Nur der Himmel und das Wasser

Das Meer als Geburtshelfer der abstrakten Malerei: Seit dem Mittelalter ließen sich Künstler vom elementaren Angesicht des Meeres zu immer gegenstandsloseren Darstellungen inspirieren

Das Meer: eines der häufigsten Motive in der Landschaftsmalerei. Friedlich, romantisch, gefährlich, dunkel, lichtdurchflutet, spirituell, wild, glatt, hoffnungsvoll, mächtig, exotisch oder dämonisch – so wandelbar wie das Meer ist keine andere Naturkulisse. Durch seine vielen Gesichter drückten Künstler seit Hunderten von Jahren jede Stimmung aus, in der sie selbst schwelgten oder nach der der Zeitgeist ihrer Epoche verlangte. Zur Folge hatte dies, dass die malerischen Szenen von Meeren und den dazugehörigen Himmeln äußerst heterogen waren. Schon an der Manier der Wellendarstellung lassen sich Epochen und Künstlerhandschriften ablesen. Dabei schlich sich jedoch ein Phänomen ein, das weitaus brisanter für die gesamte Kunstgeschichte werden sollte: die Abstraktion in der Malerei.

Gewiss kann man das globale Aufflammen oder gar die gesamte „Erfindung“ der abstrakten Malerei nicht nur auf einen einzigen (kulturellen) Ursprung zurückverfolgen. Trotzdem lässt sich die Meereslandschaft als einen von mehreren Geburtsorten ausmachen.

Einer der weltweit bekanntesten Meeresmaler ist William Turner. Mit seinen wilden, stürmischen Bildern von bedrohlichen Meereslandschaften schrieb der Engländer Kunstgeschichte. Er ist ein Vertreter der englischen Romantik, in der die Künstler das Malen nicht mehr nur nach naturalistischen, sondern verstärkt nach emotionalen Maßstäben verstanden. „Malen ist nur ein anderer Ausdruck für Fühlen“, erklärte Turners Kollege John Constable. Die Natur wurde nicht mehr idealisiert dargestellt, sondern als emotional authentisches Bildnis von Licht, Farbe und Energien verstanden. Um dem Inneren der Naturschauspiele möglichst nahezukommen, ließ Turner sich sogar an einen Schiffsmast binden. Er wollte die Wellen, das Schwanken und das Spritzen am eigenen Körper erleben. Seine Meeresbilder waren zu seiner Zeit eine Sensation: Wellen, Himmel, Wolken und Dunst vermischten sich in einen vibrierenden Strudel aus Pinselhieben, dicken, krustigen Partien und leichter Alla-prima-Malerei. In seinen gestischen, für damalige Sehgewohnheiten ungewöhnlich abstrakten Naturdarstellungen sahen einige ein Zeichen von Schwachsinn, für andere war er ein Genie ihrer Zeit.

Als Wegbereiter der modernen Malerei wird unter anderem sein Werk „Schneesturm auf dem Meer“ (1842) verstanden. Das verwundert nicht, denn es zählt zu seinen abstraktesten Bildern. Himmel und Meer sind hier nicht aufgeteilt, sondern bilden einen Strudel, der dynamisch um den Bildmittelpunkt, ein Schiff, kreist. Doch mit etwas Betrachtungsabstand verschwindet die konkrete Form des Schiffs, und das Gemälde wirkt ganz und gar abstrakt. Es wird durch Hell-dunkel-Kontraste strukturiert, die Licht und Schatten bilden und als Gesten und Flecken auftauchen. William Turner malte Naturkräfte anstatt sorgsam voneinander abgetrennter Bildelemente wie Wellen, Horizont und Wolken. Diese Naturkräfte in Form von Wind, Nebel und Wellengang sind schwierig zu konturieren. Wie sähe auch eine abgetrennte Form, also eine Kontur, von Nebel aus? Der Romantiker Turner konzentrierte sich auf das Malen von Licht und Bewegung. Damit grenzte er sich stark von anderen Landschaftsmalern seiner Zeit ab, die, wie etwa John Constable, die gebändigte, kultivierte Natur bevorzugten.

Turner war mit dieser Naturwahrnehmung nicht der Erste. Caspar David Friedrich, ein deutscher Romantiker, malte zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Bild „Der Mönch am Meer“ (1808–1810). Zu sehen ist eine kleine Rückenfigur am unteren Rand, darüber ein schmaler dunkler Meeresstreifen. Über die Hälfte des Bildes ist allerdings dem Meereshimmel gewidmet. Düsterheit und Lichtdurchbrechungen sind hier das Thema. Friedrich malte zwar noch mit weniger expressiven Gesten als Turner, jedoch geht er mit diesem Gemälde in seiner Abstraktion am weitesten. Der Himmel scheint aus Flecken, Schlieren und Dämpfen zu bestehen. Das Erstaunliche hieran war, dass Friedrich sich dazu entschied, diesem ungegenständlichen Bildteil den weitaus größten Platz auf der Leinwand zu widmen.

Die Abstraktion auf Bildern von Wasserlandschaften lässt sich übrigens bereits auf der „Geburt der Venus“ (1484–1486) von Sandro Botticelli erkennen. Neben der naturalistischen Venus, den weiteren Figuren, ihren Gewändern und Haaren ist die Darstellung der Wellen eine Überraschung. Er malte sie als V, abweichend mal als ein U, und zwar mit einem dünnen, weißen Pinselstrich. Naturalistisch ist hier nichts. Botticelli abstrahierte die Wellen, zwar nicht gestisch oder expressiv wie über 300 Jahre später die Romantiker, dafür aber grafisch und zeichnerisch minimalistisch. Auch das ist eine Form der Abstraktion. 

 

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No. 142

mare No. 142Oktober / November

Von Larissa Kikol

Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für „Die Zeit“, „Kunstforum International“, „art“, „Die Kunstzeitung“ oder „Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.

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Vita Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für „Die Zeit“, „Kunstforum International“, „art“, „Die Kunstzeitung“ oder „Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.
Person Von Larissa Kikol
Vita Larissa Kikol, geboren 1986, ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin und Kunstkritikerin. Sie schreibt unter anderem auch für „Die Zeit“, „Kunstforum International“, „art“, „Die Kunstzeitung“ oder „Spiegel“. Ihre Dissertation „Tollste Kunst – Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst“ erschien bei transcript. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.
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