginia Woolf, und den meisten scheint die koloniale Selbstherrlichkeit des Protagonisten keine Probleme bereitet zu haben. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Lektüre und den Eindruck von der Begegnung zwischen ­Robinson und Freitag?

Oh ja, daran erinnere mich sehr genau, vor allem an das Erstaunen darüber, dass Robinson planmäßig vorgeht, Freitag ihm also nicht zuläuft, sondern er ihn sich gewissermaßen „beschafft“. Das war mir vollständig neu. Man kann das auf zweierlei Weise verstehen: als brutale Zuspitzung der „kolonialen Selbstherrlichkeit“, wie Sie es nennen, oder als deren ironische Brechung. Die Entscheidung muss jeder mit sich selbst ausmachen, aber ich neige zu letzterer Lesart.

Das Gespräch führte Holger Teschke.

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