Fette Lüge?

Gutes Cholesterin oder böses Cholesterin? Die Frage spaltet die Forschung. Gestellt hat sie der US-Ernährungswissenschaftler Ancel­ Keys. Er erfand vor 60 Jahren die „Mittelmeerdiät“

In Neapel gebe es kaum Herzkranke, das Thema Herzinfarkte interessiere in Süditalien niemanden, bekam Ancel Keys 1951 in Rom auf einer Welternährungskonferenz zu hören. Genau das fand der Physiologe und Ernährungswissenschaftler spannend, und so fuhr er nach Süditalien, untersuchte den Speiseplan der Einheimischen, nannte ihn „Mittelmeerdiät“ und wurde berühmt. „Diät“ bedeutet dabei keine Rezeptsammlung zum Abnehmen, sondern Menüs mit viel Gemüse, Olivenöl, Fisch und Rotwein.

Bevor Keys sich für die Mittelmeerdiät interessierte, hatte er 1940 die „Ration K“ (K für Keys) erfunden. Vom Pentagon beauftragt, stellte er für die US-Armee im Zweiten Weltkrieg ein Überlebensnahrungspaket für Fallschirmspringer zusammen. Wahrlich keine Mittelmeerkost, sondern eine Box unter anderem mit kalorienreichem Kommissbrot, löslichem Kaffee und Zucker, Kaugummi, jeweils vier Zigaretten morgens, mittags und abends sowie Zitronenpulver für Getränke, das so schauderhaft geschmeckt haben soll, dass die Soldaten damit ihre Schränke putzten.

Keys beschäftigte sich auch anschließend mit Ernährung, und das durchaus auf drastische Weise. Um herauszufinden, wie man nach einer Hungersnot zu Kräften kommt, führte er Menschenversuche durch. Bei dem „Minnesota Starvation Experiment“ unterzogen sich 1944 unter Aufsicht des United States Public Health Service freiwillig 36 Kriegsdienstverweigerer monatelang einer extremen Mangelernährung. Danach wurden sie aufgepäppelt. Auf den Fotos sehen die jungen Männer aus wie Lagerhäftlinge.

Nach dem Krieg untersuchte Keys den Zusammenhang von Essen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Langlebigkeit in Süditalien. Dort war ihm zunächst ein Umstand aufgefallen: Herzkrankheiten traten vermehrt bei Menschen auf, die sich private Kliniken leisten konnten. Keys schloss daraus nicht auf schlampige Arbeit in den Krankenhäusern, sondern stellte fest, dass diese Menschen sich auch teurere Lebensmittel leisten konnten. Hier suchte er nach dem Zusammenhang. Er fand ihn in gesättigten Fettsäuren, die verstärkt in Butter, Fleisch, Milch und Fertigmahlzeiten zu finden sind. Keys reiste immer wieder nach Süditalien, baute sich in Pioppi ein Haus und wurde Ehrenbürger des kleinen Orts in der Provinz Salerno. Dort forschte er zusammen mit seiner Frau, dort lebte er 28 Jahre. Das Museo della Dieta Mediterranea in Pioppi ist ihm und seiner Forschung gewidmet.

Ancel Keys’ Forschungsergebnisse waren umstritten. Vielleicht, weil er seiner Zeit voraus war, als er einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Herzerkrankungen suchte, vielleicht aber auch, weil seine Forschung nicht immer ganz seriös erschien. Wie etwa seine berühmte Sieben-Länder-Studie. Dafür untersuchte er die Ernährungsgewohnheiten von 12 000 Männern zwischen 40 und 60 Jahren. Jedoch: Keys forschte in 22 Ländern, nahm aber nur jene sieben Länder auf, die seine Thesen stützten. Auch die Feldstudien selbst waren anfechtbar. So berichtete er etwa am Beispiel Kreta über den niedrigen Fleischkonsum, verheimlichte aber, dass er dort während der vorösterlichen – fleischlosen – Fastenzeit forschte.
 

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mare No. 143

mare No. 143Dezember / Januar

Von Barbara Schaefer

Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, lebt als freie Autorin in Berlin, schreibt unter anderem für die „FAS“, die „Brigitte“ und die „Welt am Sonntag“. Sie hat in Italien studiert und bereist seit Langem den Süden Italiens, liebt die süditalienische Küche und wollte nun wissen, was es mit der Mittelmeerdiät auf sich hat.

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Vita Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, lebt als freie Autorin in Berlin, schreibt unter anderem für die „FAS“, die „Brigitte“ und die „Welt am Sonntag“. Sie hat in Italien studiert und bereist seit Langem den Süden Italiens, liebt die süditalienische Küche und wollte nun wissen, was es mit der Mittelmeerdiät auf sich hat.
Person Von Barbara Schaefer
Vita Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, lebt als freie Autorin in Berlin, schreibt unter anderem für die „FAS“, die „Brigitte“ und die „Welt am Sonntag“. Sie hat in Italien studiert und bereist seit Langem den Süden Italiens, liebt die süditalienische Küche und wollte nun wissen, was es mit der Mittelmeerdiät auf sich hat.
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