Einmal New York und zurück

Wundersam: Das Lieblingsgetränk der Föhrer ist nicht der Köm. Es ist der Manhattan, ein Cocktail aus Whiskey und Wermut

Wer Christa Bohn auf Föhr besucht – ihr Haus steht weit draußen hinter den Feldern bei Süderende –, bekommt schon am frühen Nachmittag einen eiskalten Manhattan serviert. Der rostbraune Cocktail ist das unangefochtene Lieblingsgetränk der Insel, fast jeder Föhrer hat ihn fertig gemixt bei sich im Kühlschrank stehen. Und die Insulaner schenken sich zu jedem Anlass ein Gläschen davon ein – an Geburtstagen, Feiertagen, Sonntagen. Es reicht schon, dass der Nachbar vorbeikommt, um Hallo zu sagen. „Was soll ich denn sonst servieren?“, sagt Christa Bohn. „Tee etwa?“

Viele Föhrer mischen sich die bittersüße Mixtur aus amerikanischem Whiskey und Wermut selbst an. Dass das Getränk mit dem fernen Namen ausgerechnet auf der Insel Föhr Kult ist, hat einen Grund. Denn der Manhattan schmeckt nicht nur gut, er erzählt eine Geschichte. Christa Bohn sagt: „Er erinnert uns an Amerika.“

Hundertschaften von Föhrern wanderten Ende des 19. Jahrhunderts in die USA aus, angelockt vom Goldrausch in Kalifornien und von gut bezahlten Jobs als Baumfäller im Westen. Nach der Fahrt über den Atlantik blieben viele in New York hängen, wo sie sich als Barkeeper verdingten oder Delikatessengeschäfte eröffneten, in der Bronx, in Brooklyn. Dort verkauften sie, was sie vom landwirtschaftlichen Leben auf ihrer alten Heimatinsel her kannten, Brot und Kartoffeln, Salate und Sandwiches. Das Geschäft mit den Delikatessen zum Mitnehmen lief gut, und bald wimmelte es im Big Apple von kernigen Nordseetypen, die dort Läden betrieben. Von der Friesen-Connection war in New York gar die Rede, und auf die oft gestellte Frage „Wohin wandert ihr aus?“ gab es bald eine bis heute berüchtigte, viel zitierte Antwort: „Nach New York, in Hamburg kennen wir doch keinen!“

Föhrer, die zurückkehrten, brachten in den folgenden Jahrzehnten ihren neuen Lieblingsdrink aus Amerika mit auf die Nordseeinsel. In den New Yorker Expatriatenrunden der Friesengemeinde hatten sie den Cocktail oft genug getrunken.

Seither ist er zum Siegel einer föhrisch-amerikanischen Freundschaft geworden. Denn mit den USA und New York im Speziellen verbindet Föhr bis heute ein enges Bündnis. Während auf der Insel rund 9000 Föhrer leben, tummeln sich in den USA angeblich an die 20 000, die von der Insel stammen. Kaum ein Insulaner, der nicht eine Tante, eine Nichte oder einen Onkel in den Staaten hat. Und sie alle eint der köstliche Wermuttropfen, den die Föhrer immer in Griffweite haben.

Christa Bohn nimmt einen kleinen Schluck aus dem Glas. Der Wind pfeift ums Haus, vom Wohnzimmer fällt der Blick über die Felder, bis zum Meer, bis zum Horizont. Auf dem Tisch liegt ein altes Fotoalbum. Die Bilder zeigen Christa Bohn und ihren inzwischen verstorbenen Ehemann Ocke. Zu sehen ist auch ein typischer New Yorker „Deli“, ein Delikatessenladen auf Long Island, den die beiden viele Jahre in Amerika betrieben. „Wir arbeiteten sechs Tage die Woche, von morgens bis abends“, erinnert sich Christa Bohn.

Als Sohn eines Föhrer Auswanderers war ihr Mann Ocke 1929 bereits in den USA geboren worden. 1945 kamen seine Eltern mit ihm und seinem Bruder zurück nach Föhr, doch 1950 fuhr er abermals mit einem Schiff nach New York, an Bord nun auch seine Frau Christa. Die beiden eröffneten ihren eigenen Deli; sie blieben bis 1961 in New York. Auf den Fotos ist auch Ocke Bohn zu sehen, nachdem die beiden wieder nach Föhr gekommen waren, um fortan dort zu leben. Da steht er in seinem Garten hinterm Haus, wie ein amerikanischer Farmer, in umgekrempelten Jeans mit Hosenträgern und festem Blick in die Ferne.

Den ganzen Nachmittag kann Christa Bohn Geschichten aus Amerika erzählen. Von den ersten unerschrockenen Föhrern, die einst auswanderten, um in Sägewerken zu schuften, auf fernen Verladestegen in Gualala, Kalifornien, nicht mehr die friesischen Priele vor der Nase, sondern den Pazifik. Sie erzählt von den Zeiten in New York, von ihren Reisen über den großen Teich. Einen Schluck Manhattan nimmt sie noch. Aber nur einen ganz kleinen, denn Christa Bohn ist inzwischen 90 Jahre alt. Eine waschechte Föhrerin, die von ihrem Wohnzimmer weit nach Westen blicken kann, irgendwo Richtung Amerika.


Föhrer Manhattan

Ein klassischer amerikanischer Manhattan wird aus zwei Teilen (4 cl) Rye Whiskey, Bourbon Whiskey oder Canadian Whisky angerührt. Dazu kommen ein Teil (2 cl) roter Wermut und zwei Spritzer Angosturabitter. Die Zutaten werden in einem mit Eiswürfeln gefüllten Glas gerührt und durch ein Barsieb in einen vorgekühlten Martinikelch oder eine Cocktailschale abgeseiht. Serviert wird der Manhattan möglichst kalt, allerdings straight up – also ohne Eis im Glas.

Vollendet serviert wird der 23-prozentige Aperitif, wenn am Ende noch eine Cocktailkirsche in den Drink kommt. Die Föhrer übrigens rühren ihren Manhattan nach eigener Manier an. Sie nehmen drei gleiche Teile Whiskey, weißen und roten Wermut. Der Cocktail schmeckt dann süßer und soll noch besser über den Gaumen gehen.

mare No. 143

mare No. 143Dezember / Januar

Von Marc Bielefeld

Marc Bielefeld, 1966 in Genf geboren, zog mit fünf Jahren nach Deutschland. Er wuchs danach in Hamburg auf. Bielefeld lebt an der Elbe und schreibt als freier Autor für Magazine wie mare, Merian, National Geographic, Lufthansa und Mercedes Magazin oder Yacht.

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Vita Marc Bielefeld, 1966 in Genf geboren, zog mit fünf Jahren nach Deutschland. Er wuchs danach in Hamburg auf. Bielefeld lebt an der Elbe und schreibt als freier Autor für Magazine wie mare, Merian, National Geographic, Lufthansa und Mercedes Magazin oder Yacht.
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