Ein Schiff schläft nie

Anlässlich der Jungfernfahrt der „Normandie“ lud die Reederei eine Reihe berühmter Dichterinnen und Schriftsteller zu der Passage nach New York ein. Sie sollten die Reise literarisch verewigen­

Die Dame mit dem wuscheligen Kraushaar und den kohlschwarz umrandeten Augen, die im Sonderzug von Paris nach Le Havre Platz genommen hat, sorgt unter den mitreisenden Journalisten für allgemeine Heiterkeit. Sie hat einen Picknickkorb mit Zwiebelkuchen, kaltem Huhn, hartgekochten Eiern und Jura-Wein mit­gebracht, obwohl in den kommenden Tagen an Bord des Luxusdampfers „Normandie“ Gaumenfreuden vom Allerfeinsten auf dem Programm stehen.

Die Schriftstellerin Colette lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Provokation, Exzentrik und Widerborstigkeit sind ihre Markenzeichen. Immerhin tanzte sie schon barbusig in Varietés und hat tumultuöse Liebschaften mit Männern wie Frauen und sogar dem eigenen Stiefsohn hinter sich. Die sinnlich-frivolen Bestseller der Opiumraucherin und Katzenfreundin, darunter die Reihe der „Claudine“-Romane, wurden von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt.

Nun hat die 62-jäh­rige Erfolgsautorin einen Auftrag angenommen, der eigentlich nicht zu ihren Vorlieben passt. Am 29. Mai 1935 geht sie in Le Havre an Bord der „Normandie“, um für die Pariser Tageszeitung „Le Journal“ von der Jungfernfahrt des größten je gebauten Schiffs zu berichten. Dabei ist Colette, aufgewachsen in der bäuerlichen Region Puisaye im Burgund, eher dem Land als dem Meer zugetan. Doch ein fürstliches Honorar, zusätzlich 1000 Franc Taschengeld am Tag sowie eine von Couturier Lucien Lelong geliehene Garderobe haben sie zum Umdenken bewogen. Außerdem darf sie ihr Ehemann, der dritte und letzte, auf Kosten der Reederei begleiten. Colette hat den deutlich jüngeren Maurice Goudeket, reicher Perlenhändler und Herzensbrecher, einige Tage vorher geheiratet. Sie soll die Hochzeit überstürzt vorgeschlagen haben, weil sie nicht zu Unrecht dachte, als offiziell Verheiratete sei es beim Zwischenaufenthalt im prüden Amerika leichter, ein gemeinsames Doppelzimmer zu bekommen.

Das Interesse der Öffentlichkeit an der ersten Fahrt des legendären Ozeandampfers, die von Le Havre nach New York führt, ist so gewaltig, dass nicht weniger als 60 Reporter, Fotografen und Kameramänner an Bord sind. Einige Zeitungen haben bekannte Autoren verpflichtet, um das auflagensteigernde Interesse ihrer Leser zu befriedigen. So hat die Redaktion des „Journal“ nebst Colette noch eine zweite berühmte Feder als „grand reporter“ angeheuert. Der 1865 geborene Dramatiker Pierre Wolff, der gerne mit schelmischer Miene in Frack und Zylinder posiert, hat sich einen Namen als Autor von Broadway-Komödien und Filmdreh­büchern gemacht. Sein Ehebruchschwank „Le secret de Polichinelle“ („Das Geheimnis von Pulcinella“) wurde in vielen Ländern aufgeführt und später verfilmt.

Das Konkurrenzblatt „Paris-Soir“, das in besten Zeiten eine Auflage von 2,5 Millionen erreicht, greift ebenfalls auf zwei hoch angesehene Literaten zurück, die über den Schiffstelegrafen täglich ihre Eindrücke über die sensationelle Erstfahrt der „Normandie“ übermitteln.

Blaise Cendrars fällt unter den distinguierten Passagieren sofort auf. Mit seiner Baskenmütze, der stets im Mundwinkel eingeklemmten Gauloise und seinem fehlenden rechten Arm, der wegen einer Granatenverletzung im Ersten Weltkrieg amputiert werden musste, ist er unter den nobel gekleideten Mitreisenden sofort als draufgängerischer Reporter und hartgesottener Weltenbummler erkennbar. Mit seinen 47 Lebensjahren hat der französischsprachige Schweizer, der mit richtigem Namen Frédéric-Louis Sauser heißt, reichlich maritime Erfahrung gesammelt. Cendrars hat mehrmals die Ozeane überquert, in vielen Hafenstädten angelegt, und seine Werke sind bevölkert von waghalsigen Kapitänen, wilden Seefahrern und saufenden Matrosen.

Als charakterlichen Konterpart hat „Paris-Soir“ ihm einen Autor zur Seite gestellt, der im Gegensatz zu Cendrars eher in den bourgeoisen Pariser Debattierstuben als im brasilianischen Dschungel oder den Weiten Sibiriens verkehrt. Wohl hat der 1876 geborene Claude Farrère eine Karriere als Korvettenkapitän hinter sich, doch nach dem Ersten Weltkrieg hat er die Marine verlassen, um sich ganz dem Schreiben von Büchern zu widmen. In seinen Werken kommen exotische Schauplätze wie Istanbul, Saigon oder Nagasaki vor, die Farrère als Schiffsoffizier entdeckte. Nach Mitsouko, der wunderschönen japanischen Heldin aus Farrères Roman „La bataille“ („Die Schlacht“), hat Parfumeur Jacques Guerlain seine berühmteste Duftkreation benannt. Der vom Fernen Osten inspirierte Schriftsteller, von Statur einem bärtigen Seebären nicht unähnlich, strahlt an Bord der „Normandie“ eine Intellektuellen­aura aus; er wurde in die prestigiöse Académie française, den Olymp französischer Sprachgelehrter, aufgenommen.

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mare No. 146

Juni / Juli

Von Rob Kieffer und Roger Schall

Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist in Luxemburg. In mare No. 141 schrieb er über eine andere berühmte Französin: Coco Chanel.

Der französische Fotograf ­Roger Schall (1904–1995) wurde dafür bekannt, dass er heimlich die Besetzung von Paris durch die Nationalsozialisten dokumentierte.

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Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist in Luxemburg. In mare No. 141 schrieb er über eine andere berühmte Französin: Coco Chanel.

Der französische Fotograf ­Roger Schall (1904–1995) wurde dafür bekannt, dass er heimlich die Besetzung von Paris durch die Nationalsozialisten dokumentierte.
Person Von Rob Kieffer und Roger Schall
Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist in Luxemburg. In mare No. 141 schrieb er über eine andere berühmte Französin: Coco Chanel.

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