Ein anrüchiges Geschäft

Berühmte französische enthalten einen geheimen Wirkstoff: alter Walkot, genannt Ambra. Die feinsten Stücke werden an die Strände Neuseelands gespült. Sie sind so viel wert wie Gold.

No. 127April / Mai 2018

Leben

Autor Dimitri Ladischensky

Dimitri Ladischensky, Jahrgang 1972, mare-Redakteur, hat vor Jahren von einem Pariser Parfümeur von Ambra erfahren und jetzt ein Stück aus Dargaville mitgebracht.

Fotograf Lottie Hedley

Die neuseeländische Fotografin Lottie Hedley, Jahrgang 1979, ist gerade von Auckland an den Strand bei Raglan gezogen. Sie wäre gern draußen im Ozean, um mehr von den Pottwalen zu verstehen, die diese ebenso wertvolle wie esoterische Substanz produzieren.

Diese Reise beginnt im Warmen und Dunklen, im Enddarm eines Pottwals, mit einer abnormalen Fäkalie, die nur ein Prozent der Pottwale ausscheiden, und sie endet im Dekolleté einer Frau als teures Parfüm. Dazwischen liegen Tausende Kilometer, die das Exkrement in den Ozeanen zurücklegt, Jahre, in denen es in Wellen, Salz und Sonne reift, bis es eines Tages als weißer, verwitterter Klumpen an Neuseelands Westküste angespült wird. Nach einer Minute, vielleicht auch nach einem Tag oder einem Jahr wird er gefunden und dann wieder hin und her geschubst von Sammlern, Händlern und Zwischenhändlern, die ihn wiegen, in Koffer packen und in seine neue Heimat fliegen, in die USA, nach Saudi-Arabien oder Frankreich, in die Parfümhauptstadt Grasse. Dort landet er wieder im Dunkeln, aus Konservierungsgründen, aber auch weil die Parfümindus­trie offiziell nichts mit Pottwalprodukten zu tun haben will. Wenn er wieder hervorkommt, zerbröselt und verflüssigt und als Inhaltsstoff in Hunderten Parfüms im Regal steht, ist alles hell, rein, schön. Und kein Wort von Ambra auf der Packungsbeilage … .

Die eine Tonne Tintenfisch, die der Pottwal jeden Tag vertilgt, ist keine reizarme Kost: Die scharfkantigen Schnäbel sind unverdaulich. Damit sie nicht die Magenwand ritzen, werden sie von Körpersäften zu einer öligen Masse verklumpt. Ab und an spucken Wale diese Klumpen aus – das ist nicht Ambra. Das Gold kommt hinten heraus. Von den weltweit 350 000 Pottwalen werden ein bis fünf Prozent, also 3500 bis 10 000, mit einer Behinderung geboren, sagt der amerikanische Walexperte und Molekularbiologe Christopher Kemp. Weil ihr Magen zylinderförmig sei, könnten sie nichts hinauswürgen. Entweder scheiden sie die Klumpen aus und schwimmen erleichtert weiter oder sie sterben an Darmverschluss, sinken hinab und werden von Haien, Tintenfischen und Krebsen gefressen. In beiden Fällen steigt Ambra wie ein Korken auf, treibt an der Oberfläche und riecht streng. Nun reagiert die Ambra mit ihrer Umwelt, das Salz entzieht ihr Feuchtigkeit, die Sonne backt sie kross, und die Luft macht sie mürbe. Aus einem pechschwarzen, zähen und klebrigen Ding wird mit den Jahren auf See ein harziges, leichtes, graues Etwas. Das stinkende Entlein verwandelt sich geruchlich in einen Schwan. In einen der teuersten Duftrohstoffe der Welt.

Strömungsforscher haben versucht, die Wege des Wassers zu berechnen, aber eine Ambra, ausgeschieden in der Antarktis, kann in der Bretagne ebenso anlanden wie auf den Bahamas, kann nach drei Wochen angespült werden wie nach 50 Jahren. Allerdings gibt es noch nicht erforschte Wahrscheinlichkeiten, Regelmäßigkeiten. Malediven, Sri Lanka und Indien. Dort kommt die Masse an, riesige Brocken, aber selten von guter Qualität, sondern innen weich und teerartig. Die besten Stücke, die alten, ­gehärteten, duftenden, sie treiben nach Neuseeland.

Eine Ambra, die viele Jahre Strömungskarussell im Pazifik gefahren ist, wird irgendwann aus dem Südpazifischen Wirbel geschleudert, landet dann im Ostaustralstrom, steigt um auf die West Auckland Current und trifft schließlich auf einen breiten Strand, den die Wellen weit überspülen, bis sie nicht mehr die Kraft haben, das Angespülte wieder zurückzunehmen. Die Küste bei Dargaville, nördlich von Auckland, ist das Klondike unter den Ambrastränden dieser Welt. Ambraklumpen, die 50 000, 100 000, 200 000 Euro wert sind, liegen hier herum. 40- und 50-Pfünder werden einmal im Jahr gefunden, 200 Pfund, die Fliegerbombengröße, vielleicht alle fünf Jahre, aber auch golfballgroße Stücke können in der Summe ein Leben ändern oder einen Ferrari bringen.

Was machen Neuseeländer in ihrer Freizeit? Am Strand spazieren und schauen, was das Meer angespült hat, Steine für den rocket garden, Holz für den Hühnerzaun, ein Benzinkanister fürs Auto. Strandgutsammeln ist Volkssport in Neuseeland. Tausende Neuseeländer wissen auch um Ambra und laufen nicht einfach an einem dubiosen Klumpen vorbei, ohne ihn aufzuheben. Ist die Oberfläche hart und trocken, wie ausgehärtet in der Sonne? Riecht er süßlich, auch nach Meer, ein bisschen faulig, wie alter Seetang?

Überall in Neuseeland wird nach Ambra gesucht, meist an den Stränden der Westküste der Nordinsel oder im Süden der Südinsel, auf Stewart Island. Doch die Region um Dargaville bringt nicht nur besonders viel Ambra, sondern besonders viele Menschen hervor, die an keinem ausgebleichten Hundehaufen vorbeikönnen, ohne an ihm zu schnuppern, denn es könnte ja Ambra sein. Zu Dutzenden ziehen sie nach starken Westwinden los und suchen den 120 Kilometer langen Strand per Auto, per Motorrad oder zu Fuß ab. Manchmal auch mit Hund. Sie legen Hunderte Kilometer am Tag zurück, auch wenn sie frieren und müde sind von den Enttäuschungen, denn man muss schon an vielen Hundehaufen gerochen haben, bevor man Ambra entdeckt. Sie haben ihre eigenen Theorien, wann das Meer die Nuggets ausspuckt. Sicher braucht es starke Westwinde, aber was noch? Und so experimentieren sie mit Badeschlappen, die sie ins Meer schmeißen und an „verheißungsvollen Stellen“ anspülen lassen, verknüpfen das mit Mondphasen und Springtiden, machen Kreuzchen auf ihren Karten und schweigen sich aus. Sie sind Einzelgänger, redescheu, fahren selten Ferrari, haben aber vor ihrer Bruchbude überraschend eine neue Veranda angebaut oder sitzen in ihrem abgewohnten Apartment auf einer Designercouch.

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 127.

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