Gutes Virus

Bei aller verständlichen Antipathie für Corona – Viren sind nicht allgemein von Übel. Im Gegenteil: Die allermeisten tun unablässig Gutes. Besonders die in den Meeren. Sie machen unser Leben auf diesem Planeten überhaupt erst möglich

Angenommen, wir könnten alles sichtbare Leben aus dem Meer schöpfen. Alle Fische, allen Seetang, alle Wale, alle Muscheln, alle Krebse, selbst das kleine Zooplankton.
Die Ozeane der Welt würden dann leer erscheinen. Aber dieser Eindruck wäre ein falscher. Denn das Wasser würde weiter wimmeln von Lebewesen, die aber so winzig sind, dass man sie mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann – Bakterien, einzellige Algen und andere mikroskopisch kleine Organismen.

Mengenmäßig ist ihr Anteil sogar der weitaus größere. In jedem Kilogramm Leben aus den Ozeanen stellt der „sichtbare“ Teil aus Fischen, Muscheln oder Seetang nur etwa 20 bis 50 Gramm. Die übrigen 950 bis 980 Gramm bestehen aus mikroskopisch kleinen Kreaturen.
Und eine Lebensform ist in den Ozeanen besonders häufig vertreten, mehr als alle anderen. Es sind – Viren.

Selbst die Meeresbiologen waren überrascht, als sie das herausfanden. Sie hatten lange geglaubt, dass so gut wie gar keine Viren in den Ozeanen leben. Dann aber stellte sich heraus, dass die Instrumente der Forscher schlicht nicht empfindlich genug gewesen waren, um sie aufzuspüren. Ein typisches Virus ist etwa 200-mal kleiner als ein rotes Blutkörperchen.

Seit die Biologen begannen, das Wasser der Ozeane mit neueren Methoden zu untersuchen, haben sie atemberaubend große Zahlen dieser Organismen gefunden: In einem einzigen Liter Wasser stecken rund zehn Milliarden Viren.

Manche dieser Viren fallen über Algen her. Andere Viren, sogenannte Bakteriophagen oder kurz Phagen, greifen ausschließlich Bakterien an. Über die meisten wissen die Forscher fast nichts. Doch es zeichnet sich ab, dass das kollektive Treiben der Meeresphagen immense Auswirkungen auf die Welt hat, in der wir leben. Und dass sie vielleicht sogar die Lösung für eine der größten medizinischen Krisen der Gegenwart liefern könnten.

Atmen wir beispielsweise einmal tief ein und wieder aus. Dann noch einmal: ein und aus. Statistisch stammt der Sauerstoff, den wir mit dem zweiten Atemzug in die Lunge saugen, von Mikroalgen und Mikroben im Meer. Diese Kleinstorganismen schwimmen in den Wellen und betreiben Fotosynthese. Sie nehmen also das Licht der Sonne auf, wandeln es in Energie um und setzen dabei Sauerstoff frei. Es gibt so viele Abermilliarden dieser Mikroalgen und Mikroben, dass sie gut die Hälfte des Sauerstoffs in der Atmosphäre produzieren. Aber verglichen mit den Viren im Wasser ist ihre Zahl dennoch fast verschwindend klein. Rein rechnerisch lauern um jeden dieser Fotosynthese betreibenden Einzeller zehn Phagen.
Technisch sind Viren einfache Strukturen und bestehen nur aus etwas Erbgut, das von einer Proteinhülle umgeben ist. Auf sich allein gestellt, können sie sich weder bewegen noch wachsen, noch haben sie einen Stoffwechsel. Doch sie besitzen an ihrer Außenseite enterhakenähnliche Auswüchse. Damit können sie sich an andere Organismen oder Zellen anlagern und ihr eigenes, virales Erbgut in deren Inneres schleusen.

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mare No. 144

mare No. 144Februar / März

Von Ute Eberle und Tim Schröder

Phagen sind die besten aller Viren, findetUte Eberle, Jahrgang 1972, freie Journalistin in Baltimore County im US-Bundesstaat Maryland. Nicht nur, weil sie dem Menschen nutzen. Sondern auch, weil manche unterhaltsame Namen tragen. Als Forscher jüngst eine Reihe neuer Phagen entdeckten, tauften sie sie mit Namen wie Whopper-Phage, Biggie-Phage und Enorme-Phage. Sie alle sind – man ahnt es – besonders groß, jedenfalls für Virenverhältnisse.

Bislang hielt Tim Schröder, geboren 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, Bakterien für die Hauptdarsteller in den Ozeanen. Die Bedeutung der Viren hatte er völlig unterschätzt.

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Vita Phagen sind die besten aller Viren, findetUte Eberle, Jahrgang 1972, freie Journalistin in Baltimore County im US-Bundesstaat Maryland. Nicht nur, weil sie dem Menschen nutzen. Sondern auch, weil manche unterhaltsame Namen tragen. Als Forscher jüngst eine Reihe neuer Phagen entdeckten, tauften sie sie mit Namen wie Whopper-Phage, Biggie-Phage und Enorme-Phage. Sie alle sind – man ahnt es – besonders groß, jedenfalls für Virenverhältnisse.

Bislang hielt Tim Schröder, geboren 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, Bakterien für die Hauptdarsteller in den Ozeanen. Die Bedeutung der Viren hatte er völlig unterschätzt.
Person Von Ute Eberle und Tim Schröder
Vita Phagen sind die besten aller Viren, findetUte Eberle, Jahrgang 1972, freie Journalistin in Baltimore County im US-Bundesstaat Maryland. Nicht nur, weil sie dem Menschen nutzen. Sondern auch, weil manche unterhaltsame Namen tragen. Als Forscher jüngst eine Reihe neuer Phagen entdeckten, tauften sie sie mit Namen wie Whopper-Phage, Biggie-Phage und Enorme-Phage. Sie alle sind – man ahnt es – besonders groß, jedenfalls für Virenverhältnisse.

Bislang hielt Tim Schröder, geboren 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, Bakterien für die Hauptdarsteller in den Ozeanen. Die Bedeutung der Viren hatte er völlig unterschätzt.
Person Von Ute Eberle und Tim Schröder