Ball über Bord!

Zur ersten Fußball-WM reisten Europas Teams wochenlang per Schiff nach Montevideo – mehr Abenteuer als die WM selbst

Als Erste müssen die Rumänen aus den Federn. Ihr Training beginnt um 6.15 Uhr. Und sie haben nur 30 Minuten Zeit. Dann übernehmen die Belgier den Platz. Anschließend, ab 7.15 Uhr, hat das französische Team sein kurzes Zeitfenster. Um die anderen Passagiere auf dem Luxusdampfer nicht zu stören, dürfen die Fußballstars das Deck der „Conte Verde“ nur in den frühen Morgenstunden zum Training nutzen. In knapp drei Wochen wird in Uruguay die erste Fußballweltmeisterschaft angepfiffen. Doch Passagierflüge über den Atlantik kosten im Sommer 1930 ein Vermögen; sie werden ausschließlich per Luftschiff durchgeführt. Und Fußball ist noch kein Milliardengeschäft. Daher legen die Nationalteams aus Europa die mehr als 10 000 Kilometer nach Uruguay auf dem Seeweg zurück – und müssen sich an Bord auf das Turnier vorbereiten. Insgesamt sind die Spieler mehr als zwei Wochen unterwegs. Die lange Anfahrt schreckt viele europäische Teams ab; nur vier Nationen machen sich auf den Weg.

Am 20. Juni läuft die „Conte Verde“ mit den rumänischen Nationalspielern sowie Hunderten weiteren Passagieren an Bord aus dem Hafen von Genua aus. In den Tagen darauf steigen in Villefranche-sur-Mer und Barcelona die Teams aus Belgien und Frankreich sowie der renommierte Schiedsrichter Joannes „John“ Langenus aus Antwerpen zu. Das jugoslawische Nationalteam schließlich fährt von Marseille aus mit dem Passagierschiff „Florida“ nach Südamerika. Als die Dampfer in See stechen, haben die Spieler bereits lange Anreisen in den Knochen. Die Jugoslawen verbrachten mehr als 60 Stunden in der Eisenbahn. Und auch die Rumänen harrten Tage und Nächte auf Holzbänken im Zugabteil aus, um sich schließlich in Italien einzuschiffen. Nach den Strapazen im Zug muss ihnen der Luxusdampfer „Conte Verde“, der 2400 Passagieren Platz bietet, wie das Paradies vorkommen.

Die Fußballer sind in Kabinen der ersten Klasse untergebracht. Abends schwingen manche das Tanzbein, andere genießen im Salon Spielfilme oder Theateraufführungen. Und der Alkohol fließt in Strömen. „Am ersten Tag feierten wir die Abfahrt des Schiffs“, wird der belgische Nationaltorwart Arnold Badjou nach dem Turnier erzählen. „Am nächsten Tag die Fernsicht des afrikanischen Ufers, dann die Überquerung des Äquators.“ Um sich auf eine WM vorzubereiten, eignet sich das Luxusschiff mit der gut bestückten Bar und dem eleganten Friseursalon nur bedingt. Die Fußballer studieren denn auch nicht etwa Freistoßvarianten ein oder üben Doppelpässe. Mangels Spielfeld und Toren halten sie sich morgens mit Springen und Seilhüpfen fit, mit Gymnastik und Ringturnen. Noch kurioser laufen die Vorbereitungen auf der „Florida“. Die jugoslawischen Nationalspieler – aus finanziellen Gründen reisen sie ohne Trainer an – konzentrieren sich ganz auf das Training ihrer Kaumuskulatur. Rund um die Uhr plündern sie das Buffet. Torwart Milovan Jakšic´, so die Überlieferung, nimmt während der Überfahrt 16 Kilogramm zu. Das Verblüffendste: Ausgerechnet die Jugoslawen werden bei der WM als einzige Mannschaft aus Europa das Halbfinale erreichen.

20 Jahre später steckt sich Italiens Nationalmannschaft noch höhere Ziele, als sie – ebenfalls per Schiff – zur WM von 1950 nach Südamerika aufbricht: Der amtierende Weltmeister will in Brasilien seinen Titel verteidigen. Schließlich haben die Jugoslawen 1930 bewiesen, dass Kreuzfahrtambiente, üppiges Essen und wenig Training vor einem solchen Turnier nicht zu Misserfolg führen müssen. Der eigentliche Grund für die ungewöhnliche Wahl des Verkehrsmittels ist jedoch tragisch: Anfang Mai 1949 ist fast die gesamte Mannschaft des AC Turin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, darunter mehrere Nationalspieler. Daher reist das italienische Nationalteam 1950 mit dem Schiff an – und braucht fast genauso lange nach Südamerika, wie die Mannschaften aus Europa zwei Jahrzehnte zuvor.
 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 144. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 144

mare No. 144Februar / März

Von Till Hein

Till Hein, Jahrgang 1969, Autor in Berlin, trainierte früher jeden Dienstagabend beim Basler Akademikerfußballverein 1. FC Fortuna Gildenzirkel. Manche sagten, er sei der begeistertste Möchtegernmittelstürmer der Stadt. Ende März erscheint im mareverlag sein jüngstes Buch „Crazy Horse. Launische Faulpelze, gefräßige Tänzer und schwangere Männchen: Die schillernde Welt der Seepferdchen“.

Mehr Informationen
Vita Till Hein, Jahrgang 1969, Autor in Berlin, trainierte früher jeden Dienstagabend beim Basler Akademikerfußballverein 1. FC Fortuna Gildenzirkel. Manche sagten, er sei der begeistertste Möchtegernmittelstürmer der Stadt. Ende März erscheint im mareverlag sein jüngstes Buch „Crazy Horse. Launische Faulpelze, gefräßige Tänzer und schwangere Männchen: Die schillernde Welt der Seepferdchen“.
Person Von Till Hein
Vita Till Hein, Jahrgang 1969, Autor in Berlin, trainierte früher jeden Dienstagabend beim Basler Akademikerfußballverein 1. FC Fortuna Gildenzirkel. Manche sagten, er sei der begeistertste Möchtegernmittelstürmer der Stadt. Ende März erscheint im mareverlag sein jüngstes Buch „Crazy Horse. Launische Faulpelze, gefräßige Tänzer und schwangere Männchen: Die schillernde Welt der Seepferdchen“.
Person Von Till Hein