Die Wellen des Herrn

In Rio de Janeiro will die katholische Kirche einen tödlich verunglückten Surfer heiligsprechen lassen. Die örtliche Gemeinde sammelt schon Reliquien. Es fehlen nur noch ein paar Wunder.

No. 125Dez 2017 / Jan 2018 2017

Politik

Autor Thomas Fischermann

Thomas Fischermann ist Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit, er lebt seit 2013 in Rio.

Fotograf Giorgio Palmera

Fotograf Giorgio Palmera hat für seine Sozialreportagen große Teile des Nahen Ostens, Afrikas und Südamerikas bereist, preisgekrönte Bücher veröffentlicht und arbeitet gegenwärtig an einer Dokumentation über den Wandel in Kuba.

In den Strahlen der Morgensonne stehen die „Surfer mit Maria“ im Sand von Recreio. Sie schließen die Augen, umklammern Rosenkränze mit Bildern der Muttergottes. „Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade“, beten sie, die Wellen schwappen gegen den Meeressaum. An den Strandbuden ziehen die ersten Getränkeverkäufer ihre Rollläden hoch, der vornehme Stadtstrand im Westen von Rio de Janeiro erwacht zum Leben. „Ich bete dafür, dass ich mir nichts zerre“, witzelt Ricardo Bretas, ein Hüne in knappen Badeshorts. Er joggt hin und her, macht Aufwärmübungen, dann gleitet er mit seinem Brett ins Wasser. Der Rest der Gläubigen vom Recreio-Strand folgt ihm nach: Männer von Ende zwanzig bis Anfang vierzig, die einen Kult pflegen, wie er wohl nur in Rio entstehen kann. Die „Surfer mit Maria“ verehren die Mutter Gottes – und einen Mann, der an diesem Strand einst ebenfalls ein Surfer war.

Guido Vidal França Schäffer, aufgewachsen in Copacabana, starb am 1. Mai 2009 in den Wellen vor Recreio. Die Leute sagen, dass es ein Tag mit rauem Wetter war, dass sein Surfbrett ihn unglücklich am Hinterkopf traf, dass er ohnmächtig wurde und ertrank. Sie glauben, dass Guido Schäffer ein Heiliger war. Kirchenamtlich wurde das noch nicht bestätigt, aber die Surferfreunde, seine Familie und Kirchenmänner kämpfen dafür.

„Am 8. Oktober haben wir alles rausgeschickt“, sagt Dom Roberto Lopes, der Bischofsvikar in der Erzdiözese von Rio de Janeiro. „Dann ging das ganze Material an den Vatikan.“ Mit großer Geste deutet er auf einen beachtlichen Stapel Papier, der sich auf seinem Schreibtisch türmt. Der vornehme Benediktinerpater, ein Mann mit gepflegtem weißgrauem Haar und markanter Hakennase, ist Profi, was Heiligsprechungen betrifft. In Rio de Janeiro liefen gerade fünf Verfahren gleichzeitig, erzählt er, die alle über seinen Schreibtisch gingen. „Doch der Fall Guido Schäffer erregt die meiste Aufmerksamkeit.“ Die Vatikankommission aus Rom sei in den vergangenen Monaten bei ihm ein und aus gegangen. Die Kirchenmänner hätten Dokumente gewälzt, Zeugenaussagen entgegen­genommen und mehr als 50 Weggefährten von Schäffer befragt.

„Zu meinem Job gehört es allerdings auch, Exzesse herauszufiltern“, sagt Dom Roberto. „Über Guido Schäffer hört man die wildesten Geschichten.“ Heilige werden vom Vatikan auch danach ausgewählt, wie überzeugend sie Menschen für den Glauben begeistern. Sportler sind keineswegs ausgeschlossen, schon der italienische Bergsteiger Pier Giorgio Frassati wurde 1990 seliggesprochen. In der Kirche von Rio de Janeiro zitieren sie nun gerne den Satz, den Papst Johannes Paul II. gesagt haben soll: Er wünsche sich „mehr Heilige in Jeans“.

Padre Jorjão aus der Kirche Nossa Senhora da Paz in Ipanema kam nach Schäffers Tod als Erster auf die Idee: Wenn nach Jeans gesucht wird, haben Surfershorts vielleicht auch eine Chance. „Jesus war doch selbst Surfer“, erklärt der Padre, während er im Umkleidezimmer hinter dem Altarraum die schweren Messgewänder ablegt. Er lacht laut, obwohl er den Witz sicher einmal in der Woche reißt. Gerade hat er eine Messe zu Ehren von „Guido Schäffer, Diener Gottes“ gehalten, nun schlüpft er in seine schwarze Zivilis­tenkluft und legt noch etwas nach: „Übers Wasser gehen? Surfen? Ist doch das gleiche Ding. Lustig, oder?“ Herr Pfarrer, fehlt da nicht die Pietät? „Überhaupt nicht! Das ist ein Witz, den Guido selbst mal gemacht hat. Er war ein ganz alltäglicher Mensch, mochte das Wandern in der Natur, Radfahren und vor allem das Meer. Er ist eine Person, die symbolisiert, wie Glauben heute sein sollte.“

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 125.

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Thomas Fischermann ist Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit, er lebt seit 2013 in Rio.

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