Die Riesen am Meer

Sequoia Sempervirens, der Küstenmammutbaum, braucht den Ozean zum Leben

No. 124Okt. / Nov. 2017

Wissenschaft

Autorin Zora del Buono

mare-Kulturredakteurin Zora del Buono, Jahrgang 1962, liebt nicht nur das Meer, sondern auch Bäume. Alle Bäume, aber vor allem große und alte. 2015 erschien ­ihr Buch „Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen“. Am meisten beeindruckt hat sie der voluminöseste Baum der Welt, der General Sherman Tree, ein Riesenmammutbaum. Der höchste Baum, Hyperion, fehlt ihr. Aber das ist nicht schlimm, denn nicht alle Rekordhalter müssen zu Reisezielen werden.

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Wenn der Nebel die Klippen umarmt und die Berge hinaufkriecht, sich durch den Wald schleicht und die Bäume umschmeichelt, wenn es plötzlich kühl wird und die Haut feucht und die Baumstämme auch, wenn die Strahlen der Sonne gebrochen werden im milchigen Licht und die Kronen der alten Mammutbäume so weit entfernt scheinen, als gehörten sie zu einer anderen Welt, wenn alles stiller wird, gedämpfter und konzentrierter, sodass das Ohr das feine Ploppen der Wassertröpfchen, die auf Nadeln, Blätter und Rinden niedergehen, wahrzunehmen meint, kommen unweigerlich zwei der ganz großen Wörter auf einen zugeschwebt, als würden sie vom Nebel getragen: Ehrfurcht und Demut. Von Ehrfurcht und Demut spricht jeder, der hier ist, irgendwann. Das Betreten dieser Wälder, gebaut aus gewaltigen Bäumen, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden dastehen, verändert den Menschen. Heute so wie früher. Und je länger man durchs Unterholz stapft, den Kopf in den Nacken gelegt, bis einem schwindelt, desto klarer wird: Das Verändernde ist, dass man sich unbedeutend und klein und gleichzeitig als Teil von etwas Grö­ßerem fühlt und somit selbst wächst. Alles dreht sich hier um Dimension. Um Raum und Zeit. Kümmern wir uns also um Raum und Zeit. Betrachten wir Sequoia sempervirens. Eine Annäherung in viereinhalb Kapiteln.

Noch unbehelligt von den Zumutungen der Europäer leben in der Region zwischen Sierra Nevada und Pazifik etwa 300 000 Menschen in kleinen Stammesgruppen. Nach der letzten Eiszeit vor rund 11 000 Jahren sind ihre Vorfahren über die Beringstraße auf den nordamerikanischen Kontinent eingewandert, wann genau, ist umstritten. Sie jagen und fischen, Lachs und Regen­bogenforellen meistens, vor allem aber sammeln sie, neben Beeren, Wurzeln und Nüssen auch Eicheln, die zu Mehl verarbeitet werden. Das Klima ist mild, Meer und Flüsse sind reich an Fisch, das Hinterland prallvoll mit Wild und essbaren Pflanzen, die Wälder ein unerschöpfliches Baustoff- und Brennholzreservoir. Die Menschen werden von der Natur üppig beschenkt, es reicht für viele, weltweit kann keine andere Jäger-und-Sammler-Gesellschaft eine so hohe Bevölkerungsdichte aufweisen. Ein Kultur­muster hat sich herausgebildet, einzelne Stämme haben darüber hinaus typische Fertigkeiten entwickelt, der Umgebung entsprechend. Die Yurok zum Beispiel.

2500 Yurok leben in dörflichen Gemeinschaften am unteren Klamath-Fluss bis hin zum Pazifik. Eine ihrer Spezialitäten sind an Schnüren aufgezogene Schalen der Dentaliummuscheln, winzigen Elefantenzähnen gleich, ein begehrtes Zahlungsmittel, das dem Stamm zu Wohlstand verhilft. Die Yurok sind aber auch Meister im Umgang mit Holz; ihre aus Redwood-Bäumen gebrannten und geschnitzten Kanus sind berühmt, sie verkaufen sie an weit entfernt lebende Stämme. Ihre Siedlungen errichten sie gern am Flussufer oder in Buchten unten am Meer. Die Häuser zimmern sie aus dem Holz von umgestürzten Küstenmammutbäumen oder mächtigen Ästen, die im Sturm heruntergekracht sind. Ein Haus ist etwa sechs mal sechs Meter groß, komplett aus Holz konstruiert und fensterlos, nur ein rundes Eingangsloch an einer Seite, so klein, dass Grizzlybären, die in diesen Wäldern leben, nicht ins Innere vordringen können. Das Dach besteht aus groben Planken, nebeneinandergelegt und mit Latten und Schnüren befestigt; einige lassen sich herausheben, je nach klimatischer Bedingung kann hier oder dort gelüftet werden. In der Mitte des Hauses liegt die Feuerstelle, um die herum sich das Leben der Gemeinschaft abspielt, außer für menstruierende Frauen, die werden ins Menstruationshaus verbannt. Die Männer schlafen nicht in diesen Häusern, sie verbringen ihre Nächte in Schwitzhäusern, die mehr sind als nur Wohnraum, sie dienen der spirituellen, mentalen und körperlichen Stärkung. Im Zentrum auch hier die Feuerstelle mit einem heiligen Feuer, an das der Mann sich legt und schwitzt und an Schönes denkt, bis alle Schlechtigkeit aus ihm entwichen ist und er geläutert ins Freie stürzen kann, um sich in Wasser oder Schnee abzukühlen.

Das Holz der Mammutbäume ist hart und resistent gegen Feuer, Insekten und Pilze meiden es zudem; geeignetes Baumaterial also. Die Yurok leben vom Redwood, sie leben mit ihm und in ihm. 60 Menschen könnten sich an einen Mammutbaum gelehnt aufeinanderstellen, und immer noch würden sie nicht über die Krone in die Ferne blicken können, so hoch sind die mächtigsten der Bäume. 60 Menschen, also das ganze Dorf. Die Riesen sind den Yurok heilig, sie beherbergen Geister, ja, sie sind selbst heilig, weil dem Himmel so nah und weil sie die Seelen der Ahnen bewachen, die unter ihnen begraben liegen. Bäume, die nicht nur enorm dick und hoch sind, sondern auch enorm alt. So alt, dass besonders prachtvolle Exemplare schon unzähligen Generationen als Holzspender, Beschützer, Grabstätte und Versammlungsort dienten, 80 Generationen oder mehr, also eigentlich ewig. Gefährten durch die Zeit, von Geistern beseelt. Einen Mammutbaum zu fällen kommt nicht infrage.

Man möchte Pater Juan Crespí nicht die Schuld geben, dass es mit diesem Jahrtausende währenden Miteinander ein Ende hat. Und doch beginnt mit dem 10. Oktober 1769 eine neue Ära, denn von nun an geht alles ganz schnell, zumindest in Mammutbaumzeitspannen gerechnet. An jenem Dienstag notiert der spanische Missionar, der mit einer Gruppe Franziskaner von der Baja California auf dem Landweg Richtung Norden aufgebrochen ist (und unterwegs mit der Gründung der Missionsstation Nuestra Señora la Reina de los Ángeles dem heutigen Los Angeles seinen Namen gegeben hat), um im Auftrag der spanischen Krone als Chronist Kalifornien zu erkunden: „Es findet sich eine Vielzahl von Bäumen hier, von jeglicher Stammbreite, die meisten von über­ragender Höhe und gerade wie so manche Kerze. Was für eine Freude, diesen Segen aus Holz zu erblicken! Weil niemand, der Teil der Expedition war, diese Bäume kannte, nannten wir sie nach ihrer Farbe ,Rotholz‘ [englisch: redwood, die Red.].“

Pater Juan Crespí liefert die erste bekannte Beschreibung dieser welthöchsten Bäume. Und mit ihr wird die Katastrophe eingeläutet, die bald hereinbrechen wird, über die Ureinwohner ebenso wie über die Mammutbäume.

Textauszug. Den gesamten Beitrag sehen Sie in mare No. 124.

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