Madame fährt nach Amerika

Die glamouröse Schriftstellerin Colette schrieb im Auftrag ein Tagebuch ihrer ersten Reise auf der ebenso glamourösen „Normandie“

31. Mai 1935

Der Tag der Wahlverwandtschaften
Am ersten Tag suchen wir nach Wahlverwandtschaften. Würde uns eine Wahrsagerin von oben zuschauen, sie würde Ameisen sehen, die sich versammeln, winzige Verdichtungsphänome, so zufällig wie die Bilder im Kaffeesatz, aus dem wir die Zukunft lesen.
Gestern fanden sich, erschöpft und freudlos, die Freunde zusammen. Ich hörte Ausflüchte, Murren, es lohne sich nicht, dafür die Generalproben zu verlassen! Die Schönen und Reichen von Paris sind hier. [...] Wir sehnen uns nach zwei Lebenselixieren: dem Ozean und menschlicher Gesellschaft. Wir müssen uns immer noch erwählen und fühlen uns erwählt.
Wie sollten wir hier, und sei der Ozeandampfer noch so groß, unsere Sympathien und Antipathien auch verbergen? Auf einer Insel kann man nicht lügen. Gestern waren wir noch tausend. Heute versammeln wir alle unsere erlesene Schar, unsere Auserkorenen um uns. In Wahrheit sind wir höchstens dreißig. […]


1. Juni 1935
Ein Streifzug durch die Gänge
Wir stiegen hinauf auf die Brücke, dreißig Meter über dem Atlantik, wo das Gehirn des Schiffs wenig Platz einnimmt, und hinab in den tiefen Abgrund der rauchlosen Heizräume. Nur oben hat man das Gefühl, auf dem Meer zu sein. Das ­Vorschiff der „Normandie“ ist eine ebene, freie Fläche aus Holzplanken, auf denen nichts den Kurs des Schiffs verstellt oder die Sicht behindert. Mit knapp dreißig Knoten schneidet der Bug lange, schräge Furchen ins Wasser, graugrünbraun und weiß gesäumt. Da die Wellendecke dünn ist und die Furchen früh erahnt, scheint manchmal unter der Gischt ein Gletscherblau auf, strahlt wie ein Leuchtfeuer in die Ferne und erlischt. Auf dem Wasser funkeln und ­flackern schmale Sonnen­lachen. „Schwäne! Da sind Schwäne!“, schreit einer von uns. Es ist der Poet, der in den Heiz­räumen, vor den Bullaugen mit feurigem Azurblau und purpur­rotem Glühen, auf die verdrehte Ölflamme zeigt und sagt: „Die blaue Hölle!“ Die Wege, die zu diesem sauberen Fegefeuer führen, haben sich im letzten halben Jahrhundert stark verändert. Heute sucht man vergeblich nach den bedauernswerten schweißtriefenden Kohletrimmern. Hinter den runden Scheiben fließt ein beleuchteter, bernsteinfarbener Ölstrahl in die Kessel. Im Maschinenraum halten Asbest­wände in gewaffeltem Weiß die tödliche Hitze in Schach. [...]


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mare No. 146

Juni / Juli

Von Colette, Paul Iribe und Paul Ternat

Das turbulente Leben der Schriftstellerin Colette (1873–1954) war so populär, dass sie als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhielt.
Illustrator und Designer Paul Iribe (1883–1935) arbeitete lange in Hollywood. Coco Chanel, die auch seine Zeitschrift „Le Témoin“ finanzierte, war seine letzte Gefährtin.
Paul Ternat (1897–1951) war Dekorateur und Hausillustrator der Reederei Compagnie Générale Transatlantique (CGT). Alle Illustrationen ­wurden für einen Prospekt der CGT kreiert.

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Vita Das turbulente Leben der Schriftstellerin Colette (1873–1954) war so populär, dass sie als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhielt.
Illustrator und Designer Paul Iribe (1883–1935) arbeitete lange in Hollywood. Coco Chanel, die auch seine Zeitschrift „Le Témoin“ finanzierte, war seine letzte Gefährtin.
Paul Ternat (1897–1951) war Dekorateur und Hausillustrator der Reederei Compagnie Générale Transatlantique (CGT). Alle Illustrationen ­wurden für einen Prospekt der CGT kreiert.
Person Von Colette, Paul Iribe und Paul Ternat
Vita Das turbulente Leben der Schriftstellerin Colette (1873–1954) war so populär, dass sie als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhielt.
Illustrator und Designer Paul Iribe (1883–1935) arbeitete lange in Hollywood. Coco Chanel, die auch seine Zeitschrift „Le Témoin“ finanzierte, war seine letzte Gefährtin.
Paul Ternat (1897–1951) war Dekorateur und Hausillustrator der Reederei Compagnie Générale Transatlantique (CGT). Alle Illustrationen ­wurden für einen Prospekt der CGT kreiert.
Person Von Colette, Paul Iribe und Paul Ternat