Der eingeschleppte Fluch

Auch in den beiden Amerikas gab es schon immer Viren. Aber gegen jene, die Europäer seit dem 15. Jahrhundert an die Küsten der Neuen Welt brachten, waren die indigenen Völker machtlos. Ihr folgendes ­beispielloses Massensterben hat vielfältige Ursachen

Nicht mit ihren Schwertern, sondern mit ihren Viren erobern die Europäer ab 1492 Amerika. Kolumbus und alle, die nach ihm kommen, schleppen Seuchen ein, gegen die kein Indianer immun ist. Die unsichtbaren Killer löschen ganze Völker aus. So erklärt sich der Triumph von Konquistadoren und Siedlern. Das alles ist schon eine Binsenweisheit, nur: Ganz so eindeutig ist es eben doch nicht.

Europäer erobern ja auch beispielsweise Afrika und Indien, gehen dort mindestens so brutal vor wie in Amerika. Aber warum stellen dort bis heute indigene Einwohner die überwältigende Mehrheit?

Und auch in Amerika wüten Krankheiten, gegen die wiederum die Europäer nicht immun sind. Die ersten Seuchenopfer in der Neuen Welt ab 1492 sind keinesfalls Indianer, sondern Kolumbus’ Leute. Warum aber sterben letztlich nicht die einigen hundert Weißen aus, die als Erste dort landen, sondern Millionen Indianer? Und warum sterben die meisten von ihnen ausgerechnet an der vermeintlich harmlosesten aller Krankheiten – an Pocken?

Krankheiten begleiten den Homo sapiens von Anfang an. Aber erst als er vor etwa 11 000 Jahren sesshaft wird und in seinen Dörfern Hühner, Ziegen oder Schafe hält, beginnt das Zeitalter der Seuchen. Mehr als 250 Erreger sind seither von Tieren auf Menschen übergesprungen, verteilt über Jahrhunderte.

Das Pockenvirus Orthopox variola könnte von Erregern abstammen, die ursprünglich Rinder befielen. Sie sind vielleicht die älteste Seuche der Menschheit, zumindest sind etwa 4000 Jahre alte ägyptische Berichte die ältesten erhaltenen Beschreibungen einer Epidemie. Um 1500 v. Chr. erreichen Pocken das Hethiterreich in der heutigen Türkei und den indischen Subkontinent, 250 v. Chr. sind sie in China, um 700 n. Chr. in Japan und Afrika. Das antike Athen wird 430 v. Chr. heimgesucht, das Imperium Romanum 165 n. Chr. Wo immer die Pocken erstmals auftreten, sind die Folgen fürchterlich. Genaue Statistiken existieren nicht, doch ist zum Beispiel überliefert, dass in Athen ein Viertel der Armee ausgelöscht wird, und im römischen Kaiserreich sterben sieben Millionen Menschen.

Nach und nach tauchen neue Seuchen auf. Sie verbreiten sich auf den Straßen Roms oder über die Seidenstraße, durch Hunnenheere, die von der Mongolei bis zur Ostsee ziehen, oder durch arabische Sklavenhändler, die ins Innere Afrikas vordringen. Über einen Zeitraum von 3500 Jahren entsteht so eine riesige Seuchenzone von Europa und Afrika über Arabien und Indien bis nach China und Japan – eine Region, in der mehr oder weniger überall Pocken, Windpocken, Masern, Lepra, Influenza, Malaria, Typhus, Pest und Tuberkulose grassieren.
Die Pocken verbreiten sich rascher als alle anderen Seuchen – so rasch, dass in der Alten Welt schließlich fast alle Erwachsenen entweder tot oder immun sind und von da an hauptsächlich Kinder befallen werden.

Doch weder sie noch irgendeine andere Seuche gelangt nach Amerika. Denn der Landweg über die Beringstraße, der Asien mit Amerika verband, versank schon vor der neolithischen Revolution und damit vor dem Aufkommen der Pandemien der Alten Welt.

Vor mindestens 18 000 Jahren, möglicherweise noch früher, wanderten die Vorfahren der Indianer aus Asien ein.
 

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mare No. 144

mare No. 144Februar / März

Von Cay Rademacher

Autor Cay Rademacher, geboren 1965, lebt in der Provence. Er findet, dass die heutige Coronapandemie kein Vergleich zu dem ist, was indianischen Völkern widerfahren ist. Aber man bekomme doch eine Ahnung davon, wie rasch ein Virus selbst eine komplexe Gesellschaft ratlos machen kann.

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Vita Autor Cay Rademacher, geboren 1965, lebt in der Provence. Er findet, dass die heutige Coronapandemie kein Vergleich zu dem ist, was indianischen Völkern widerfahren ist. Aber man bekomme doch eine Ahnung davon, wie rasch ein Virus selbst eine komplexe Gesellschaft ratlos machen kann.
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Vita Autor Cay Rademacher, geboren 1965, lebt in der Provence. Er findet, dass die heutige Coronapandemie kein Vergleich zu dem ist, was indianischen Völkern widerfahren ist. Aber man bekomme doch eine Ahnung davon, wie rasch ein Virus selbst eine komplexe Gesellschaft ratlos machen kann.
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