Der gute Mensch von Chesapeake Bay

Die amerikanische Biologin Rachel Carson schreibt in den 1950er Jahren Sachbücher über das Meer, die zu Bestsellern werden. Vor allem ihr Kampf gegen das Pestizid DDT macht sie berühmt – und nebenbei zur Geburtshelferin der Umweltbewegung in den USA

„Frau an Bord, Glück geht fort“, dieser Aberglaube sitzt 1949 fest in den Köpfen der Seeleute – und auch der Vorgesetzten von Rachel Carson in der US-Fischereibehörde. Als Meeres­biologin und Redakteurin informiert sie die Amerikaner in Broschüren über das Nahrungsmittel Fisch und über die Arbeit der Behörde. In jenem Jahr soll sie über das Forschungsschiff „Albatross III“ berichten, das Daten über die Fischbestände an der Georges Bank erhebt, gut 300 Kilometer östlich von Boston.

Carson will eine der Fahrten, bei denen stichprobenartig gefischt wird, begleiten, doch sie stößt auf Widerstand. Noch nie hat eine Frau einen Fuß auf dieses Schiff gesetzt. Und dann zehn Tage allein mit 50 Männern? Als es nach Monaten des Nachbohrens für Carson endlich losgeht – unter der Bedingung, dass sie eine weibliche Begleitung mitbringt –, erzählt der Dritte Offizier ihnen Horrorgeschichten über all die gebrochenen und gequetschten Körperteile, mit denen auch sie hier rechnen müssten. „Noch keine Fahrt ohne Unfall“, sagt er grinsend.

Doch die 42-Jährige ist froh, dass sie aus ihrem kleinen Büro herauskommt. Auf der „Albatross III“ sieht sie vieles mit eigenen Augen, was man am Schreibtisch nicht sehen kann: die seltsamen Anglerfische etwa, die nachts gefangen werden, manchmal ragt ihre Beute – Heringe – noch aus ihren Mäulern. Oder andere Tiere der Tiefsee, die hier oben hilflos auf dem Rücken treiben und durch den Druckverlust seltsam aufgebläht und verzerrt aussehen.

Sie sieht auch Dinge, die ihr überhaupt nicht gefallen. Einige der Seeleute erschießen Haie, einfach aus Spaß, und die Schleppnetze zerstören das Leben am Meeresgrund. „Die großen Trawler […] ziehen ein trichterförmiges Netz über den Grund des Ozeans, dabei kehren sie alles vom Boden auf, das dort lebt. Nicht nur Fische, sondern auch Krebse, Schwämme, Seesterne und andere Lebewesen“, beschreibt sie später die Folgen der Fangmethode in einem Vortrag.

Dieses Mitgefühl für jedes Geschöpf, das Carson empfindet, ist selten geworden in der McCarthy-Ära. Nach Kriegen und Wirtschaftskrisen setzen die Amerikaner alles daran, durch technischen Fortschritt wieder für Wohlstand und Sicherheit zu sorgen. Doch Carson, geboren am 27. Mai 1907, soll schon als Kind auf dem Schulweg jeden Vogel begrüßt haben; ihre ­Mutter brachte ihr bei, wie sie heißen und wie man sie an ihrem Gesang erkennt.

Das Mädchen strolcht am liebsten in den Wäldern von Springdale herum, 20 Kilometer nordöstlich von Pittsburgh mit seinen riesigen Stahlfabriken, über das Pete Seeger später singen wird „All I do is cough and choke in Pittsburgh“. Der Vater hat hier einige Grundstücke gekauft und sich dabei verspekuliert. Er hält die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser, aber immer wieder ist das Geld knapp.

Das College in Pittsburgh und ab 1929 die private Johns Hopkins University in Baltimore kann Carson nur dank Stipendien besuchen und weil die Eltern etwas Land, das gute Geschirr und das Familiensilber verkaufen. Sie sind stolz auf ihre Tochter, die immer die Klassenbeste war. „Rachel ist wie die Mittagssonne, immer sehr hell. Nie hört sie auf zu lernen, bis sie es kann“, so stand es einmal im Jahrbuch ihrer Highschool.

Sie weiß, dass sie ein Risiko eingeht, als sie im College von Englisch auf Biologie umsattelt. Eine Stelle als Lehrerin würde sie als Frau später leichter finden als in der Wissenschaft. Gerade jetzt, während der Großen Depression, sind Jobs schwer zu bekommen. Aber Biologie fasziniert sie in einem Pflichtkurs so sehr, dass sie sich im dritten Studienjahr gegen die Literatur und für die Wissenschaft des Lebens entscheidet, obwohl ihre Rektorin ihr des­wegen, wie Carson einer Freundin schreibt, „Stunk macht“, sie „zusammenstaucht“ und eine Kommilitonin sagt: „Eine, die so gut schreiben kann wie du und zur Biologie wechselt, ist verrückt.“ Der Illustrator Bob Hines sagte über ihre Beharrlichkeit: „Sie konnte auf eine herzliche, ruhige Art Nein sagen wie niemand sonst. Aber das stand dann wie der Fels von Gibraltar.“


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mare No. 146

Juni / Juli

Von Silvia Tyburski

Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, freie Journalistin in Hamburg, versucht, auch in der aktuellen Corona-­Pandemie To-go-Verpackungen zu vermeiden. Sie ist sich sicher: Über unseren Plastikmüll in den Meeren hätte Rachel Carson einiges zu sagen gehabt.

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Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, freie Journalistin in Hamburg, versucht, auch in der aktuellen Corona-­Pandemie To-go-Verpackungen zu vermeiden. Sie ist sich sicher: Über unseren Plastikmüll in den Meeren hätte Rachel Carson einiges zu sagen gehabt.
Person Von Silvia Tyburski
Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, freie Journalistin in Hamburg, versucht, auch in der aktuellen Corona-­Pandemie To-go-Verpackungen zu vermeiden. Sie ist sich sicher: Über unseren Plastikmüll in den Meeren hätte Rachel Carson einiges zu sagen gehabt.
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