Die Suppe des Admirals

Das „Trafalgar“, ein Lokal in der englischen Hafenstadt Fleetwood, ist so ziemlich das Gegenteil der ­gleichnamigen hitzigen Seeschlacht. Hier lässt man sich Zeit – nicht nur, damit die Suppe kalt wird

No. 121April / Mai 2017

Kombüse

Autorin Andrea Walter

Andrea Walter, Jahrgang 1976, recherchiert am liebsten auf Fischkuttern und schreibt dann darüber, was Riesenkrabben aus Kamtschatka in Nordnorwegen machen oder wie galizische Fischer ihr Leben riskieren, um Entenmuscheln von heftig umtosten Felsküsten zu kratzen. Hauptsache: Meer und Menschen, die ihm nahe sind. Und Reportagen darüber, wo unser Essen herkommt. Weil sich durchs Essen fast die ganze Welt erklären lässt.

Fotografin Nicole Strasser

Nach dem Bauingenieurstudium an der Bauhaus Universität Weimar arbeitete Nicole Strasser zwei Jahre lang in einem Ingenieurbüro als Statikerin. Von 2000 bis 2009 studierte sie an der Fachhochschule Hannover zunächst Produktdesign, später Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotojournalismus.

Es gibt Orte, von denen man, kaum dass man sie besucht hat, schon weiß, dass man wiederkehren wird. Das „Trafalgar“ in Fleetwood ist solch ein Ort. Ist man durch die Tür des Restaurants geschritten, wähnt man sich im Bauch eines Schiffes. Schummrig ist es und gemütlich. Man blickt auf eine Bar aus dunkel getäfeltem Holz, sieht Steuerräder an der Wand und das Porträt Lord Nelsons. Hier kann man bleiben, denkt man, fläzt sich in eines der rotbraunen Chesterfieldsofas und versinkt sogleich.

Ob man schon einen Drink bestellen möchte, fragt der Kellner, der die Karte bringt. Man wählt ein Lager und studiert nicht nur die Karte. Ein künstlicher Kamin spendet Licht, in einer Vitrine findet sich eine ausgestopfte Schildkröte neben dem, was nach der Nase eines Sägehais aussieht. Auf dem Kamin stehen Schiffsmodelle, und an einer Wand hängt das Gebet, das Lord Nelson gen Himmel schickte, ehe er in die legendäre Seeschlacht gegen die Franzosen und Spanier zog. Fragt man den freundlichen Kellner, der Russell Smith heißt und das Restaurant gemeinsam mit seinem Bruder Aaron führt, mit dem er sich auch als Küchenchef abwechselt, woher die Leidenschaft für den Admiral und seine Trafalgarschlacht stammt, sagt er: „Vom Vater.“ Dieser hat das Restaurant gemeinsam mit der Mutter vor 50 Jahren eröffnet, es so genannt – und die Söhne haben es dabei belassen.

Man kommt ins Gespräch, bestellt nebenbei „Nelson’s Favourite Fish Soup“ und erfährt, dass Russell Smith regelmäßig fischen geht und seine Beute auf die Karte setzt: Makrele, Scholle, Kabeljau, Seezunge. Einmal fing er eine riesige Languste, doch die war so groß und so schön, dass er es nicht übers Herz brachte, sie in den Topf zu werfen. Stattdessen rief er beim Sea Life Center an, das in Blackpool liegt, einem irren Seebad mit Spielhallen und Vergnügungspiers, das ein Pilgerziel vieler englischer Jungesellenabschiede ist, rund zwölf Kilometer südlich vom beschaulichen Fleetwood. Die Leute vom Sea Life Center holten das Tier ab und zeigen es seither in einem Aquarium.

Gerade so, wie im „Trafalgar“ all die Dinge ausgestellt werden, die die Leute den Smiths schenkten. In einer Ecke steht ein ausgestopfter Adler, in einer anderen ein golden glänzender Taucherhelm aus dem frühen 20. Jahrhundert, auch einen originalen Nagel von Nelsons Schiff, der „Victory“, habe er, sagt Russell Smith – nur, woher er ihn habe, werde er nicht verraten. Er grinst. Da ist es auch schon Zeit, den Raum zu wechseln und sich an den Tisch vor dem großen Steuerrad zu setzen, denn die Suppe kommt, serviert zumeist von einer der reizenden Ehefrauen der beiden Besitzer. Die Suppe duftet und wird so heiß serviert, dass man warten muss und langsam schlürfen. Fast meint man, als flüstere sie: „Bleib doch einfach, lass dir Zeit.“ Und enthalte genau das, was dieses Restaurant ausmacht: köstliche Fundstücke. Hummer, Miesmuscheln, Garnelen, Tintenfisch, Lachs, Fenchel, Sellerie, Petersilie. Sie ist das, was die Engländer „rich“ nennen, „großzügig“. Und warmherzig dazu. Wie die Gastgeber.

Das Restaurant ist das beste in der Stadt und so beliebt, dass die Leute noch aus Manches­ter anreisen, das anderthalb Stunden mit dem Auto entfernt liegt. Auch Tony und Doreen Lofthouse, die das Fleetwooder Unternehmen führen, das die berühmten Pastillen „Fisherman’s Friend“ herstellt, kommen regelmäßig – und bestellen jedes Mal das Gleiche.

Denn das ist es, was diesen Ort ausmacht: dass man sich auf ihn verlassen kann. Seit 30 Jahren haben die Smiths denselben Fischhändler. Manchmal fragen die Gäste, warum sie das Restaurant nicht modernisieren. Russell Smith antwortet dann: „Weil es dann nicht mehr dasselbe wäre.“ Außerdem ändert sich ja doch immer etwas. Denn die Smiths lassen ihre Fundstücke rotieren. „Du müsstest mal den Keller sehen“, sagt Russell, „der ist das reinste Museum.“

Nelson’s Favourite Fish Soup

Zutaten (für vier Personen)
1 Zwiebel, 1 Stange Sellerie, 1 Karotte, 1/2 Knolle Fenchel, 1 Kartoffel, 1 Knoblauchzehe, jeweils 120 g Lachsfilet, Seeteufel und Tintenfisch, 12 Miesmuscheln, 12 Kammmuscheln, 12 Garnelen, 1 Liter Fischfond, 1/2 Liter Weißwein, 120 g Mehl, 100 g Butter, 1 EL Tomatenmark, 1 Prise ­Safran, Salz und Pfeffer, 1 EL Schnittlauch, 1 EL Petersilie.

Zubereitung
Gemüse schneiden und in Butter dünsten. Mehl hinzugeben, anschließend Tomatenmark. Fischfond und Weißwein einrühren. 20 Minuten köcheln lassen. Den Fisch in kleine Stücke schneiden, mit den Muscheln in die Suppe geben und zwei Minuten kochen lassen. Zum Schluss Salz und Pfeffer, Petersilie, Schnittlauch und Safran einstreuen und servieren.

The Trafalgar> 40 North Albert Street, Fleetwood, Großbritannien
Tel. +44 1253 872266, Di, Mi, Do, Fr 17.30 bis 21.30 Uhr, Sa 18 bis 21.45 Uhr, So 12 bis 17.30 Uhr, Mo geschlossen.
www.trafalgar-restaurant.co.uk

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Person Von Andrea Walter und Nicole Strasser
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No. 121April / Mai 2017

Kombüse

Autorin Andrea Walter

Andrea Walter, Jahrgang 1976, recherchiert am liebsten auf Fischkuttern und schreibt dann darüber, was Riesenkrabben aus Kamtschatka in Nordnorwegen machen oder wie galizische Fischer ihr Leben riskieren, um Entenmuscheln von heftig umtosten Felsküsten zu kratzen. Hauptsache: Meer und Menschen, die ihm nahe sind. Und Reportagen darüber, wo unser Essen herkommt. Weil sich durchs Essen fast die ganze Welt erklären lässt.

Fotografin Nicole Strasser

Nach dem Bauingenieurstudium an der Bauhaus Universität Weimar arbeitete Nicole Strasser zwei Jahre lang in einem Ingenieurbüro als Statikerin. Von 2000 bis 2009 studierte sie an der Fachhochschule Hannover zunächst Produktdesign, später Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotojournalismus.

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Andrea Walter, Jahrgang 1976, recherchiert am liebsten auf Fischkuttern und schreibt dann darüber, was Riesenkrabben aus Kamtschatka in Nordnorwegen machen oder wie galizische Fischer ihr Leben riskieren, um Entenmuscheln von heftig umtosten Felsküsten zu kratzen. Hauptsache: Meer und Menschen, die ihm nahe sind. Und Reportagen darüber, wo unser Essen herkommt. Weil sich durchs Essen fast die ganze Welt erklären lässt.

Fotografin Nicole Strasser

Nach dem Bauingenieurstudium an der Bauhaus Universität Weimar arbeitete Nicole Strasser zwei Jahre lang in einem Ingenieurbüro als Statikerin. Von 2000 bis 2009 studierte sie an der Fachhochschule Hannover zunächst Produktdesign, später Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotojournalismus.