Zu schweigen beginnen

Warum die See für uns göttlich ist.

No. 126Feb. / März 2018

Kultur

Autor Martin Lätzel

Dr. Martin Lätzel, geboren 1970, ist Publizist, Kulturwissenschaftler und arbeitet in der Kulturverwaltung Schleswig-Holsteins. Ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, wohnt er aus Leidenschaft seit mehr als 20 Jahren an der Ostsee. „Dort abends am Strand, das Wasser ist spiegelglatt und reflektiert das Licht des Mondes, bis zu den Sternen nur Dunkelheit, da blitzt eine Ahnung davon auf, dass es eine Ewigkeit geben könnte.“

Das Bild ist so eindrücklich, weil es eine Ahnung davon vermittelt, was die Weite und die Tiefe des Meeres bedeuten können. Das betrifft nicht nur die Kunst; fast alle Religionen haben ihre Mythen über die Ozeane dieser Welt. Die Rolle, die das Meer in den Mythologien spielt, ist stark beeinflusst von der Geografie, in deren Kontext die jeweiligen Erzählungen entstanden. Doch lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Alle sehen das Meer als Sinnbild für die Unendlichkeit, als Quelle des Lebens und des Reichtums, seine Schönheit und in seiner Dienstbarkeit für die Menschheit und nicht zuletzt in der Bedrohung.

Das Meer ist entweder Ursprung der Welt oder Kraft, die aus der Schöpfung entsteht. Im bekannten biblischen Bericht heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ Das Wasser war der ursprüngliche Zustand, die Quelle allen Lebens, aus der im göttlichen Schöpfungsakt Himmel und Erde getrennt wurden. Das Urmeer stand für Leere und Wüste, nun aber erblüht es durch göttlichen Geist.

Das hinduistische Vishnu Purana erkennt die versunkene Welt im Wasser, die zur Auferstehung erweckt wird: „Als das Universum ein ausgedehntes Meer war und der Höchste Herr darauf ruhte, erkannte der Schöpfergott, dass die Erde versunken war, und beschloss, sie wieder hervorzubringen. Und wie er schon viele Male die Formen eines Fisches, einer Schildkröte und so weiter angenommen hatte, so nahm er jetzt die Form eines Ebers an. Und um die ganze Erde hervorzuheben, tauchte der Herr aller Wesen hinab, erfüllt von den ewigen Veden und ­Opfern, das Licht und die Seele von allem, der Höchste Geist, die Zuflucht aller Wesen und Stütze der Erde.“

Die Ägypter glaubten, die Welt sei aus einem Urwasser entstanden, während sich in babylonischen Mythen Süß- und Salzwasser im schöpferischen Akt trennen. Beileibe nicht nur die orien­ta­lischen Religionen, deren geografischer Kontext unterein­ander offenkundig ist, und der Hinduismus, dem einige Gelehrte ebenfalls einen starken Bezug zum Judentum nachsagen, beziehen sich auf die Kraft des Wassers. So kennt beispielsweise das finnische Nationalepos Kalevala, eine im 19. Jahrhundert rekonstruierte Mythologie, ein ursprüngliches endloses Meer.

Das Meer kann Quelle sein oder Hort der Gewalt. In der hebräischen Bibel findet sich sowohl die schöpferische als auch zerstörerische Kraft des Meeres. Am bekanntesten und angesichts heutiger ökologischer Katastrophen vielleicht am aktuellsten ist die Erzählung der Sintflut. In ihr wird berichtet, wie nach langem Regen das Meer durch den Zorn Gottes auf die Menschen steigt und steigt. Als einzige Überlebende bleiben Noah und seine ­Familie samt Tieren zurück. Sie wurden rechtzeitig gewarnt, um sich mit der selbst gebauten Arche in Sicherheit zu bringen.

Die Sintflut, wie sie in der Bibel zu finden ist, findet ihre Entsprechung im babylonischen Gilgamesch-Epos. Dort heißt es: „Einen Tag lang wehte der Südsturm […], eilte dareinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen, / Wie ein Kampf zu überkommen die Menschen. Nicht sieht einer den andern, / Nicht erkennbar sind die Menschen im Regen.“

Die Wassermassen überwältigen das Leben, wie es Stürme und Überschwemmungen seit je tun. Der biblische Prophet Jona wird dem Sturm geopfert, da das Schiff, mit dem er unterwegs ist, zu kentern droht. Die Mannschaft wirft das Los. Man wirft den Zaudernden über Bord, um den Sturm, die hohen Wellen und die mit ihnen verbündeten Gottheiten zu ­beschwichtigen. Und siehe da, das Opfer wirkt. Aber Jona findet keineswegs ein Grab am Grund des Meeres; es zeigt sich nun von seiner freundlichen Seite. Die Bibel erzählt von einem Fisch, der Jona in sich birgt, um ihn an Land zu bringen. Dieser Fisch steht für die bewahrende Funktion des Meeres, die rettet und Leben spendet. Jona, der als Opfer herhalten muss, als müsse das Wasser erst seinen Hunger stillen, ehe es vom in Not geratenen Schiff ablässt, steigt wiederge­boren und gestärkt aus den Fluten. Wie in kaum einer anderen biblischen Geschichte kommt hier die Ambivalenz des Meeres derart deutlich zum Ausdruck.

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 126.

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Dr. Martin Lätzel, geboren 1970, ist Publizist, Kulturwissenschaftler und arbeitet in der Kulturverwaltung Schleswig-Holsteins. Ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, wohnt er aus Leidenschaft seit mehr als 20 Jahren an der Ostsee. „Dort abends am Strand, das Wasser ist spiegelglatt und reflektiert das Licht des Mondes, bis zu den Sternen nur Dunkelheit, da blitzt eine Ahnung davon auf, dass es eine Ewigkeit geben könnte.“

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