Geisternetze im Nebelmeer

Wie wird umweltpolitische Wirkung erreicht? Die Kampagnen von NGOs setzen in der Kommunikation oft auf die falschen Bilder

Der Umweltschutz beherrscht – neben der Corona-Pandemie – unsere Zeit. Er zählt zu den meistdiskutierten, mediatisierten und emotionalsten Themen der letzten Jahre, nicht nur seit den weltweiten Fridays-for-Future-Demonstrationen. Ein Hauptaspekt ist die Meeresverschmutzung.

Politiker und Aktivisten gleichermaßen brauchen für die Kommunikation ihrer Anliegen wirkungsmächtige Bilder. Die Fotografie steht dabei an erster Stelle; sie gilt neben dem bewegten Bild als das ehrlichste, direkteste und genaueste Medium, wenn es ­darum geht, reale Sachverhalte zu vermitteln. Doch fotografier­te Bilder sind nicht gleich fotografierte Bilder: Jeder unterschiedliche Winkel, jeder Ausschnitt, jede Lichtsituation, jede Komposition und jedes Motiv erzählen etwas anderes.

Natürlich setzen auch die unterschiedlichsten Kampagnen, etwa von Greenpeace, auf Fotografien. Erstaunlicherweise ähneln diese sich stark, und ihre Bildsprache lässt Zweifel daran aufkommen, ob sie dafür geeignet sind, den Menschen die abstrakt scheinenden, aber immensen Ausmaße der Meeresverschmutzung ­näherzubringen und sie emotional auf das Thema einzustimmen. Oft fehlt ihnen ein innovatives Storytelling oder der Mut, alternative Bildsprachen für diese brisanten Themen zu entwickeln. Vielmehr taucht meist ein wenig Romantik auf, etwas bezaubernde Idylle, ganz so, als versuchten die Kampagnen die Bildsprachen von Reiseveranstaltern zu kopieren. Was geschieht hier?

Klickt man auf der deutschen Website von Greenpeace auf die Kampagnen zum Thema Meeresschutz, öffnet sich eine Seite mit dem Titel „Meere wirksam schützen“, direkt daneben ein Foto zum Thema. Durch seine Platzierung kann man es durchaus als Coverfoto für alle weiteren Berichte, Texte und Publikationen auf dieser Seite verstehen. Es handelt sich um ein blaues Unterwasserbild, mit einem schwebenden Netzknäuel in der Mitte und ­vielen blauen und blau-gelben Fischen darum herum, die im glänzenden Lichteinfall anmutig umherschwimmen.

Bewegt man die Maus auf das Foto, kommt diese Bildunterschrift zum Vorschein: „Der Great Pacific Garbage Patch ist ein gewaltiger Plastikmüllstrudel im Pazifischen Ozean, der sich über 1,6 Millionen Quadratkilometer erstreckt. Darin treiben auch ­sogenannte Geisternetze, verloren gegangene Fischernetze, die Meerestieren nach wie vor gefährlich werden können.“ Nach dem Lesen weiß man, worum es geht. 1,6 Millionen Quadratkilometer scheinen unvorstellbar, mehr als viermal so groß wie Deutschland. Das Foto aber erzählt davon nichts. Auf den ersten Blick könnte das Netz auch eine Ansammlung von Algen sein, und die Fische scheinen darum herum zu schwimmen, das Netz wahrzunehmen und ihm auszuweichen. Einige schwimmen sogar wieder weg. Die faszinierende Lichtstimmung und die „schönen“ Blautöne dominieren den Gesamteindruck und erinnern an gelungene Erinnerungsfotos von Tauchgängen oder Werbematerial von Reiseveranstaltern.

Das Coverbild der Deutschen Umwelthilfe zum Thema „Plas­tik im Meer“ zeigt hingegen klar erkennbar Müll: eine durchsichtige Plastiktüte, weitere Plastikschnipsel und eine orange Verpackung, die an Schokoriegel erinnert. Das Wasser ist trüber, kräftige Meeresblautöne gibt es hier nicht, auch ist kein Tier zu sehen. Dafür weiß der Betrachter nicht, um welche Situation es sich hier handelt. Ist es das Meer oder ein Tümpel? Eine Aufnahme von ein, zwei Quadratmeter Größe oder ein Ausschnitt aus ­einer Fläche, die viermal so groß ist wie Deutschland?

Auch dieses Bild scheint die Dimensionen der Meeresverschmutzung nicht zu vermitteln. Dafür muss erst der darunter gestellte Text gelesen werden, der unter anderem erklärt: „Jährlich überfluten rund 10 Millionen Tonnen Plastikmüll die Weltmeere. Um die Vermüllung zu stoppen, müssen Politik, Industrie und Verbraucher*innen an einem Strang ziehen. Denn herausgefischt werden kann das Plastik nicht mehr.“ Die Fotografie zeigt aber eine Situation, in der die direkt unter der Wasseroberfläche treibende Tüte leicht mit der Hand herausgeholt werden könnte. ­

Dieser Idee widersprechen würde der Umstand, dass es sich hier um das weite Meer handelt und diese Tüte keine Ausnahme wäre. Doch verrät das Foto nichts darüber, dass der Plastikmüll im Meer die menschliche Überschaubarkeit übersteigt.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 146. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 146

Juni / Juli

Von Larissa Kikol

Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für Die Zeit, Kunstforum International, art, Die Kunstzeitung oder Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.

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Vita Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für Die Zeit, Kunstforum International, art, Die Kunstzeitung oder Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.
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Vita Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für Die Zeit, Kunstforum International, art, Die Kunstzeitung oder Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.
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