Portugal segelt los

Napoleon steht vor Lissabon, aber der Seeweg ist noch offen. Wie wäre das? Ein ganzer Staat löst sich vom Kontinent und wandert aus, damit er nicht untergeht.

No. 126Feb. / März 2018

Politik

Autor Emanuel Eckardt

Der Hamburger Autor Emanuel Eckardt, Jahrgang 1942, ist seit Jahren als Reporter in Portugal unterwegs. Zuletzt schrieb er in mare No. 108 über Portugals Königin Amélia, die mit ihrer gleichnamigen Yacht nach England floh.

Ein groteskes Seestück. Die Geschichte von Portugals erster regierender Königin, ein Drama, überschattet von einer Katastrophe, wie sie die Welt noch nie erlebt hatte, von Krieg, tragischen Todesfällen und der Flucht mit ihrem ganzen Hofstaat übers Meer. Maria I. endet, von Gott und allen guten Geistern verlassen, im Wahnsinn. Aber bis heute wird die unglückliche Königin in Portugal und in Brasilien hoch verehrt.

Maria wird am 17. Dezember 1734 in Lissabon als Tochter von José de Bragança und der Infantin Maria Anna von Spanien geboren. Als ihr Vater die Königswürde erbt, erhält sie als künftige Thronerbin die Titel Prinzessin von Brasilien und Herzogin von Bragança. 1755 wird Lissabon von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Die Erdstöße, eine Feuersbrunst und eine mehr als zehn Meter hohe Flutwelle fordern an die 100 000 Menschen­leben. 85 Prozent aller Gebäude sind zerstört. Maria ist 21 Jahre alt, die Königsfamilie überlebt das Erdbeben von 1755 durch einen glücklichen Zufall: Sie weilt zum Zeitpunkt der Katastrophe in Belém, etwa sieben Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt.

1760 heiratet Maria ihren Onkel Pedro, den jüngeren Bruder ihres Vaters; die Braut ist 25, ihr Gemahl 42 Jahre alt. Zeitzeugen beschreiben die Ehe als glücklich, doch von den sechs Kindern, die sie zur Welt bringt, wird sie fünf überleben. Nach dem Tod ihres Vaters 1777 wird sie als Maria I. zur Königin gekrönt. Zum ersten Mal regiert eine Königin Portugal. Ihr Gatte darf sich nun als Pedro III. König nennen, doch die eigentliche königliche Autorität liegt allein bei Maria. Sie widmet sich mit Umsicht internationaler Politik, führt ihr Land an der Seite von Russland, Preußen, Dänemark und Schweden in die Liga der bewaffneten Neutralität, um ihre Flotte vor Übergriffen der untereinander verfeindeten Kolonialmächte England, Frankreich und Spanien zu schützen.

Doch bald wird die Königin von Schicksalsschlägen getroffen. 1786 stirbt ihr Mann, zwei Jahre darauf José, ihr ältester Sohn, an Pocken, bald darauf Mariana, ihre letzte überlebende Tochter, und schließlich ihr engster Vertrauter und Beichtvater. Die Todesfälle erschüttern sie tief. Sie wirft sich vor, für den Tod ihres Sohnes verantwortlich zu sein, weil sie verhindert hatte, dass er gegen Pocken geimpft wurde.

Maria fällt in tiefe Depressionen, Albträume verfolgen sie, Berichte über die Revolution in Frankreich versetzen sie in Unruhe; sie zieht sich in ihre Gemächer zurück. Um 1790 versinkt sie in einen Zustand permanenter Melancholie. Königliche Festveranstaltungen finden nicht mehr statt, Staatsbesuche werden selten. Ihr zweiter Sohn João übernimmt „die Regelung öffentlicher Angelegenheiten“. Der 25-Jährige ist nun als Prinzregent Herrscher des Landes, ein gutmütiger, lethargisch wirkender Gourmet von beachtlicher Körperfülle, Vater von vier Kindern mit seiner Braut Carlota Joaquina.

1792 wird Maria I. offiziell entmündigt, bleibt aber Königin von Portugal. Ihr Sohn João sieht sich bald einer wachsenden Bedrohung gegenüber: Napoleons Armeen bringen das Europa der Großreiche und Kleinstaaten in ihre Gewalt. Zwar wird die Flotte der Franzosen und verbündeten Spanier von den Briten bei Trafalgar vernichtend geschlagen. Dafür verhängt der Kaiser der Franzosen 1806 im eroberten Berlin die Kontinentalsperre gegen England. Weil sich das neutrale Portugal nicht daran beteiligt, setzt Napo­leon ein Invasionsheer von 20 000 Mann in Marsch. Der britische Gesandte Lord Strangford sucht Dom João in Mafra auf und drängt den Prinzregenten zu schnellem Handeln, denn es steht viel auf dem Spiel. Mit Portugal werde Frankreich auch die portugiesischen Besitzungen in Übersee an sich reißen, vor allem Brasilien, die stetig sprudelnde Quelle portugiesischen Reichtums. Was liegt daher näher, als sich beherzt dem Zugriff Napoleons zu entziehen? Der Seeweg ist noch offen. Wie wäre das: Ein Staat löst sich vom Kontinent und segelt davon, damit er nicht untergeht? Im portugiesischen Vizekönigreich Brasilien könne Portugal eine Exilregierung bilden, und alles würde gut.

João zögert. Er zieht in den Palast von Ajuda, in Sichtweite des Tejo, an dessen Ufer die Flotte für eine Reise gerüs­tet und beladen wird. Am Hafen wimmeln Bürokraten, Seeleute und Hafenarbeiter durcheinander. Tausende Schaulustige versammeln sich. Sie haben viele Fragen. Im stürmischen Regen, zwischen Pfützen und Schlamm lagern Kisten, Gepäckstücke, Wasserfässer, Kirchenschätze in Gold und Silber. Hofbeamte eilen mit wertvollen Ölgemälden durch die Regenschauer, und mitten im Chaos liegen, streng bewacht, die Goldvorräte des Weltreichs.

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 126.

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Der Hamburger Autor Emanuel Eckardt, Jahrgang 1942, ist seit Jahren als Reporter in Portugal unterwegs. Zuletzt schrieb er in mare No. 108 über Portugals Königin Amélia, die mit ihrer gleichnamigen Yacht nach England floh.

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Der Hamburger Autor Emanuel Eckardt, Jahrgang 1942, ist seit Jahren als Reporter in Portugal unterwegs. Zuletzt schrieb er in mare No. 108 über Portugals Königin Amélia, die mit ihrer gleichnamigen Yacht nach England floh.