Unternehmen Kanada

Mit Biberfellhändlern beginnt 1670 die Geschichte der Hudson’s Bay Company. Das älteste Unternehmen Kanadas ist bis heute ein bedeutender Handelskonzern

Als die Segel am Horizont auftauchten, brach lauter Jubel aus, und nach und nach liefen alle hinunter zum Ufer. Sie trugen Mäntel aus verschmutztem Eisbärfell und Mützen, die aus diversen Fellstücken zusammengenäht worden waren. Unter ihnen quollen gewaltige Mähnen hervor. An den verdreckten Gesichtern hingen halbmeterlange Bärte, in den Augen flackerten Verwegenheit und Wahnsinn. „Sie sahen aus wie Kreaturen aus unseren Albträumen“, schrieb 1714 ein entsetzter Schiffskapitän in sein Logbuch, „und wenn wir nicht gewusst hätten, dass dort die mutigen Männer der Company am Ufer gestanden hätten – wir hätten angesichts ihrer Erscheinung sofort kehrtgemacht.“

Man kann sich das aus heutiger Sicht nur sehr schwer vorstellen, aber: Der abenteuerlich gewandete Haufen am Ufer und die einlaufenden Schiffe bildeten damals das Rückgrat einer wirtschaftlichen Weltmacht. Jedes Jahr im Spätsommer, wenn das Eis der Arktis für wenige Wochen passierbar war, brachten Dreimaster aus London Gewehre, Munition und Werkzeuge an die Gestade der Hudson Bay im Norden Kanadas, dazu Kerzen, Rum und alles andere, was man für einen Winter brauchte, der acht Monate dauern konnte. Wenn ihre Kapitäne wenig später wieder Anker lichten ließen, waren die Schiffe beladen mit Biberfellen.

So ging das Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Im Lauf der Zeit entstand dabei aus einer vagen Idee eine Art Königreich – und das größte Handelsunternehmen seiner Zeit. Zwei Jahrhunderte lang regierte die Hudson’s Bay Company (HBC) über ein Zwölftel der Weltoberfläche. Und sie war maßgeblich an der Gründung des neuen Staats beteiligt. Was heute Kanada ist, war früher großteils Company-Land.

Was war das für ein Unternehmen, das mit dem Handel von Fellen zu einer solchen Wirtschaftsmacht aufsteigen konnte? Wie funktionierte es? Und wie wurde es derart einflussreich?

Um den Erfolg der HBC zu verstehen, muss man sich einerseits den Grundsatz von Angebot und Nachfrage vor Augen halten. Und sich andererseits in jenes Land zurückversetzen, das heute Kanada heißt und in dem Mitte des 17. Jahrhunderts nicht viele Europäer, aber Millionen Biber lebten.

Das Fell dieses Nagers war in Europa heiß begehrt. Kürschner in London, Paris und Berlin fertigten wärmende und wasserabweisende Hüte, Jacken, Mäntel und Muffe aus ihm, für die viel Geld bezahlt wurde. Allerdings konnte die Nachfrage nicht gedeckt werden, weil dafür in Europa viel zu wenige Biber lebten.

In den unendlichen Weiten der Neuen Welt aber gab es mehr von ihnen, als man zählen konnte. Und es gab willige Helfer, die den Tieren für wenig Lohn nachstellten. Die Felle, die die Indigenen der First Nations in ihren Kanus aus dem Landesinneren in die Handelsposten der HBC brachten, wurden übereinandergelegt. Wenn der Stapel so hoch war wie eine Flinte oder ein Spaten, wurde getauscht.

Felle gegen Gewehre oder Werkzeuge – auf dieser simplen Formel basierte das Geschäft der Hudson’s Bay Company. Später wurden auch Gebrauchsgegenstände wie Baumwolldecken (sechs Felle), Angelhaken (20 für ein Fell) oder Metalllöffel (zwei je Fell) getauscht. Für vier Felle gab es eine Gallone Branntwein.

Es waren – ironischerweise – zwei Franzosen, die als Erste die Idee zu einem Unternehmen hatten, das Europas Bevölkerung mit Biberpelzen versorgen sollte. Médard Chouart des Groseilliers und Pierre-Esprit Radisson planten, über die Hudson Bay ins Innere des Kontinents vorzudringen, um an dessen Ressourcen zu gelangen. Dieser Weg war deutlich kürzer und direkter als die lange, mühselige Landreise von den französischen Kolonien am Sankt-Lorenz-Strom.

Als sie in Paris kein Gehör fanden, wurden die beiden Geschäftsleute in England vorstellig. Sie gewannen die Unterstützung von Prinz Rupert, einem Cousin des Monarchen Charles II. Rupert wiederum überredete den skeptischen König, eine Expedition auf die Reise zu schicken. Als deren Mitglieder zurückkehrten und die Machbarkeit der Pläne bestätigten, war die Entscheidung gefallen.


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No. 142

mare No. 142Oktober / November

Von Stefan Nink

Nachdem Kaufhausfilialen der Hudson’s Bay Company den Mainzer Reisejournalisten und Schriftsteller Stefan Nink, Jahrgang 1965, auf diversen Kanadareisen gerettet hatten (zu Hause vergessene Winterjacken, verlorene Handschuhe und Mützen etc.), begann er, die Historie des Unternehmens zu recherchieren. Und stieß auf eine faszinierende „Vom Start-up zur Weltmacht“-Geschichte.

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Vita Nachdem Kaufhausfilialen der Hudson’s Bay Company den Mainzer Reisejournalisten und Schriftsteller Stefan Nink, Jahrgang 1965, auf diversen Kanadareisen gerettet hatten (zu Hause vergessene Winterjacken, verlorene Handschuhe und Mützen etc.), begann er, die Historie des Unternehmens zu recherchieren. Und stieß auf eine faszinierende „Vom Start-up zur Weltmacht“-Geschichte.
Person Von Stefan Nink
Vita Nachdem Kaufhausfilialen der Hudson’s Bay Company den Mainzer Reisejournalisten und Schriftsteller Stefan Nink, Jahrgang 1965, auf diversen Kanadareisen gerettet hatten (zu Hause vergessene Winterjacken, verlorene Handschuhe und Mützen etc.), begann er, die Historie des Unternehmens zu recherchieren. Und stieß auf eine faszinierende „Vom Start-up zur Weltmacht“-Geschichte.
Person Von Stefan Nink