Mein Leben als Pflanze

Die Meeresschnecke Sacoglossa ist einzigartig: Sie frisst Algen und ernährt­ sich von der Fotosynthese in den verzehrten Algenzellen

Erst sucht sich die Meeresschnecke eine Alge aus und sticht sie an, dann heißt es nur noch: saugen, saugen, saugen, bis alles aus der Alge heraus ist. „Das ist so, als wenn ich mit einem Strohhalm einen leckeren Cocktail leer schlürfe“, erklärt Gregor Christa.

Der Biologe an der Bergischen Universität Wuppertal ist begeistert von den Zähnchen, mit denen die Schnecke die Alge dazu anritzt. Sie sind wie auf dem Blatt einer Kreissäge angeordnet, eben nur kleiner. Ein Zahn steht etwas hervor, ein besonders scharfer. Ist er abgenutzt, verstaut ihn die Schnecke in ihrem Säckchen direkt am Schlund, und der nächste scharfe Zacken dreht sich an die richtige Stelle. Daher auch der Name dieser marinen Nacktschnecke: Schlundsackschnecke oder Sacoglossa.

Dann macht die Schnecke etwas, das in der Tierwelt einzigartig ist: Sie verdaut die eingesaugten Zellteile nicht – jedenfalls nicht die fotosynthesefähigen, die Chloroplasten. Diese sortiert sie aus und lagert sie in ihren eigenen Zellen im Verdauungstrakt ein. Ihr Darm ist weit verzweigt, dünn und verläuft so nah unter der Haut, dass die grüne Algenfarbe hindurchschimmert. Nimmt die Schnecke ein Sonnenbad, produzieren die gehamsterten Chloroplasten Nährstoffe wie Stärke aus Lichtenergie. Das hat ihr den Spitznamen „Solarschnecke“ eingebracht.

Eine dieser Meeresschnecken ist Elysia chlorotica. Sie sieht aus, als habe sie ein großes, saftgrünes Cape um. Bekannt ist sie seit dem 19. Jahrhundert, doch erst 1969 entdeckte ein Biologe, dass ihre ­grüne Farbe von ihrem Futter stammt. Einige nennen die Sacoglossa wegen ihrer bizarren Form und intensiven Farbe auch „Schmetterling der Meere“. Weltweit lebt sie in den Meeren, vor allem im Indopazifik zwischen Madagaskar und Japan. Einige Arten leben auch in der Nordsee um Helgoland und in der Ostsee.

Heike Wägele, Evolutionsbiologin am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig des Leibniz-Instituts für Bio­diversität der Tiere in Bonn, taucht selbst nach diesen Saftsaugern und sammelt sie vorsichtig mit der Hand ein. Dabei entdeckte sie, dass die eingelagerten Chloroplasten nicht nur die grüne Tarnfarbe liefern, sondern aktiv im Tier Stärke aus Sonnenlicht produzieren. „Das ist wie ein Kühlschrank, den sich die Schnecken einverleiben und den sie mitführen, gefüllt mit Leckereien. Zusätzlich vermehrt sich das Futterdepot selbst mit der Zeit. Denn die Zellteile hören nicht auf, Stärke zu erzeugen“, erklärt die Schneckenforscherin.

Allerdings muss der Kühlschrankinhalt ab und an ausgetauscht werden, und die Schnecke saugt frische Zellteile ein. Aber vier von den Sacoglossa-Arten halten die Pflanzenteile über Wochen und Monate am Leben. Rekordhalter unter den Solarschnecken ist jene Elysia chlorotica. Mary Rumpho, Expertin für Pflanzenphysiologie an der University of Connecticut, fand heraus, dass Elysia chlorotica als Jung­schnecke zwei Wochen lang Algen frisst, um dann fast zwölf Monate lang – bis zu ihrem Lebensende – von den Nährstoffen aus der Fotosynthese zu leben.

Doch wie hält die Schnecke die gestohlenen Chloroplasten am Leben und schützt sie vor der eigenen Verdauung? Rumpho meint, dass sich die Gene der Pflanze in den Schneckengenen einnisten. Es wäre eine Sensation, wenn Tiergene die Erb­information von Pflanzen übernehmen und sie dann sogar an die nächste Generation weitervererben. Rumpho untersuchte ihre Hypothese und fand tatsächlich pflanzliche DNA in den Tiergenen. Sie schlussfolgerte: Die Schnecke baut Gene der Pflanze in ihre eigenen ein. Somit kann Elysia chlorotica diejenigen pflanzlichen Proteine herstellen, die die solaren Algenteile in der feindlichen tierischen Umgebung brauchen, um zu überleben.


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mare No. 146

Juni / Juli

Von Katja Maria Engel

Katja Maria Engel, Jahrgang 1964, Autorin in Dülmen, spielte schon als Kind lieber vorsichtig mit Schnecken am Wegesrand als mit Puppen. Als Erwachsene arbeitete die promovierte Ingenieurin an der Erforschung neuer Materialien in der Glasindustrie.

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Vita Katja Maria Engel, Jahrgang 1964, Autorin in Dülmen, spielte schon als Kind lieber vorsichtig mit Schnecken am Wegesrand als mit Puppen. Als Erwachsene arbeitete die promovierte Ingenieurin an der Erforschung neuer Materialien in der Glasindustrie.
Person Von Katja Maria Engel
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