Fehlstart in Badehose

Aus einem harmlosen Badeurlaubsfoto des designierten Reichs­präsidenten Friedrich Ebert machten Nationalkonservative in der jungen Weimarer Republik eine beispiellose Schmähkampagne

Die erste Schmutzkampagne gegen die junge Demokratie läuft bereits, da ist ihr Oberhaupt noch nicht vereidigt. Als der Sozialdemokrat Friedrich Ebert sich im August 1919 im Auto seinen Weg durch die Menschenmenge zum Weimarer Nationaltheater bahnt, wo er vor der Nationalversammlung auf die neu geschaffene Verfassung schwören soll, reicht irgendjemand aus der Menge seinem Büroleiter Rudolf Nadolny die „Berliner Illustrirte Zeitung“.

Nadolny wirft einen schnellen Blick auf das Titelblatt. Dort prangt ganzseitig ein Foto, das Ebert, den Reichswehrminister Gustav Noske und den Hamburger SPD-Mann Josef Rieger in der Ostsee zeigt – in Badehosen. Nadolny, bemüht, seinen Chef nicht aus der Fassung zu bringen, setzt sich kurz entschlossen auf das Heft.

Die Vereidigung verläuft ohne Zwischenfälle, das unvorteilhafte Bild bleibt Ebert dennoch nicht lang verborgen – die „Berliner Illustrirte Zeitung“ hat eine millionenstarke Auflage. Satiriker und Karikaturisten weiden die Vorlage genüsslich aus. Eine Postkarte, die die rechtskonservative „Deutsche Tageszeitung“ bald nach der Vereidigung in Umlauf bringt, vergleicht Ebert und Noske in Badehosen mit Kaiser Wilhelm II. und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in Prunkuniformen. Die Überschrift lautet „Einst und jetzt!“, Auflage: 80 000 Stück. Dieselbe Zeitung war es auch, die das Foto bereits zwei Wochen vor dem Massenmedium „Berliner Illustrirte Zeitung“ veröffentlicht hatte. Noch drei Jahre später schwenkt bei einem Besuch Friedrich Eberts in München ein Student eine rote Badehose wie eine Protestflagge.

Die Badehosenwitze erscheinen harmlos im Vergleich zu den Anfeindungen, die Ebert während seiner sechsjährigen Amtszeit erlebt. Nicht nur seine Herkunft aus einer Handwerkerfamilie und seine kurzzeitige Arbeit als Gastwirt werden ihm vorgeworfen. Stellvertretend für die neue Staatsform und für die Sozialdemokraten – in der Kaiserzeit noch als „vaterlandslose Gesellen“ verfemt –, ist er bei vielen verhasst. Über ihn kursieren etliche Verleumdungen: Er habe ein Bordell betrieben, seine Schulden nicht bezahlt, sei „ständig besoffen wie ein Schwein“ und „hurt mit Theaterweibern die Nächte durch“.
Der Historiker Wolfgang Birkenfeld hat die Schmähungen und Drohungen zusammengetragen und ausgewertet. Sie ergeben eine Stimmung der frühen Weimarer Republik, die der Hetze in sozialen Netzwerken heute in nichts nachsteht. Ebert wehrte sich mit 173 Strafanträgen gegen Zeitungsartikel, aber auch gegen Beleidigungen, die ihm auf der Straße an den Kopf geworfen wurden. Ein Großteil der Pöbler muss eine Geldstrafe zahlen oder für einige Wochen ins Gefängnis. Das Badehosenfoto aber darf weiterverbreitet werden, weil Ebert und Noske Personen der Zeitgeschichte sind.

Das berühmt gewordene Bild zeigt nur einen Ausschnitt der ursprünglichen Aufnahme. Auf dieser sind neben Ebert und Noske noch Henry Everling, Gustav Lehne, Julius Müller und Josef Rieger von der SPD-nahen Stiftung Pro zu sehen, die im Mai 1919 in Haffkrug bei Travemünde ein Erholungsheim für Kinder aus Arbeiterfamilien eröffnet hat. Ebert besucht es am 16. Juli und nimmt anschließend mit den anderen Männern ein Bad in der Ostsee.

Die Wahl ihrer Kleidung ist mehr als unglücklich. Dass die damals für Herren üblichen Badetrikots am Strand keinen sozialen Status erkennen lassen, ist für manch Konservativen schon skandalös genug. Doch der beleibte, knapp 1,65 Meter große Ebert trägt nicht einmal das, sondern eine Badehose, die viele als vulgär empfinden. Auch dass es sich möglicherweise um eine „Militärbadehose“ handelte, wie der Kunsthistoriker und Ebert-Zeitgenosse Wilhelm August Luz meinte, nützt Ebert nichts.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 145. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 145

mare No. 145April / Mai

Von Silvia Tyburski

Mit der Weimarer Republik hat sich Silvia Tyburski, 1976 geboren, Journalistin in Hamburg, vergangenes Jahr auch für eine Serie über die Neue Sachlichkeit im Kunstmagazin art beschäftigt.

Mehr Informationen
Vita Mit der Weimarer Republik hat sich Silvia Tyburski, 1976 geboren, Journalistin in Hamburg, vergangenes Jahr auch für eine Serie über die Neue Sachlichkeit im Kunstmagazin art beschäftigt.
Person Von Silvia Tyburski
Vita Mit der Weimarer Republik hat sich Silvia Tyburski, 1976 geboren, Journalistin in Hamburg, vergangenes Jahr auch für eine Serie über die Neue Sachlichkeit im Kunstmagazin art beschäftigt.
Person Von Silvia Tyburski