Es war einmal in Sibirien

Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Eine Fotografin kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück und trifft dort ein Mädchen, da sie an sich selbst erinnert.

No. 101Dez. 2013 / Jan. 2014

Reportage

Autorin Evgenia Arbugaeva

Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, lebt und arbeitet heute als freie Fotografin in Russland und New York. Sie studierte Kunstmanagement in Moskau und Fotografie in New York. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in National Geographic, Le Monde 2 und Marie Claire veröffentlicht.

Fotografin Evgenia Arbugaeva

Vor langer Zeit erwachte ein kleines Mädchen in Sibirien, an der Küste des Nordpolarmeers, in einem warmen Bett in einer kleinen Stadt aus ihrem Traum. Es war Morgen, aber es war noch dunkel, denn die kleine Stadt lag so weit im Norden, dass die Sonne sich für viele Monate nicht zeigte. Die Leute nannten es Polarnacht.

Das kleine Mädchen rieb sich den Schlaf aus den Augen und kleidete sich im Dunkeln an. Es zog seine pinkfarbene Jacke und rote Wollmütze an und ging nach draußen. Sein Atem gefror, und es machte sich auf den Weg zur Schule. Um es herum breiteten sich endlose Felder gefrorener Tundra aus. Aber die Felder waren nicht weiß, wie man vielleicht denken könnte, denn am Himmel erstrahlte das Nordlicht. Es sah aus wie eine große gefrorene Atemwolke, und das kleine Mädchen war umgeben von bezaubernden Farben. Der Schnee war grün angemalt. Manchmal, wenn es Glück hatte, sah es sogar blaue, gelbe oder pinkfarbene Farbkleckse auf seinem Weg zur Schule.

Es liebte diese Farben sehr. Sie anzuschauen weckte seine Fantasie. Es stellte sich die Felder immer als blanke Leinwände vor, auf denen Mutter Natur malte. Und was war mit ihm selbst? War es auch Teil des Gemäldes, mit seiner pinkfarbenen Jacke und der roten Mütze?

Es lächelte und begann in Gedanken von den Tagen zu träumen, wenn die Polarnacht zu Ende wäre und die erste Sonne auf die verschneiten Berge fiel, sodass sie wie Blaubeereiscreme leuchteten. Und dann würde der Sommer beginnen – der Schnee würde schmelzen, und die Tundra würde sich in den Planeten Mars verwandeln, dessen goldene Farben sich endlos in alle Richtungen ausbreiteten.

Es verwahrte alle diese Farben in seinem Herzen und lief unter dem Nordlicht in dieser kleinen Stadt hoch im Norden.

Tiksi ist eine reale Stadt an der sibirischen Nordpolarmeerküste, und auch das Mädchen ist real. Ich wurde 1985 in Tiksi geboren und lebte dort bis zu meinem achten Lebensjahr. Ich hatte das Glück, meine Kindheit während der goldenen Jahre der Stadt zu verbringen. Noch heute höre ich die Leute von der damaligen Zeit reden, vom romantischen sowjetischen Traum der Er­oberung der Arktis und dem Glauben an eine leuchtende Zukunft.

Nach Tiksi zu gehen war beinahe wie ein Weltraumflug, wie eine Reise zum Mond. Die sowjetische Regierung verteilte im ganzen Land Arbeitsplätze an junge Fachkräfte. In Tiksi zu arbeiten galt als sehr renommiert, und die Leute standen Schlange um die Plätze. Ein Großteil der Bevölkerung von Tiksi waren Wissenschaftler, Angehörige der Marine und der Armee und Kapitäne von Eisbrechern aus verschiedenen Gebieten der Sowjetunion. Einige kamen aus Moskau oder Sankt Petersburg. „Onkel Wanja“ zum Beispiel (der Mann mit der roten Mütze, der auf vielen meiner Fotografien zu sehen ist) kam aus Riga. Er war Mechaniker auf einem Frachtschiff, und er verliebte sich in die Arktis und in Tiksi und beschloss zu bleiben. Noch heute lebt er als alter arktischer Wolf dort.

Meine Kindheit war unbeschwert. Meine Erinnerungen mögen von Naivität gefärbt sein, aber ich hatte das Gefühl, dass die Menschen in Tiksi freundschaftlich miteinander umgingen, eine besondere Gemeinschaft gleichgesinnter und gut ausgebildeter Abenteurer. In den langen Polarnächten besuchte man sich untereinander, und unsere Mütter buken leckeren Kuchen und machten Eiscreme. Zu Silvester studierten wir Theaterstücke für unsere Eltern ein, die dann im lokalen Fernsehen gesendet wurden. Wenn ich heute daran zurückdenke, kommt mir Tiksi wie eine vollkommene kleine Welt vor, isoliert von allem anderen, und gerade das machte seine Schönheit aus.

Meine Eltern waren jung und verliebt und glücklich, dieses seltsame Land gemeinsam zu entdecken. Mein Vater war Biologielehrer, und meine Mutter unterrichtete Literatur und Russisch. Mein Vater (er ist ein großer Träumer) erzählte mir ständig Geschichten vom Rest der Welt (wo er tatsächlich nie gewesen war), von Afrika und Australien, der Landschaft und den Tieren, die dort lebten, den Blumen und interessanten Ökosystemen, und das alles kam mir wie ein Märchen vor.

Ich erinnere mich, dass an der Wand ein Poster mit Schimpansen hing, die Bananen aßen. Ich hatte nie eine frische Banane gegessen, immer nur getrocknete aus dem hiesigen Lebensmittelgeschäft. Eines Tages kam ein Päckchen mit der Aufschrift: „Für Evgenia von den Schimpansen aus Afrika“, und darin waren echte Bananen! Ich war begeistert. Meine Eltern ließen sich ständig unglaubliche Dinge einfallen. Jahre später erzählte mir mein Vater, wie kompliziert die Lieferung der Bananen gewesen war. Er hatte die Piloten gebeten, sie aus Moskau mitzubringen und sie dick einzuwickeln, damit sie nicht einfroren.

Jeden Sonntag versammelten wir uns vor dem Fernseher und sahen „Die Geheimnisse des Meeres“ mit Jacques-Yves Cousteau und träumten davon, eines Tages an Bord der „Calypso“ zu sein.

Diese Geschichten hatten einen großen Einfluss auf mich, und ich erinnere mich noch sehr gut daran.

In diesem Sommer bin ich an Bord eines Eisbrechers mitgereist. Als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren und meine Teilnahme feststand, fühlte ich mich unglaublich glücklich, wie ein Kind. Werden Träume manchmal tatsächlich wahr?

Jeden Sommer besuchte ich meine Großmutter, die nicht weit vom Baikalsee lebte, und meine andere Großmutter in Jakutsk. Ich genoss diese Sommer, war aber jedes Mal glücklich, wenn ich nach Tiksi zurückkehrte.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion stoppte die Regierung die Finanzierung der Arktisprojekte, und viele kleine Städte blieben sich selbst überlassen. 1991 vernagelte unsere Familie, so wie viele andere auch, die Fenster unseres Hauses und zog in eine größere Stadt, nach Jakutsk. Mich langweilte diese neue Welt – der viele Lärm, keine Tundra, keine engen Freunde, kein Polarlicht und meine Eltern von ihrer Arbeit eingenommen, um uns irgendwie über die Runden zu bringen. Es war die Zeit (in den 1990ern, nach dem Zerfall der UdSSR), als alle die Orientierung verloren und irgendwie neurotisch wurden. Der Rhythmus der Zeit hatte sich verschoben und fühlte sich ganz und gar unnatürlich an. Ich vermisste Tiksi sehr; ich sah es in meinen Träumen und bat meine Eltern, mich zurückzubringen. Die Landschaft, die Farben und die Momente reiner kindlicher Vorstellung hatten einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Bis heute wollte ich immer wieder das kleine Mädchen sein.

Als ich damit anfing, in großen Städten wie Moskau oder New York zu leben und quer durch die Welt zu reisen, war das sehr aufregend. Ich war begierig, zu lernen, unterschiedliche Kulturen aufzunehmen und ihre Lebensweise zu verstehen.

Aus dem Englischen von Georg Deggerich

Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 101.

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Person Text und Fotos: Evgenia Arbugaeva
Untertitel Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Eine Fotografin kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück und trifft dort ein Mädchen, da sie an sich selbst erinnert.
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No. 101Dez. 2013 / Jan. 2014

Reportage

Autorin Evgenia Arbugaeva

Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, lebt und arbeitet heute als freie Fotografin in Russland und New York. Sie studierte Kunstmanagement in Moskau und Fotografie in New York. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in National Geographic, Le Monde 2 und Marie Claire veröffentlicht.

Fotografin Evgenia Arbugaeva

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Person Text und Fotos: Evgenia Arbugaeva
Untertitel Tiksi, einst ein wichtiger Hafen an Russlands arktischer Küste, ist heute eine Stadt im Niedergang. Eine Fotografin kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück und trifft dort ein Mädchen, da sie an sich selbst erinnert.
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No. 101Dez. 2013 / Jan. 2014

Reportage

Autorin Evgenia Arbugaeva

Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, lebt und arbeitet heute als freie Fotografin in Russland und New York. Sie studierte Kunstmanagement in Moskau und Fotografie in New York. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in National Geographic, Le Monde 2 und Marie Claire veröffentlicht.

Fotografin Evgenia Arbugaeva

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