Das Reifezeugnis

Im 19. Jahrhundert hatten Weinhändler in Bordeaux eine Marke­ting­idee: Sie schickten ihren Wein übers Meer – aus Gründen

Die Zeit wurde lang in der Festung Fredericia, damals, im Jahr 1864. Von den Preußen und Österreichern belagert, harrten die Dänen in zermürbender Wartestellung aus. Hauptmann Wilhelm Dinesen war einer von ihnen, blutjung, zu Heldentum bereit. Doch zunächst galt es einen inneren Feind zu schlagen, den Lagerkoller. Der Offizier gutsherrlichen Geblüts fand einen Weg. Er richtete feine Diners aus, gekrönt von erlesensten Weinen.

„Dinesens Tante Thyra Frijs von Frijsenborg versorgte ihren Neffen gut. Sie schickte ihm kistenweise Veuve Cliquot, Château Lafite retour de l’Inde und Pauly d’Asti.“ So erzählt es Tom Buk-Swienty 2014 in seiner Dinesen-Biografie „Feuer und Blut“. Damit schreibt er den vinophilen Hauptmann (und Vater von Karen Blixen) indirekt in ein spannendes Kapitel Weingeschichte ein: jenes des Prädikats retour de l’Inde.

Seine Erfolgsstory begann mit einem Zufall. Für den Handelsplatz Bordeaux hatte nach dem Verlust der Kolonie Saint-Domingue, des heutigen Haiti, das Asiengeschäft an Bedeutung gewonnen. Spitzenweine des Médoc waren vor allem bei Indiens Luxusklientel gefragt. Dennoch kamen vereinzelte Sendungen unverkauft zurück – und versetzten die Bordelaiser négociants in Staunen. Sie hatten an Qualität zugelegt! Und dies nach Tausenden Seemeilen und viermaliger Äquatorquerung (der Sueskanal wurde erst 1869 eröffnet). Also füllte man die Retouren in Flaschen, versah die Etiketten mit dem Hinweis retour de l’Inde (auch retour des Indes) und verkaufte sie zu Höchstpreisen.

Als Erfinder dieser exotischen Veredelung wird oft Louis Gaspard d’Estournel genannt, Gründer des Château Cos d’Estournel und „Maharadscha von Saint-Estèphe“ genannt. In der Folge bewog das lukrative Geschäft manche Händler, Spitzenweine gezielt auf die weite Rundreise zu schicken.

Zeugnis für den Retour de l’Inde-Handel liefern die – raren – Etiketten. Im Musée du Vin et du Négoce de Bordeaux findet sich ein Beispiel: „Château Chasse Spleen 1864. Retour de l’Inde“, Händlername: A. Lalande & Cie. Auch das traditionsreiche Handelshaus Schröder & Schÿler hat ein Exemplar über die Zeiten gerettet: „Pontet Canet. Retour de l’Inde“.
„Vom Stil des Etiketts her datiere ich den Wein zwischen 1850 und 1870“, erklärt
Generaldirektor Yann Schÿler in seinem Büro in den Chartrons, dem alten Weinhändlerviertel von Bordeaux. Seit 1739 ist die Firma hier ansässig, gegründet von Jacob (Jacques) Schröder aus Lübeck und Johann Heinrich (Jean-Henry) Schÿler aus Hamburg. Über die Gründe für die Retouren lasse sich, so Schÿler, nur mutmaßen: Hatte der Klient nicht bezahlt? Wurden die Fässer gar versehentlich vergessen – als Schiffsballast? 
 

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mare No. 144

mare No. 144Februar / März

Von Ingeborg Waldinger

Ingeborg Waldinger, Jahrgang 1956, war langjährige Redakteurin der „Wiener Zeitung“ und ist heute freie Journalistin und Übersetzerin aus dem Französischen. Ihr Interesse gilt Frankreichs Atlantikküsten, deren Geschichte und kulturellem Erbe. Einen der legendären Bordeaux zu verkosten, die einst mehrmals den Äquator querten, war leider naturgemäß nicht möglich.

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Vita Ingeborg Waldinger, Jahrgang 1956, war langjährige Redakteurin der „Wiener Zeitung“ und ist heute freie Journalistin und Übersetzerin aus dem Französischen. Ihr Interesse gilt Frankreichs Atlantikküsten, deren Geschichte und kulturellem Erbe. Einen der legendären Bordeaux zu verkosten, die einst mehrmals den Äquator querten, war leider naturgemäß nicht möglich.
Person Von Ingeborg Waldinger
Vita Ingeborg Waldinger, Jahrgang 1956, war langjährige Redakteurin der „Wiener Zeitung“ und ist heute freie Journalistin und Übersetzerin aus dem Französischen. Ihr Interesse gilt Frankreichs Atlantikküsten, deren Geschichte und kulturellem Erbe. Einen der legendären Bordeaux zu verkosten, die einst mehrmals den Äquator querten, war leider naturgemäß nicht möglich.
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