Tel Aviv

Eine Unwahrscheinlichkeit namens Tel Aviv: Die scheinbare Endlosigkeit der Konflikte in Israel löst sich in dieser Stadt wundersam auf. Der mare-Bildband zeigt den Schmelztiegel von Ethnien, Ideen und Religionen in nachhaltig beeindruckenden Fotografien

Nahezu jede Stadt hat ihren Gründungsmythos, ein Label, mit dem man sie assoziiert. Was ist aber mit Tel Aviv, der Halbmillionenstadt am östlichen Mittelmeer? Ein lokales Sprichwort gibt vor, es zu wissen: „Jerusalem betet, Haifa arbeitet, Tel Aviv aber feiert.“ Selbstverständlich weiß man es vor Ort genauer: Die aus Sanddünen entstandene Stadt – kein Mythos, sondern ein sogar notariell beglaubigter Gründungsakt vom April 1909 – beherbergt zusammen mit ihren Vororten die meisten israelischen IT-Unternehmen und ist damit quasi das Hirn der hiesigen Wirtschaft. Allerdings, mit dem Beten hat man es in der vornehmlich säkularen Stadt tatsächlich nicht allzu sehr. Obwohl es im un- gleich älteren, mehrheitlich arabisch be- siedelten und inzwischen Tel Aviv zugehörigen Jaffa zahlreiche Moscheen und Minarette gibt und die Große Synagoge bereits 1926 eingeweiht worden war, an der strandnahen Allenby Street, der vormals ersten Straße der jungen Stadt. Nicht zufällig aber hatte man das Gotteshaus im Stil der Moderne errichtet, während die späterhin in der Umgebung entstandenen Bauhaus-Gebäude „mediterranisiert“ wurden: an Schiffsbuge erinnernde Fassaden und im Parterre eine tragende Säulenkonstruktion, auf dass der vom Meer kommende Wind stets und immer für frische Belüftung sorge.

Längst ist das architektonische Ensemble Teil des Unesco-Weltkulturerbes, doch zum aseptischen Freilichtmuseum ist das quirlige Tel Aviv trotzdem nicht geworden.
Im Gegenteil: In der progressiven Metropole wird auf dem Rabin Square regelmäßig gegen die rechtsnationale Regierung in Jerusalem protestiert, laden die Strandliegen am kilometerweiten Innenstadtstrand und die Bänke entlang des lauschigen Rothschild Boulevard nicht nur zum Entspannen, sondern auch zum oftmals sehr lautstarken Debattieren ein. Wie sollte es auch anders sein an einem Ort, der so heterogen ist wie kein anderer in Israel? Rumänische Vertragsarbeiter, philippinische Krankenpflegerinnen, geduldete Flüchtlinge aus Eritrea und Sudan – und auch die Einheimischen mit Familienbiografien, in denen Flucht und Ankunft, das Wunder des Entkommens und die Notwendigkeit eines Sich-neu-Erfindens die mentalitätsprägenden Fixpunkte sind. Wie viele ihrer Vorfahren sind einst hierhergeflohen: in den 1930er-Jahren aus Nazi-Deutschland, nach dem Holocaust an Bord maroder Seelenverkäufer übers Mittelmeer hierhergekommen oder als jüdische Vertriebene aus Marokko, Jemen, Syrien und selbst Indien. Wenn eine Stadt seither die Bezeichnung „Schmelztiegel“ verdient, dann Tel Aviv.

Womit wir schließlich dann doch wieder beim Feiern wären, das sich freilich hier nicht als Gaga-Ballermann manifestiert, sondern eher als eine Art Hedonismus mit Hirn, als eine selbst bei den wildesten Strandpartys noch immer überraschend reflektierte Lebensfreude, die genau um die Endlichkeit des Daseins weiß und um den unwahrscheinlich anmutenden Ausnahmecharakter dieser Stadt inmitten einer Region der Konflikte.

Tanz auf dem Vulkan oder im Auge des Orkans? Die Telavivniks, wie sich die Bewohner selbstbewusst nennen, würden es wohl nicht ganz so hoch hängen. Dass sie es gleichwohl zu schätzen wissen, wie der 1976 in Deutschland geborene Fotograf Jan Windszus ihr Lächeln und ihr Zögern, ihre Daseinslust und ihre Nachdenklichkeit zu Fotografien gemacht hat, die weit jenseits der gängigen Tel-Aviv-Klischees sind – davon zeugt dieser Bildband, ein visueller Stadtroman voller Empathie und unerwarteter Perspektiven.

No. 142

mare No. 142Oktober / November

Von Marko Martin und Jan Windszus

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Person Von Marko Martin und Jan Windszus
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