Verborgene Fracht in der Ostsee

Die erhabene Schönheit der Ostsee überdeckt eine unsichtbare Anklage. Oft nur wenige Meter unter ihrer Oberfläche liegen gefährliche Hinterlassenschaften: explosive Kampfmittel, radioaktive Abfälle, giftige Rückstände aus Landwirtschaft und Fischerei.

No. 123Aug. / Sept. 2017

Wissenschaft

Autor Marcus Wildelau

Fotograf Marcus Wildelau

Marcus Wildelau,1972 in Lübeck geboren, Fotograf und Filmemacher. In seinen Arbeiten geht es oft um Heimat, Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Ästhetik des Verborgenen. Er nutzt gern analoge Fotografie im Groß- und Mittelformat.

Marcus Wildelau

Kleiner Belt, Deutschland
In den letzten Kriegstagen versenkte die Wehrmacht im südlichen Kleinen Belt, sieben Seemeilen vor dieser Küste, in 30 Meter Tiefe 69 000 Tabungranaten und 5000 Tonnen chemische Kampfstoffmunition. Unter Fischern entwickelte sich in den 1950ern das Fischen danach zum Nebenerwerb. 1960 ließen die Behörden die Granaten heben, um sie, in 3000 Fässern einbetoniert und unter Täuschung der Öffentlichkeit, dauerhaft im Golf von Biskaya zu versenken. Die 5000 Tonnen chemische Kampfstoffe blieben ungeborgen.

Kadetrinne, Deutschland
Drei schwere Wasserbomben lagen etwa 70 Jahre lang unbemerkt in diesem Bereich der Kadetrinne, der meistbefahrenen Wasserstraße der Ostsee zwischen dem Darß und der dänischen Insel Falster. In einer Tiefe von 21 Metern, an Deck eines Vorpostenboots aus dem Zweiten Weltkrieg, befanden sie sich gerade vier Meter unter dem an dieser Stelle zugelassenen Tiefgang für Schiffe. Sie wurden 2013 geborgen und zum Teil vor Ort gesprengt, weil die Gefahr bestand, dass die Bomben von selbst explodierten. Spontane Detonationen von Weltkriegsmunition werden in der Ostsee regelmäßig registriert. Etwa 9000 Öltanker fahren alljährlich durch diese enge und schwierige Passage. Die Wasserbomben lagen in dem Gebiet der Kadetrinne, in dem in der Vergangenheit die meisten Schiffe verunglückt oder auf Grund gelaufen sind.

Sillamäe, Finnischer Meerbusen, Estland
In unmittelbarer Nähe zum Ostseeufer, in der von Zwangsarbeitern errichteten geschlossenen Stadt Sillamäe, begannen die Sowjets in den 1950er-Jahren, radioaktiv verseuchte Abwässer ohne weitere Schutzmaßnahmen in einer Lagune zu deponieren. Nur ein schmaler Damm trennte die Grube vom Meer. Der nukleare Abfall entstand, weil in der jungen UdSSR vermehrt waffenfähiges Uran angereichert werden sollte. Erst 2009 wurde der „See des Todes“ von der estnischen Regierung mit einem grünen Hügel versiegelt. Bis dahin verseuchte er am nordöstlichen Rand der Europäischen Union Menschen und Natur.

Ängskär und Bondskäret, Schweden
Die Naturreservate Ängskär und Bondskäret sind bei Einheimischen und Touristen aufgrund ihrer ursprünglichen Küstenregionen und des Artenreichtums von Meeresvögeln und Pflanzen beliebt. 15 Kilometer südlich befindet sich das Kernkraftwerk Forsmark sowie das zukünftige Atommüllendlager Schwedens. Ab 2030 sollen dort etwa 500 Meter tief im Gestein unterhalb der Ostsee radioaktiv strahlende Abfälle der Atomindustrie für die nächsten 100 000 Jahre gelagert werden. Die Ostsee ist dagegen erst etwa 12 000 Jahre alt.

Nordküste Gotlands, Schweden
Wegen der wachsenden Nachfrage nach Fleisch nimmt der Eintrag von Stickstoffen und Phosphaten in Form von Düngemitteln und Gülle aus der Landwirtschaft in die Ostsee zu. In Verbindung mit einem Temperatur­anstieg des Meeres lässt das vermehrt Algen wachsen, die dem Ökosystem bei Verrottung am Grund Sauerstoff entziehen. In tieferen Wasserschichten entstehen dadurch sogenannte Todeszonen, riesige Areale der Ödnis ohne Sauerstoff. Die Todeszonen in der Ostsee sind in den vergangenen Jahren auf 60 000 Quadratkilometer angewachsen, was nahezu der Fläche Bayerns entspricht. Vor allem in den Laichgebieten des Dorsches nördlich von Gotland gibt es ausgedehnte Todeszonen, was seinen Bestand massiv schwinden lässt.

Lübecker Bucht, Deutschland
Aus Fundmeldungen lässt sich ableiten, dass hier nach dem Zweiten Weltkrieg ein breites Spektrum an Kampfmitteln sowohl aus deutscher als auch aus alliierter Produktion vor der Küste versenkt wurde. Kampfmittelräumer sprechen von einem „Granatenberg“. Die Ostsee ist an dieser Stelle 15 Meter tief. Durchschnittlich ist die Ostsee 52 Meter tief.

Ostküste Gotlands, Schweden
2009 strahlte der schwedische Privat-TV-Sender SVT eine investigative Reportage aus, die zeigte, dass die Russen zwischen 1990 und 1992, zur Zeit des Zusammenbruchs der UdSSR, angeblich große Mengen radioaktiven Abfalls und Giftgas aus Lettland und Estland in der Ostsee östlich der schwedischen Ferieninsel Gotland verklappt haben. Die russische Marine dementierte dies. Einige Regierungsmitglieder Schwedens sollen bereits in den 1990er-Jahren davon erfahren haben, ohne jedoch eine Untersuchung angeordnet zu haben. Der Bericht basiert unter anderem auf den Ermittlungen des Militärspions Donald Forsberg, der dem Sender sagte, er könne nicht länger schweigen.

Kurisches Haff, Litauen
Über die Memel gelangen Schmutzstoffe und Schwermetalle aus Weißrussland, Litauen und Russland ins Haff. Im Sommer des Jahres 2010 kippte das Gewässer um. Tote Fische trieben in auffallend grünem Wasser, das einen starken Fäulnisgeruch verbreitete. Das Kurische Haff wurde in den vergangenen Jahrzehnten bereits durch andere Katastrophen heimgesucht. Ölbohrungen vor Kaliningrad etwa sorgten Anfang der 1980er-Jahre für eine verschmutzte Küste, und giftige Abwässer aus Zellulosefabriken wurden jahrzehntelang ungeklärt ins Meer geleitet. Schließlich entdeck­ten russische Touristen erst vor wenigen Jahren das Haff als Ausflugsziel. Sie sammelten in Naturschutzgebieten Pilze und Beeren oder fuhren in den Dünen Motorrad. Die Kurische Nehrung wurde im Jahr 2000 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 123.

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Fotograf Marcus Wildelau

Marcus Wildelau,1972 in Lübeck geboren, Fotograf und Filmemacher. In seinen Arbeiten geht es oft um Heimat, Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Ästhetik des Verborgenen. Er nutzt gern analoge Fotografie im Groß- und Mittelformat.

Marcus Wildelau
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Erscheinungsdatum 11.10.2017
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Untertitel Die erhabene Schönheit der Ostsee überdeckt eine unsichtbare Anklage. Oft nur wenige Meter unter ihrer Oberfläche liegen gefährliche Hinterlassenschaften: explosive Kampfmittel, radioaktive Abfälle, giftige Rückstände aus Landwirtschaft und Fischerei.
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Erscheinungsdatum 11.10.2017