Die gute Nachbarschaft

Fisch-Schmidt ist die älteste Fischhandlung Berlins. Tief in Kreuzberg führt Ayşe Andiç nach drei Generationen das Erbe der Vorbesitzer fort. Sie würde nie den Namen über der Ladentür ändern.

No. 126Feb. / März 2018

Politik

Autor Martina Wimmer

Martina Wimmer, geboren 1965 in Oberbayern, wohnhaft in Berlin. Sie war Redakteurin bei ME/Sounds, freie Journalistin in New York und ist seit 1995 Mitglied des Journalistenbüros Schön & Gut. Schreibt als freie Autorin u.a. für Geo Saison, Greenpeace Magazin, SZ-Magazin und Merian.

Jeden morgen kam Ayşe Andiç auf dem Schulweg an Fisch-Schmidt vorbei. Lief die Wrangelstraße lang durch Kreuzberg, zwei Blocks entfernt von der Mauer, die die Stadt teilte. Mit zwölf war sie 1981 aus Anatolien gekommen, der Vater baute die U-Bahn in Berlin. Sie mochte diese Stadt, diese Ecke, sofort. Komisch nur fand sie, was man durchs Schaufenster im Haus Nr. 82 sehen konnte. In der Türkei kennt man keine Bücklinge und Sprotten, wie sie damals bei Fisch-Schmidt glänzend um die Gunst der Käufer warben. „Sie essen in Deutschland goldene Fische“, dachte Ayşe und schickt der Erinnerung ein Lachen hinterher.

Heute nennen sie Ayşe hier im Kiez die Meerjungfrau, die Leute kommen aus der ganzen Stadt, um ihren Heringssalat zu kaufen. Und wenn sie im Hinterzimmer des Fischfachgeschäfts Schmidt über der Schreibarbeit stöhnt, ist sie froh, dass es nicht geklappt hat mit dem Berufswunsch Bürofachkraft zu werden. „Fischfachgeschäft“, der alte Herr Schmidt hat es ihr so beigebracht, weil nur diese Bezeichnung die Sorgfalt verheißt, die es braucht, um guten Fisch zu verkaufen.

Fisch-Schmidt ist die älteste Fischhandlung Berlins. 1908 kam der erste Schmidt von der Ostsee und eröffnete das Geschäft, 1930 übernahm sein Sohn, setzte nach dem Krieg die Trümmer des Ladens wieder zusammen, übergab 1961 an Günter Schmidt, den Dritten. Der wurde Vorstand des Fischeinzelhandelsverbands und Ausbilder für Fachverkäufer, seine Frau Roswitha eine Meisterin der Marinaden.

Sie hätte keine besseren Lehrer finden können, sagt Ayşe Andiç und wollte doch anfangs nur die Wartezeit auf einen Ausbildungsplatz überbrücken. Unzählige Bewerbungen hatte sie geschrieben, vergeblich. Ob es an ihrer Herkunft lag? Darüber habe sie nie nachgedacht, wozu auch, was hätte es verändert? Ihre Schwester lernte in einem Friseursalon und holte die Brotzeit für alle täglich bei Fisch-Schmidt. Und weil sie keine Ahnung hatte, was Bismarckhering ist oder Rollmops, schickten die anderen sie los mit Fantasienamen, was für ein Spaß. Immerhin, so lernten sie sich kennen, die Andiçs und die Schmidts.

Ayşe stellte sich vor und durfte sofort anfangen. Das erste, was sie lernte, war die Zubereitung des Heringssalats. Jeden Tag nahm sie Kostproben mit, aß sich durchs Sortiment. Half Frau Schmidt, Fond anzusetzen und Fische zu filetieren. Begleitete Herrn Schmidt auf die Wochenmärkte, jede Fahrt eine Lektion. Er sprach über Fischsorten und Fettanteile und sagte nach drei Monaten zur 20-jährigen Aushilfskraft: „Du wirst mal eine gute Chefin.“

Zehn Jahre später stand für die Schmidts­ die Rente an, ihr Junior war Ingenieur geworden und Ayşe immer noch da. Sie boten ihr an, das Geschäft zu übernehmen. Es tagte der Familienrat bei Andiçs, die Geschwister sagten ihre Hilfe zu. Bruder Hakan ist seither für den Einkauf zuständig, auch er war ein aufmerksamer Schüler. Jahrelang hat er Günter Schmidt zu Händlern begleitet. Ihm reicht ein Blick, um zu wissen, welche Fische seiner Theke würdig sind. Jeden Tag kauft er ein beim Großhändler, bezieht Ware von Fischern an der Ostsee und in Brandenburg. Kritischen Kunden kann er erklären, dass der Geschmack auch davon abhängt, was ein Fisch gefressen hat und in welcher Tiefe er schwamm. Hakan Andiç ist gebürtiger Berliner, er kann es aufnehmen mit der berüchtigten Schnauze, seine Freunde haben ihm eine Domain geschenkt, sie heißt Fishman36.

Die Zahl bezeichnete einst den Postzustellbezirk eines Teiles von Kreuzberg. Als sie ankamen, so Ayşe Andiç, lebten hier Arbeiter, Türken wie Deutsche. Männer, die zupacken, bräuchten gutes Essen, habe Herr Schmidt immer gesagt. Dazu kamen Nachteulen, Freaks, die Mischung, die bis heute den Mythos Kreuzberg nährt.

Heute kämpfen Initia­tiven gegen steigende Mieten, viele Läden sind schon verschwunden. Haus Nr. 82, in dem früher die Schmidts direkt über ihrem Geschäft wohnten, gehört ausländischen Inves­toren. Die zahlungskräftigen Nachbarn beleben den Fischhandel nicht. Sie gehen wohl lieber essen, als gut zu kochen.

Die, die es schon lange besser wissen, besuchen Fisch-Schmidt, als sei es ihr Zuhause. Essen dienstags im Imbiss das berühmte Fischgulasch und donnerstags Fischcurry, alles nach Rezepten von Roswitha Schmidt, verfeinert mit Gewürzen, über die sich Ayşe Andiç und ihr Mitarbeiter Ismail Sarıoğlu ausschweigen. Dazu gibt es türkischen Tee, herzliche Begrüßungen und nachbarschaftlich vertraute Gespräche. Und kaum einer verlässt den Laden ohne eine Schale Heringssalat.

Fischgulasch

Zutaten
500 g Seelachsfilet, 2 bis 3 Zwiebeln, 1 große grüne Paprika, Olivenöl, 2 bis 3 EL Mehl, 2 EL Tomatenmark, Wasser, Salz, Pfeffer, Gewürze nach Belieben.

Zubereitung
Zwiebeln und Paprika würfeln, im großen Topf mit Olivenöl anschmoren. Mehl und Tomatenmark hinzufügen, mit Wasser aufgießen, aufkochen. Filet in Stücke schneiden, hinzufügen, 10 bis 15 Minuten bei kleiner Hitze ziehen lassen, es darf nicht mehr kochen. Mit Gewürzen abschmecken und mit Salzkartoffeln servieren.

Fisch Schmidt
Wrangelstraße 82, 10997 Berlin, Telefon 030/6123249, www.fisch-schmidt-berlin.de

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Person Von Martina Wimmer
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