Die Heckenschützen

Der tropische Schützenfisch hat eine einzigartige Fähigkeit ent­wickelt: Er kann aus seinem Maul einen Wasserstrahl schießen, der so scharf ist, dass er Insekten über dem Wasser tötet

Im „Rentnerpool“ des Labors, zwischen Felsbrocken und Wasserpflanzen, tummeln sich silbern glitzernde Fische. Sie haben ihren Dienst für die Wissenschaft getan und lassen nun hier im Becken ihren Lebensabend ausklingen. Kein schlechtes Seniorenheim, auch wenn durch die Zimmerdecke Feuchtigkeit durchzudringen scheint. Ein Wasserschaden im oberen Stockwerk? „Nein“, sagt der Neurobiologe Stefan Schuster von der Universität Bayreuth und lacht. Das Wasser spritze aus dem Rentnerpool nach oben. „Während der Fütterung schießen die Fische oft auf die Pflegerin.“ Und wenn sie einmal nicht träfen, klatsche das Wasser aus ihrem Maul an die Decke.

Schützenfische (Toxotes jaculatrix) haben in der Tierwelt eine Ausnahmebegabung. Sie werden nur gut 20 Zentimeter lang, können aber bis zu vier Meter weit spucken. Auf diese Weise erlegen sie in ihrer tropischen Heimat Mücken, Spinnen, Grillen und sogar Eidechsen, die hoch über ihren Köpfen auf Uferpflanzen sitzen. Ihre Tricks bei der Jagd sind so raffiniert, dass sich Erfinder davon inspirieren lassen. Bald könnten auch Chirurgen und Robotiker von der Schützenfischforschung profitieren.

Stefan Schuster, Mitte fünfzig, jugendliches Gesicht, Jeans, Wollpullover, Brille auf der Nase, kennt die silbergrauen Flossentiere mit den schwarzen Rückenstreifen wohl besser als jeder andere Wissenschaftler. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit Schützenfischen. Eines stellt der Bayreuther Professor für Tierphysiologie gleich am Anfang klar: „Sie spucken nicht, sie schießen.“ Besonders fasziniert Schuster das „körpereigene Blasrohr“, das sie dazu nutzen. Die Fische wölben ihre Zunge und legen deren Ränder an den Gaumen, dann heben sie ihr Maul aus dem Wasser, öffnen die Lippen und pressen blitzschnell die Kiemendeckel zusammen: Feuer frei! Heimisch sind Schusters Schützlinge im Brackwasser tropischer Küstenregionen in Asien und Australien, wo Flüsse und Meer ineinander übergehen. Mit Vorliebe halten sie sich in von Mangroven gesäumten Lagunen auf. Unbemerkt schwimmen sie an ihre Beute heran, die auf Zweigen und Blättern über dem Wasser sitzt, und schießen sie von schräg unten ab. Über den Rentnerpool gebeugt, wird deutlich: Aus der Perspektive der Beutetiere fällt der schlanke Körper der Räuber kaum auf.

Im Nachbarraum montiert Schusters Kollege Martin Krause gerade eine Kamera über einem Becken mit jungen Schützenfischen. Plötzlich zischt ihm ein Wasserstrahl ins Gesicht, unfassbar schnell. „Passiert ständig“, sagt Krause. Besonders bei den Jungtieren. Das Problem: Schützenfische zielen bei Menschen gern auf die Augen.

„Sie haben kein starres Beuteschema“, erklärt Schuster aus sicherer Entfernung, während seinen Kollegen der nächste Strahl ins Gesicht trifft. In Experimenten haben die Wissenschaftler den Fischen Fotos präsentiert: Auf das Bild einer Mücke spritzten sie, wie erwartet, lieber als zum Beispiel auf ein schwarzes Quadrat. Belohnt man aber Treffer auf dieses abstrakte Bild, indem man Futter ins Becken wirft, und tut dies nicht, wenn die Fische das Mückenbild treffen, so nehmen sie bald mit Vorliebe das Quadrat aufs Korn. „Es sind clevere Opportunisten“, sagt Schuster. Weshalb sie auch auf Menschen feuern, kann er nicht beantworten.

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mare No. 145

mare No. 145April / Mai

Von Till Hein

Till Hein, geboren 1969, freier Wissenschaftsjournalist in Berlin, schrieb bereits in mare No. 76 über einen charmanten Brackwasserbewohner: den geheimnisvollen Mangrovenkillifisch, der auch auf Bäumen leben kann.

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Vita Till Hein, geboren 1969, freier Wissenschaftsjournalist in Berlin, schrieb bereits in mare No. 76 über einen charmanten Brackwasserbewohner: den geheimnisvollen Mangrovenkillifisch, der auch auf Bäumen leben kann.
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Vita Till Hein, geboren 1969, freier Wissenschaftsjournalist in Berlin, schrieb bereits in mare No. 76 über einen charmanten Brackwasserbewohner: den geheimnisvollen Mangrovenkillifisch, der auch auf Bäumen leben kann.
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