Freitags sind sie immer da

Es ist ein ganz besonderer Stammtisch, der jeden Freitag ab zwölf im „Anchor Pub“ im israelischen Haifa eröffnet wird. Die Kapitäne kommen, außer Dienst zwar, aber streitbar wie eh und je.

No. 124Okt. / Nov. 2017

Kombüse

Autorin Agnes Fazekas

Agnes Fazekas, Jahrgang 1981, wohnt in Tel Aviv. Sie schreibt für verschiedene Gesellschaftsmagazine und die ZEIT und erzählt Nahostgeschichten am liebsten aus der Nussschale.

Fotografin Corinna Kern

Corinna Kern ist Fotojournalistin und arbeitet überwiegend in Israel.

Das erste, was viele Juden aus Europa von Palästina sahen, war der Hafen von Haifa. Die Briten hatten ihn in den 1930ern zum Industrieport ausgebaut, aber auch die Schiffe der illegalen Einwanderer dockten hier an. Im „Anchor Pub“, auch „Ha’ogen 1942“ genannt, am Hafen in der Sha’ar Palmer Street, wurden schon 1942 die Schnapsgläser auf die Theke geknallt, und wer heute durch die Tür tritt, den packt die Vergangenheit mit geübtem Griff am Arm. Zumindest an Freitagvormittagen, wenn der 88-jährige Josef „Yoske“ Pincus den Laden noch selbst schmeißt. Eine Pfeife unterm weißen Schnurrbart, eine Skippermütze darüber, um den Hals ein Matrosentuch gezwirbelt, schnappt er sich besonders gern deutsche Gäste. Erst krempelt Pincus seinen Ärmel hoch, tippt mit dem Finger auf die tätowierte Nummer, dann zieht er sie zu dem Schriftstück neben der Tür. Darauf steht, dass er die Schoah überlebt hat.

Aber auch an Bord der „Herzl“ war er, die illegal Juden aus Europa nach Israel gebracht hatte, oder auf der „Azmaut“, der „Unabhängigkeit“, auf der er 1948 diente, als Israel eben diese erlangt hatte. Als Decksjunge will er sogar Zeuge gewesen sein, wie Albert Einstein von Ben Gurion gefragt wurde, ob er Präsident des neuen Israels werden wolle.

Nur an das Essen konnte er sich nicht gewöhnen. Also kaperte er eines Tages die Kombüse und gab sie nicht mehr her. 25 Jahre fuhr er als Smutje zur See, und das Kochen mochte er auch nicht lassen, als seine große Liebe Miriam ihn dazu brachte, endgültig in Haifa festzumachen. Als das Paar in den 1960er-Jahren die Hafenbar kaufte, schwemmte Israels Seehandel viele Matrosen und Kaufleute an die Küste. Die Welt kam jetzt zu ihm, und Pincus tischte auf. Einfache Happen, die sich mit Wodka vertrugen, Eiersalat, gehackte Leber oder Ikra, wie sie hier die Paste aus Fischrogen nennen.

Geblieben sind die Schiffe an den Wänden und die Kapitäne, die mit Pincus alt geworden sind. Gegen Mittag tappen die ersten Männer herein, die Schultern straffen sich, die Augen werden klar: Simson, der seit 45 Jahren im „Anchor Pub“ einkehrt; Yochanan, der 1933 aus seinem preußisch geprägten Elternhaus von Köln nach Israel und von dort aufs Schiff geflüchtet ist. Einige am Tisch hat er später an der Marineakademie unterrichtet. „Heute zählt nur der Charakter“, wirft Jankale ein. „Wir haben eben alle starke Egos.“ Und der zarte Simson wiegelt ab: „Der wahre Grund, wieso wir uns hier treffen, ist, dass wir Angst haben, uns nicht mehr zu erinnern.“ „Bullshit!“, brüllt Jankale.

Zwölf Kapitäne, ein Mechaniker und eine Landratte aus der Hafenverwaltung zu eingelegten Zitronen, Auberginenmus und Pfefferschoten, Letztere scharf genug, um die Lautstärke zu dämpfen, diskutieren sie historische Ereignisse wie die Einnahme des ägyptischen Kriegsschiffs 1956, das Haifas Raffinerien beschoss, aber auch Trumps Politik oder die Legende vom mäkeligen Matrosen, der vom Smutje auf den Herd gesetzt wurde.

Und das sei es, sagt Yochanan, wieso sie sich so gut verstünden. „Der ist ein alter Linker, der hier Zionist“, er sticht mit dem Zeigefinger in die Runde. „Aber wir alle sind uns einig, dass es früher nicht besser war“, wie man es sonst von den Alten hört. „Es war nur anders.“ Die Whiskyflasche wird längst nicht mehr abgesetzt zwischen den Runden. Nur Pincus bleibt beim Bier. „Das erste habe ich 1945 nach der Befreiung des Lagers getrunken.“ Statt eines Trinkspruchs sagt er auf Jiddisch: „Aber: Das Leben ist schejn!“

Ikra, serviert auf Challa (Sabbathefezopf) mit roten Zwiebeln

Zutaten (für vier Personen)
1 Challa, 50 g altes Weißbrot, aufgeweicht in kaltem Wasser, 6 EL und 4 TL Rogen von Thunfisch oder Meeräsche, 3 EL Zitronensaft, 1 Tasse Öl, 3 bis 4 TL Sprudelwasser, 1 rote Zwiebel, Salz.

Zubereitung
Weißbrot, Zitronensaft und 6 EL Rogen in den Mixer füllen, Öl langsam dazugeben, mit Sprudel auflockern, dann die übrigen 4 TL Rogen einrühren und salzen, Challa in Scheiben schneiden, die Paste daraufgeben und gehackte Zwiebeln darüberstreuen.

Ha’ogen 1942 (Anchor Pub)
3 Sha’ar Palmer Street
Haifa
Tel. +972 4 8665295. Geöffnet täglich von 12 bis 1.30 Uhr.

Mehr Informationen
Lieferstatus Lieferbar
Person Von Agnes Fazekas und Corinna Kern
Untertitel Es ist ein ganz besonderer Stammtisch, der jeden Freitag ab zwölf im „Anchor Pub“ im israelischen Haifa eröffnet wird. Die Kapitäne kommen, außer Dienst zwar, aber streitbar wie eh und je.
Magazin Info

No. 124Okt. / Nov. 2017

Kombüse

Autorin Agnes Fazekas

Agnes Fazekas, Jahrgang 1981, wohnt in Tel Aviv. Sie schreibt für verschiedene Gesellschaftsmagazine und die ZEIT und erzählt Nahostgeschichten am liebsten aus der Nussschale.

Fotografin Corinna Kern

Corinna Kern ist Fotojournalistin und arbeitet überwiegend in Israel.

Lieferstatus Lieferbar
Person Von Agnes Fazekas und Corinna Kern
Untertitel Es ist ein ganz besonderer Stammtisch, der jeden Freitag ab zwölf im „Anchor Pub“ im israelischen Haifa eröffnet wird. Die Kapitäne kommen, außer Dienst zwar, aber streitbar wie eh und je.
Magazin Info

No. 124Okt. / Nov. 2017

Kombüse

Autorin Agnes Fazekas

Agnes Fazekas, Jahrgang 1981, wohnt in Tel Aviv. Sie schreibt für verschiedene Gesellschaftsmagazine und die ZEIT und erzählt Nahostgeschichten am liebsten aus der Nussschale.

Fotografin Corinna Kern

Corinna Kern ist Fotojournalistin und arbeitet überwiegend in Israel.