Die Sehnsüchte der Ilna Ewers-Wunderwald

Ilna Ewers-Wunderwald war eine gefeierte Illustratorin des Jugendstils. Aber statt in Salons genoss sie ihren Ruhm lieber auf Reisen um die Welt in Zweisamkeit. Nun wird die vergessene Künstlerin wiederentdeckt

Es ist kein schriftliches Zeugnis darüber erhalten, was Ilna Ewers-Wunderwald empfand, als sie 1937 nach sieben Jahren Weltreise zurück nach Deutschland kam. Schon das faschistische Italien war ihr unerträglich gewesen, das „Dritte Reich“ aber musste ein Horror für sie sein. Die Künstlerin unterstützte Freunde, die wegen ihres Engagements gegen die Nationalsozialisten in Konzentrationslager gesteckt worden waren. In jener Zeit zeichnete sie einen Kraken, der mit seinen Tentakeln einen Fisch erbeutet und seine Saugnäpfe in den Gefangenen gräbt.

Wir wissen auch nicht, wo sie all die Jahre zuvor geblieben war; nur auf Capri hinterließ sie eine Spur.

Im Jahr 1940 zog Wunderwald für 13 Monate auf die Insel Reichenau im Bodensee. Dann lebte sie mit ihrer Gefährtin Elli Unkelbach in Allensbach. Es war ein inneres Exil. Die Bodenseelandschaft erinnerte sie nicht nur an ihr geliebtes Capri, sondern gab ihr wegen der nahen neutralen Schweiz die Hoffnung, im Notfall Deutschland schnell verlassen zu können.

Ihr Leben beginnt 1875 in Düsseldorf. Schon in jungen Jahren schlägt Ilna Wunderwalds Herz für ein künstlerisches Leben und für das Reisen. Mit Herrengarderobe und Kurzhaarschnitt ist sie ihrer Zeit voraus; der exaltierte Ausdruck neuer Geschlechterrollen wird erst in den Metropolen der 1920er-Jahre modern. Doch ist ihr in der Kaiserzeit als Frau verwehrt, an Kunstakademien zu studieren, und für größere Reisen fehlen ihr die Mittel.

Sie heiratet im Mai 1901 den Autor und späteren Filmpionier Hanns Heinz Ewers. Da auch er unvermögend ist, werden sie gemeinsam erfinderisch. Zwei Monate nach der Hochzeit tourt das Ehepaar mit dem Kabarett „Überbrettl“ durch Europa. Mit hochrangigen Künstlern wie dem jungen Arnold Schönberg gastieren sie erfolgreich bis nach Russland.

Die Presse ist von der zierlichen Rheinländerin mit der dunklen, klangvollen Stimme hingerissen. Wunderwald und Ewers lieben das Vagantenleben, doch wollen sie ihre eigene Kunst befördern. Daher zieht es sie im November 1902 nach Capri – seit der Romantik ist die Insel ein von Künstlern viel besuchter, inspirierender Ort. Schinkel, Haeckel, Nietzsche waren schon zu Gast, auch Oscar Wilde gab sich die Ehre. Schroffe Felsen, stilles Meer, die Villa des Tiberius und die Blaue Grotte verklären die Insel ins Zauberhafte.

Das junge Paar richtet sich für zwei Jahre ein. Ewers schreibt Märchen, in die sich stellenweise seine Gattin als Heldin einschleicht, Wunderwald zeichnet ungewöhnliche, vom Meer angeregte Motive, gemeinsam übersetzen sie französische Literatur. Wie einst im Jahr 1826 der Maler August Kopisch die Blaue Grotte (Grotta Azzurra), entdecken 77 Jahre später Wunderwald und Ewers nach waghalsiger Klettertour eine weitere Grotte auf Capri mit bis zu 20 Meter hohen Stalagmiten von bizarrer Schönheit. Sie nennen sie Grotta Meravigliosa, Wundergrotte. Bald nimmt sich die Presse der Entdeckung an, und die Gemeinde durchschlägt den Fels zum Meer, um einen bequemen Eingang für Touristen zu schaffen. Das Paar freilich hält sich lieber an Lagunen und Buchten auf, die nur von Kennern der Insel gefunden werden können. Die Nacktheit ihrer Körper gilt den beiden als Ausdruck für die Befreiung aus bürgerlichen Zwängen.
 

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mare No. 143

mare No. 143Dezember / Januar

Von Karoline Arenula

Das Oldenburger Horst-Janssen-Museum widmet der Künstlerin von Februar 2021 an eine große Retrospektive. Die Monografie „Alraune des Jugendstils. Ilna Ewers-Wunderwald“ von Sven Brömsel erschien 2019 bei Zagava.

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Vita Das Oldenburger Horst-Janssen-Museum widmet der Künstlerin von Februar 2021 an eine große Retrospektive. Die Monografie „Alraune des Jugendstils. Ilna Ewers-Wunderwald“ von Sven Brömsel erschien 2019 bei Zagava.
Person Von Karoline Arenula
Vita Das Oldenburger Horst-Janssen-Museum widmet der Künstlerin von Februar 2021 an eine große Retrospektive. Die Monografie „Alraune des Jugendstils. Ilna Ewers-Wunderwald“ von Sven Brömsel erschien 2019 bei Zagava.
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